Zukunft Europas

Deutschland am Scheideweg

Kommentar | Birgit Baumann, 27. September 2011, 19:02

Merkel muss klarmachen, ob sie mehr Europa und weniger Deutschland wagt

Manchmal braucht es in der Politik die ganz große Geste. Unvergessen, wie der deutsche Kanzler Helmut Kohl und Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand 1984 Hand in Hand an den Soldatengräbern von Verdun standen. Die Botschaft wirkt noch Jahrzehnte später nach: Die einstigen Kriegsgegner Deutschland und Frankreich gehen in Europa einen gemeinsamen Weg.

Auf ein wenig Pathos dieser Art warten viele auch heute, wo die Zukunft Europas auf Messers Schneide steht, wieder. Aber aus Deutschland kommt nichts. Kanzlerin Angela Merkel, diese rationale Naturwissenschafterin, vermag diese Sehnsucht nicht zu erfüllen. Zwar hat sie in ihren letzten Reden - im Bundestag und auf Regionalkonferenzen vor einer verunsicherten CDU - ein wenig mehr Leidenschaft für Europa erkennen lassen. Aber Merkel kann und will offenbar jene Führungsrolle in Europa, die viele von ihr erwarten, nicht übernehmen.

Darüber herrscht Frust von ganz oben bis nach ganz unten. Die Mehrheit der Deutschen glaubt längst nicht mehr, dass Merkel die Eurokrise stemmen kann. Und wen meint US-Präsident Barack Obama wohl, wenn er kritisiert, die Europäer hätten zu zögerlich auf die Euroschuldenkrise reagiert, die nun der Welt Angst einjage? Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann sicher nicht. Dieser Tritt aus Washington zielt auf Merkel.

Vieles, was in Deutschland derzeit schiefläuft, ist tatsächlich "made by Mutti", hat also die Bundeskanzlerin selbst mit ihrem Hü-und-hott-Kurs verschuldet. Zuerst wollte sie 2010 keinen Cent für die darbenden Griechen geben, weil im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen Landtagswahlen anstanden, dann wurden es immer mehr Cents und die Deutschen wurden dabei immer unruhiger.

Hinter all dem war eine Überlegung so deutlich zu lesen wie Neonreklame im dunklen Nachthimmel: Merkel sind die europäischen Nachbarn weniger wichtig als die Wählerinnen und Wähler zu Hause in Deutschland. Die jedoch haben keine Lust, mit immer mehr deutschem Steuergeld europäische Brände zu löschen.

Das ist nicht ganz unverständlich. Genau deshalb hätte man vielleicht beizeiten schon darauf hinweisen müssen, dass Deutschland mit seiner starken Exportwirtschaft einer der großen Profiteure des Euro ist und daher auch in Krisenzeiten solidarisch sein sollte. Das hat Merkel jedoch lange Zeit versäumt.

Man erinnere sich noch einmal an Helmut Kohl. Zwei Drittel der Deutschen wollten an der D-Mark festhalten und waren gegen den Euro. Kohl und sein Finanzminister Theo Weigel (CSU) aber setzten dieses Projekt durch, weil sie von der gesamteuropäischen Idee dahinter überzeugt waren.

Man kann aber auch nicht alles auf Merkel allein schieben. Die Boygroup um FDP-Chef Philipp Rösler ist weniger Partner, sondern mehr Peiniger, dem das Wohl der FDP-Klientel (Steuersenkung!) allemal näher ist als eine europäische Idee. Auch die Zusammenarbeit mit dem Franzosen Nicolas Sarkozy ist nicht immer einfach.

Die Ausweitung des Eurorettungsschirms wird Merkel am Donnerstag im Bundestag schon hinbekommen. Aber damit hört die Arbeit längst noch nicht auf, es ist nur eine weitere mühselige Etappe geschafft. Danach müsste die Kanzlerin endlich eine europäische Idee entwickeln. Ob sie aber noch die Kraft für mehr Europa und weniger Deutschland hat, ist völlig offen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.9.2011)

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Posting 1 bis 25 von 56
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slow motion
00
29.9.2011, 16:13
Deutschland mit seiner Exportwirtschaft profitiert natürlich nicht vom Euro,

wenn die Exporte mit Ramschanleihen und starker Instabilität im Finanz- und Wirtschaftssystem "bezahlt" werden ....

