Rundschau: Die Töchter von Metropolis

    Ansichtssache22. Oktober 2011, 10:13
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    Urbane Visionen in Romanen von Arthur C. Clarke, China Miéville, Carlton Mellick III, Thomas Elbel und David Whitley

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    coverfoto: heyne

    Arthur C. Clarke: "Die Stadt und die Sterne"

    Broschiert, 326 Seiten, € 9,30, Heyne 2011

    Arthur C. Clarke als Inspiration für einen vom Lehrer belobigten Schulaufsatz: Das war die erste Begegnung Gary Gibsons, Autor der "Shoal"-Reihe, mit einem der Giganten der Science Fiction; hier geschildert im Vorwort zur Neuausgabe von "Die Stadt und die Sterne". Dem zufälligen Erstkontakt folgte bei Gibson die gezielte Suche nach weiteren - und echte Klassiker zeichnet es aus, dass jeder Leser von solchen oder ähnlichen Erinnerungen zu berichten weiß. In meinem Fall waren es vergilbte "Terra"-Hefteln, die ich während meiner ersten Welle der Science-Fiction-Begeisterung, so ab acht, aus irgendwelchen familiären Altbeständen zusammengeklaubt habe. Dass da schon einiges an Plunder dabei war, lag im Rückblick eher an Pech bei der Zufallsauswahl als an einer Schuld von "Terra" an sich. Mitten darunter stach aber plötzlich eine Erzählung heraus, die einfach irgendwie viel, viel besser war als der Rest und deren ambivalenter Schluss sich ebenso dauerhaft einbrennen sollte wie später die noch berühmteren letzten Worte von "Die neun Milliarden Namen Gottes". "Rettungsexpedition" ("Rescue Party") hieß die Erzählung, und der Name des Autors sagte mir damals natürlich noch rein gar nichts.

    Zehn Jahre nach "Rescue Party" veröffentlichte Clarke "The City and the Stars", seine Variante des von vielen AutorInnen verwendeten Roman-Plots um das letzte Bollwerk der menschlichen Zivilisation. In Clarkes Fall heißt es Diaspar: Die Stadt, die die Ewigkeit herausgefordert hat und in deren abgeschottetem Inneren immerwährender Nachmittag herrscht. Das Bild des Nachmittags, in dem Müßiggang und Niedergang gleichermaßen anklingen (letzteres noch viel stärker bei Brian Aldiss' "Der lange Nachmittag der Erde") bringt die Atmosphäre an einem Ort voll von Wundern, aber ohne jede Überraschung auf den Punkt. Zehn Millionen Menschen führen hier ein vergnügtes Leben ohne jeden Sinn; 100 Mal soviele schlummern in den Matrizen der Gedächtnisanlagen und warten auf ihre zyklische Wiedergeburt. Eine instinktive Angst vor dem Draußen, gespeist von Erzählungen über das lange verwehte Imperium der Menschheit, das unter dem Sturm ungenannt bleibender Invasoren zerbrach, hält die BewohnerInnen davon ab, sich in die Wildnis hinter den Stadtmauern vorzuwagen. Solange zumindest, bis der Protagonist des Romans auf den Plan tritt: Seit unzähligen Jahrtausenden hatte kein Raumschiff mehr das Sonnensystem angesteuert; dort draußen, mitten unter den Sternen, mochten die Nachfahren der Menschen immer noch Imperien errichten und Sonnen zerstören - die Erde wusste es weder, noch wollte sie es wissen. Die Erde nicht. Aber Alvin.

    Dieser Alvin ist ein ganz besonderer Bürger der Stadt, wie sich bald herausstellt, denn er ist vor 20 Jahren zum ersten Mal den Gedächtnisanlagen entstiegen; kein Wiedergeborener also, sondern das erste echte "Kind" Diaspars seit undenklicher Zeit. Und diese Frische trägt er in sich, denn als einziger möchte Alvin unbedingt wissen, was hinter den Stadtmauern liegt: Ein Entdecker und Wahrheitssucher in der vollen Bandbreite von naivem Optimismus bis zur Egozentrizität, ohne die sich letztlich kein Ziel erreichen ließe. Was genau Alvin draußen finden wird, wäre zum einen ein Spoiler, zum anderen aber ist es gar nicht einmal so wichtig, denn Clarke geht es nur um die Entdeckungslust an sich. So erweist sich auch ein gesellschaftliches Gegenmodell zu Diaspar, das Clarke zunächst als positive Alternative zu etablieren scheint, bloß als weitere Sackgasse. Was aber - wichtig! - keineswegs zu Resignation führt. Mögen wir uns auch am vermeintlichen Ende der Zeiten und auf einer verlassenen Erde befinden: keine Zeit für Melancholie. Was einst entdeckt und wieder verloren wurde, muss eben aufs Neue entdeckt werden. Dass Fragen viel wichtiger sind als dogmatische Antworten, zeigt sich nicht zuletzt auch an der Weise, in der Clarke das Thema Religion streift. Ist es ein Zufall, dass das letzte gläubige Wesen in der näheren galaktischen Umgebung ein Alien-Polyp ist und dem Schwindel eines falschen Propheten aufsitzt? Schwerlich, immerhin spricht Clarke von aufblühenden und wieder aus der Geschichte verschwindenden Kulten als Epidemien der Unvernunft.

