Öffentlich-rechtliche Sender konterkarieren die Onlineaktivitäten der Privaten, kritisiert "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn bei den Medientagen
"Ich glaube schon." Wolfgang Pütz ist sich nicht sicher, ob man rein über die Qualitätsschiene einen TV-Sender betreiben kann. Sein Servus TV dümpelt nach zwei Jahren am Markt bei bescheidenen 0,8 Prozent Marktanteilen herum. "Mittelfristig" will er mit Servus TV ein Geschäftsmodell etablieren, das sich rechnet. Und zwar ohne die investierten Millionen eines Didi Mateschitz, der den Sender derzeit mit den Red Bull-Milliarden tränkt. "Wir können nicht auf Dauer nur vom Mäzenatentum leben", so Pütz, hofft aber: "Man kann Erfolg haben, wenn man Geduld hat."
30 Prozent jährliches Wachstum
Geduld braucht Eva Dichand, Herausgeberin von "Heute", nicht mehr haben. Zumindest nicht in puncto Monetarisierung. Ihre Zeitung sei nach sieben Jahren am Markt hochprofitabel, betont sie, "wir fahren die höchsten Renditen ein". Mit jährlichen Wachstumsraten von 30 Prozent beim Umsatz und zehn Prozent bei den Lesern. Qualität heißt für sie in erster Linie, Leserwünsche zu befriedigen. Und mit "Heute" verfolge sie diesen Anspruch: "Wenn die Neue Zürcher Zeitung das fünf Gänge-Menü ist, dann sind wir das Wiener Schnitzel", sagt Dichand, "die Leute mögen es."
"Mein Name steht für nachhaltige Profitabilität", behauptet Oliver Voigt von der Mediengruppe "Österreich". Heuer werde sein Haus einen operativen Gewinn einfahren. Der Gratiszeitung "Heute" zollt er Respekt: Der Vertriebsweg sei der Richtige. Auf der einen Seite werden die Kosten niedrig gehalten, auf der anderen Seite können junge Leserschichten erschlossen werden. Ein Spagat, der auch mit "Österreich" gelingen werde, ist er überzeugt. "Masse und Klasse" definiert er als seine Zielgruppe: "Wir erreichen sowohl den Hausmeister als auch den Generaldirektor."
Keine Massenzeitungen
In Richtung "Falter"-Chef Armin Thurnher, der "Heute" und "Österreich" die Qualität abspricht, meint Voigt: "Die Leser sollen über Qualität entscheiden und nicht die Branchenkollegen." Thurnher hält "Österreich" für ein "unjournalistisches Produkt", das mit gefälschten Interviews hausieren gehe. Qualität habe nichts mit der Befriedigung von Kundenwünschen zu tun. "Wir werden nicht in opportunistischer Manier das machen, was das Publikum fordert." Qualitätszeitungen seien keine Massenzeitungen, aber demokratiepolitisch essenziell. Den "Falter" werde es auch in zehn Jahren noch geben, ist er überzeugt.
Nicht nur Frage der Auflage
Dass sich Qualität und Masse ausschließen, stimme nur bedingt, meint Thomas Osterkorn vom deutschen "Stern". Der "Spiegel" sei das beste Nachrichtenmagazin Europas, und das bei einer riesigen Auflage. "Je kleiner die Auflage, desto höher die Qualität" gelte nicht immer. Den österreichischen Medienmarkt beobachtet er mit Erstaunen: "Wahnsinn, was da alles geht." In Deutschland könne man sich nicht an jeder Straßenecke einfach eine Zeitung nehmen. Das Gratismodell lasse sich nicht nach Deutschland transferieren. "Bei Gruner + Jahr sind wir der Meinung, dass Qualität ihren Preis hat", so Osterkorn, "irgendwo muss das Geld schließlich reinkommen".
Das Qualitätsmäntelchen will sich auch News-Boss Axel Bogocz umhängen. Qualität liege, genauso wie Kunst, im Auge des Betrachters, sagt Bogocz, der die Printprodukte seiner Verlagsgruppe auf einem guten Weg sieht. Am Ausbau der Onlineaktivitäten führe allerdings kein Weg vorbei. "Wir müssen das Nutzungsverhalten noch genauer anschauen, um Geschäftsmodelle zu entwickeln."
"Österreich" denkt an TV
Auch Oliver Voigt will mit "Österreich" einen 360 Grad-Ansatz fahren. Mit multimedialem Denken: "Wir generieren den Impuls in Print, wickeln das Geschäft dann online ab." Um die Mediengruppe zu komplettieren, kann er sich in Zukunft TV-Aktivitäten von "Österreich" vorstellen.
Paywall? "In Deutschland fehlt dafür die Akzeptanz"
Damit Qualitätsjournalismus im Internet finanziert werden kann, brauche es den Massenmarkt, so "Stern"-Chefredakteur Osterkron. Als Portale, die Schwarze Zahlen schreiben, führt er Spiegel Online und Bild.de ins Treffen. "Das sind mit ihren Millionen Usern Marktmächte, die sich kapitalisieren lassen." An erfolgreiche Paywall-Modelle glaubt er nicht: "In Deutschland fehlt dafür die Akzeptanz." Auch, weil Medien den Markt torpedieren. Mit Rückendeckung der Medienpolitik. Als Beispiel nennt er öffentlich-rechtliche Sender wie die ARD, die pro Jahr 60 Millionen Euro in Internetaktivitäten investieren - um ihre Inhalte gratis unter die Leute zu bringen, kritisiert Osterkron: "Wie soll ich da die Paywall runterlassen?" (om, derStandard.at)