Arbeiterführer Kuhaltinger
 
01
28.9.2011, 18:28
Verdun: Kohl und Mitterand

Schau Birgit das war, Du wirst es nicht glauben, alles Show. Der Mitterand fasselte hinter den Kulissen von Mirage-Geschwader, die den Himmel über den Rhein verfinstern würden. Und er fasselte auch von der D-Mark als deutsche Atombombe. Und er hasste die Deutschen, wahrscheinlich weil er ein kleiner Zuträger im Vichy Regime war. Also nicht alles glauben!

Die Ente Lippens
00
28.9.2011, 18:07
der nette euro hat sich als teufelsspielzeug erwiesen und dennoch legen es die mittelmaessigen EU politiker nicht ausser hand, koste es uns was es wolle

Die Ente Lippens
00
28.9.2011, 18:03
nehr europa heisst in diesem zusammenhang mehr geld anderen staaten zu schenken.

Ein wunderbares ergebnis der europaidee. Arbeiten fuer andere. Europaeische sozialistische kommissarunion.

Joachim Jemsengeyer
00
28.9.2011, 18:03
Krank, das alles.

Und eine Wirtschaftsredakteurin, die den EFSF nicht vom ESFS unterscheiden kann.

Bauernbua
00
28.9.2011, 14:23

Merkel ist Bundeskanzlerin Deutschlands, und nicht der EU.

Wieso soll sie weniger Deutschland wollen? Das wollten nur Undeutsche.

Emerald
01
28.9.2011, 14:00
Falsches Euro-Pathos revisited

Zwei Drittel der Deutschen hatten recht, der Beweis wurde bereits erbracht. Und Frau Merkel vorzuwerfen, sie würde ein solch verantwortungsloses Pathos wie die damaligen Akteure nicht auch an den Tag legen, ist grotesk. Damals wurden jegliche Warnungen in den Wind geschlagen, offenbar aufgrund von Sentiments und unangebrachtem Überschwang.

Empfehlung zum Thema: Lektüre des aktuellen Spiegel.

Oh my God !
03
28.9.2011, 13:17
mehr Europa! mehr Schulden! mehr Fiat-Money!

mehr Rettungsschirm-Schneeballsysteme! - dafür aber weniger Zukunft.

world-citizen
00
28.9.2011, 12:34
Europa bräuchte wieder mal einen Jaques Delors.

Wenn man den nicht eingebremst hätte und er alle seine Visionen durchsetzen hätte können, gäbe es heute keine Schuldenkrise.

Tom Kranich
00
28.9.2011, 10:54

Ich hoffe, dieser Artikel erschien nicht in dieser Form als Print:

Theodor WAigel schreibt sich nämlich nicht WEigel.....

Peinlich, lieber Autorin!

käptn supermann
01
28.9.2011, 14:04

Thumbs-up für "lieber Autorin"

stephan huber1
011
28.9.2011, 10:39
"(...)dass Deutschland mit seiner starken Exportwirtschaft einer der großen Profiteure des Euro ist(...)"

das ist ja fast schon ein dogma...
wären deutsche produkte weniger innovativ und international kompetitiv, wenn es keinen euro gäbe? war deutschland vor einführung des euro kein exportland?

Sven63
01
28.9.2011, 12:37

Diese gern wiederholte Aussage würde Sinn machen, wenn die Exporte dem deutschen Staat üppige Steuereinnahmen und Haushaltsüberschüsse bescheren würden. Diese könnte man dann für Transferzahlungen an nicht wettbewerbsfähige EU-Südländer verwenden.
Leider gibt es weder üppige Steuereinnahmen noch einen Haushaltsüberschuss.

KarlNörgeler
06
28.9.2011, 11:10
Genau so ist es!

Die Behauptung, ohne den Euro würden die deutschen Exporte einbrechen, dient der Angstmache, mit der man die Bevölkerung in die "richtige" Richtung manipulieren will.

60% der deutschen Exporte gehen in Länder außerhalb der EU. Deutschland exportiert auch in EU-Länder, die nicht den Euro eingeführt haben.

Wenn Deutschland wirklich eine Führungsrolle in Europa spielen möchte, wäre der Aufschrei groß und alle anderen Länder würden Hinweise auf das 3. Reich geben. Der Hinweis auf eine deutsche Führungsrolle dient nur dazu, mehr Geld - das Deutschland nicht hat - von Deutschland zu bekommen. Also Deutschland in eine noch größere Verschuldung zu treiben.