    Dieses zyklische Werden und Vergehen spiegelt sich übrigens auf der Mikro-Ebene in dem Polypen selbst wider, dessen Zellen in langen Abständen auseinanderfallen, um sich später wieder zu einem Kollektivwesen zusammenzusetzen. Gibson weist im Vorwort darauf hin, dass Clarke von den Werken des britischen Autors Olaf Stapledon beeinflusst war. Der entwarf bereits in den 30er Jahren mit Romanen wie "Die letzten und die ersten Menschen" oder "Der Sternenmacher" Chroniken ferner und fernster Zukünfte, in denen es um den zyklischen Auf- und Niedergang menschlicher Zivilisationen ging - ein Jünger aus der gegenwärtigen SF-Literatur wäre beispielsweise Alastair Reynolds, siehe "Das Haus der Sonnen". Klar kann man bei solchen Spekulationen nicht mehr von Hard SF sprechen, auch nicht bei Clarkes Roman mit seinen ähnlich gewagten räumlichen und zeitlichen Dimensionen. Von der allgegenwärtigen Telepathie - nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Menschen und Robotern - einmal ganz abgesehen; in den 50ern war das eben noch ein vollkommen selbstverständlicher SF-Topos. Heutige AutorInnen lassen's halt mit Kommunikationsimplantaten funktionieren, so viel hat sich also gar nicht geändert. Wenn "Die Stadt und die Sterne" stellenweise ein wenig angejahrt wirkt, liegt es somit eher an der Nomenklatur als an den Ideen an sich.

    Umgekehrt ist es verblüffend, wie viele Romanszenarien aus späterer Zeit Clarkes Diaspar ähneln. Edward Bryants "Cinnabar" (1976) etwa, noch so ein abgeschottetes Paradies voller Techno-Magie und Müßiggang, könnte eine direkte Schwesterstadt Diaspars sein; mit Abstrichen auch Greg Bears metaphysische "Stadt am Ende der Zeit" (2009). Oder William F. Nolans Welt-Metropole im Roman "Logan's Run" (1967): Für dessen Verfilmung mit dem dämlichen deutschen Verleihtitel "Flucht ins 23. Jahrhundert" wurde das Zusatz-Element der Erneuerung der rituell hingerichteten BürgerInnen eingebracht ... ein Schwindel leider, während man in Diaspar tatsächlich wiedergeboren wird. Wie auch - aktuellstes Beispiel - in der wandelnden Mars-Stadt Oubliette und dem State-of-the-Art-Transhumanismus von Hannu Rajaniemis "Quantum" (2011). Rajaniemi hat sich zwar die Arbeit gemacht, detailliert auf die technischen Erfordernisse einzugehen, wo Clarke gelinde gesagt vage bleibt. Doch das Ergebnis ist bemerkenswert ähnlich: Eine Stadt (inklusive BewohnerInnen), die weniger ist als vielmehr kontinuierlich per Daten konstruiert und in einer scheinbar stabilen Form gehalten wird. Einen Computer, der die Existenz der Materie selbst kontrollieren kann, hat US-Wissenschafter Ivan Sutherland 1965 als the ultimate display bezeichnet ... neun Jahre nach "Die Stadt und die Sterne": Soll keiner sagen, Arthur C. Clarke wäre seiner Zeit nur in Sachen geostationäre Satelliten voraus gewesen.

    Unversehens ist man damit auch an der verschwimmenden Grenze von feststofflicher und virtueller Welt angelangt ... und damit bei "Matrix". Auch die Filmtrilogie aus den Jahren 1999 bis 2003 hat hier gewissermaßen einen Vorläufer - bis hin zu den Rollen, die einige ProtagonistInnen spielen. So fungiert in Diaspar der Spaßmacher Khedron als Element der kalkulierten Unordnung (hallo, Orakel!) ... und wenn Alvin als älteres Pendant Neos zum Erneuerer wird, dann ist dies auch hier durchaus vom System beabsichtigt.

    Spätestens seit Oasis kennen alle die Redewendung "standing on the shoulders of giants". Clarke war so ein Gigant.

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