Poldi Fesch
00
28.9.2011, 14:07
???

das hoert man meist anders

JonBut
40
28.9.2011, 10:21
Die EU ist am Scheideweg

Die Balance zwischen Pflicht und Verantwortung steht gerade bei Deutschland schief.
Solange sich das nicht ändert, wird sich Deutschland weiter stärken und weniger auf andere achten.
Selbst wenn Griechenland&Co gerettet werden würden, werden sie dank Euro weiter taumeln, bis zum nächsten Fall.
Mitunter wird der Euro zur deutschen Waffe, zunächst in Europa, danach weltweit.
Somit ist die EU! am Scheideweg, entweder völlige, politische Einheit, oder weiterhin ein Club zur Sicherung deutscher Interessen.

Sven63
01
28.9.2011, 10:08
"Merkel sind die europäischen Nachbarn weniger wichtig als die Wählerinnen und Wähler zu Hause in Deutschland"

Man kann über Merkel denken was man will, Fakt ist allerdings, dass sie sich in Deutschland zur Wahl stellen muss und nicht in Europa.
In den mangelhaften demokratischen Strukturen liegt ein Konstruktionsfehler der EU. Es kann nicht sein, dass die mächtigen EU-Kommissare in Hinterzimmern ausgekungelt wird.

Sven63
02
28.9.2011, 10:01
"(...)dass Deutschland mit seiner starken Exportwirtschaft einer der großen Profiteure des Euro ist(...)"

Gut gebrüllt, Frau Baumann - aber wer ist eigentlich Deutschland? Die Wahrnehmung der meisten Arbeitnehmer ist doch, dass die Realeinkommen sinken und dass v.a. die Groß(!)unternehmen vom Export profitieren. Ich merke herzlich wenig von erfolgreicher Exportwirtschaft. Ich sehe, dass meine sauer durch Arbeit verdienten Spargroschen in Gefahr sind und mir niemand erklären kann, wie die zusätzlichen 211 Millarden Euro für den europäischen Rettungsschirm finanziert werden sollen, wenn sie fällig werden.
Mit mangelnder Solidarität hat das nichts zu tun, eher mit dem sicheren Gefühl, dass in Europa zutiefst unseriös gewirtschaftet wird.

Walter Bimini
20
28.9.2011, 09:59
nirgends sieht man besser, daß die eudssr dem ende nahe ist, wie im bilderberger standard

Walter Bimini
11
28.9.2011, 09:52
selbst, wenn die deutschen wollten, sie können nicht. deutschland kann von glück reden, wenn es nicht mit untergeht..

myschkin
00
28.9.2011, 18:00

Deutschland ist der verlängerte Arm Amerikas in Europa. Wird also gebraucht. Ein bißchen gestutzt wird das Land noch, aber zur Kontrolle was in Europa, hat es ein paar Vorrechte.

Walter Bimini
00
29.9.2011, 12:39
deutschland ist nur als zahler vorgesehen, aber nachdem das weltfinanzsystem kollagieren wird, spielt das auch keine rolle.

fanta
04
28.9.2011, 09:27

Wie leicht dahergeschrieben - es fehlt die grosse Geste. Wieviel darf es denn sein - 100 Milliarden oder gleich ein paar Billionen? ( Steuergelder der normalen Bürger und der kommenden Generationen wohlgemerkt! ) Verglichen mit den Beträgen, die im Moment riskiert werden, war alles von Kohl bis Adenauer ein Klacks!! Soll man also, um Solidarität mit Europa zu zeigen, die Ersparnisse von Generationen aufs Spiel setzen? Und wo ist die Europa-Solidarität der Länder, die wie selbstverständlich diese immer einfordern?

piefkeinvienna
05
28.9.2011, 09:19
auf welchem Planeten leben sie eigentlich...

"Merkel sind die europäischen Nachbarn weniger wichtig als die Wählerinnen und Wähler zu Hause in Deutschland", und das aus dem Mund der doch ach so EU-Treuen Österreicher. Ein wenig mehr Sachverstand wäre schon wünschenswert und weniger Populismus. Beitrag damit wie leider zu oft völlig verfehlt und völlig überflüssig.

Silvio Lackner
00
28.9.2011, 10:01
Ich verstand den Satz so,

dass sie hier kein Faktum in den Raum stellen will, sondern ein Argument der Merkel-Gegner wiedergibt.

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