Amok: Psychische Leiden ernst nehmen

Interview | Gabriela Poller-Hartig, 16. Dezember 2012, 18:26
  • Der Psychiater Lothar Adler ist ärztlicher Direktor des Ökumenischen Hainich-Klinikums in Mühlhausen. Seit drei Jahrzehnten analysiert er Amokläufe.
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    Der Psychiater Lothar Adler ist ärztlicher Direktor des Ökumenischen Hainich-Klinikums in Mühlhausen. Seit drei Jahrzehnten analysiert er Amokläufe.

Der deutsche Amokexperte Lothar Adler über ein suizidales Verhalten, das verstärkte Aufmerksamkeit braucht

Lothar Adler, ärztlicher Leiter des Ökumenischen Hainich Klinkiums in Mühlhausen und Verfasser des Standard-Werkes „Amok, eine Studie", analysiert seit drei Jahrzehnten Amokläufe. Er fordert mehr Bewusstsein für psychiatrisches Störungen, damit das seltene Phänomen noch seltener wird.

derStandard.at: Sie beschäftigen sich seit 30 Jahren wissenschaftlich mit dem Thema Amok. Was sind Ihre wichtigsten Ergebnisse?

Adler: Der wissenschaftliche Kenntnisstand über Amok ist ziemlich mies und steht in keinem Verhältnis zum öffentlichen und medialen Interesse, dass ein solches Ereignis produziert. Eine systematische Forschung existiert gar nicht, aber viele Meinungen.

Wir betreiben für unsere Amok-Studie die einzige epidimologische Untersuchung. Nach drei Jahrzehnten, in denen wir alle medial dokumentierten Amokläufe in Deutschland untersucht haben, stellen wir fest, dass soziale Faktoren keine Rolle spielen, auch das Altersspektrum zwischen 14 und Greisenalter ist gleich geblieben. Wir verzeichnen einen leichten Anstieg bei Jugendlichen. 

derStandard.at: Gibt es biologische Faktoren, die Menschen zu Amoktätern werden lassen?

Adler: Sehr vereinfacht gesagt, geht die Hypothese dahin, dass Menschen mit einem niedrigen Serotoninspiegel Impulskontrollstörungen bis hin zum Kontrollverlust erleiden. Serotonin ist das Puffersystem im Gehirn, das dämpfende Funktion zum Beispiel bei Aggression und Selbstaggression ausübt. Amokläufer erleiden letztlich den totalen Kontrollverlust, setzen alles um, was in ihren hassverzerrten Gefühlen herrscht und sollen deshalb den niedrigsten Spiegel überhaupt haben. Was zu beweisen wäre - es sind aber noch nie solche Untersuchungen bei Amokläufern gemacht worden. Die meisten sind tot, die wenigen Überlebenden haben sich geweigert.

derStandard.at: Ergäbe sich daraus eine Möglichkeit der Prävention?

Adler: Viele sind im engeren Sinne psychisch krank. Narzisstische Persönlichkeiten, psychotisch, wahnhaft depressiv, leiden unter Realitätsverkennung, Schizophrenie, es sind spektakuläre Typen, die leicht gekränkt sind, schlecht vergessen und überempfindlich sind - da staut sich viel an. Es sind Leute, die Zeitlebens nicht klar gekommen sind, sie haben Beziehung, Beruf und so weiter nicht hingekriegt. 

Die einfachste Prävention wäre also, dass man psychische Krankheiten ebenso ernst nimmt wie körperliche und sie ordentlich behandeln lässt. Es macht keinen Sinn Prophylaxe zu machen, um Amok zu verhindern. Amok ist ungeheuer selten und ein geschärftes Bewusstsein für psychiatrische Störungen und nicht wegschauen würde ihn noch seltener machen.

derStandard.at: Warum ereignen sich so viele Amokläufe im Umfeld von Schulen?

Adler: Das Durchschnittsalter von Amokläufern ist 40. Schul-Shooter gab es bisher weltweit 110 Fälle, den ersten übrigens 1923 in Polen, also auch kein neues Phänomen. Schul-Shooter ist ein Thema von Ansteckung zum Beispiel über Internet-Communities. Amok ist ein suizidales Verhalten, das an sich ansteckend ist. Die erste Suizidwelle ist zum Beispiel mit Goethes Werther durch Europa gerast. Dieses Phänomen haben auch Brücker und Häfner in Studien nachgewiesen. 

Also müssten spätestens nach großen Ereignissen die Amokläufe ansteigen, aber das tun sie nicht. Ansteigen tut allerdings die Zahl der Trittbrettfahrer, Ankündiger und Angriffe. School-Shooting heißt eigentlich Angriff auf die Schule und das beinhaltet auch den Jugendlichen, der plötzlich aus verschmähter Liebe jemanden mit dem Messer angreift. Das ist bei weitem kein Amok. Also Imitationstaten steigen an nach solchen Ereignissen, Amokläufe allerdings nicht. 

derStandard.at: Was müsste getan werden, um Früherkennung zu leisten?

Adler: Suizidgefährdete Jugendliche sind durch verstärkte Aufmerksamkeit und Sensibilität von den Lehrern vor sich selbst zu schützen. Das ist ein Kontrollmechanismus, der gut funktioniert. In Deutschland haben die Länder Spezialkommandos eingerichtet, bestehend aus Polizei und Psychologen, an die sich Schulen wenden, die Auffälligkeiten unter Jugendlichen bemerken. (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 16.12.2012)

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Hausverstand

Amokläufe werden sicher etwas mit der Unerbittlichkeit einer Gesellschaft zu tun haben. Dazu passt dann auch, dass die USA hier führend sind.

Das glaub ich gar nicht

denn die Österreicher sind viel fieser als die Amis.

Allerdings wird dort wenig mit Psychologen behandelt. Das ganze Psychobusiness kontrollieren Psychiater und die verschreiben irre leicht die ärgsten Drogen. So gut wie alle Schulamokläufer waren ja schon in psychiatrischer Behandlung.

Da möchte jemand die eigene Branche entlasten ... indem er meint, dass bei Depressionen gleich auch die Polizei verständigt werden soll! Wozu? Am besten sollten die gleich die herumpfuschenden Psychiater festnehmen.

erschreckend

auf jahrelanges Mobbing UND DIE PERSÖNLICHKEITSÄNDERUNG wird nicht eingegangen.

Und wieder wird nichts von den gesellschaftlichen Ursachen gesprochen.

Die Statements dieser "Experten" sind immer erbärmlich. Viel mehr als in die Platituden der psychoanalytischen Mottenkiste zu greifen ("Narzisstische Persönlichkeiten, psychotisch, wahnhaft depressiv, leiden unter Realitätsverkennung,") fällt auch diesem hier nicht ein.

Dabei braucht man sich die Storys von insbesondere jugendlichen Amokläufern nur ein bisschen anzuschauen, um zu sehen, dass das zumeist in der Schule Opfer von massivem, jahrelangen Mobbing, Demütigungen, Misshandlungen durch Mitschüler, Isolation und Ausgrenzung waren, die niemanden mehr gefunden haben, der ihnen zuhört und sie ernst nimmt.

Aber diesen Aspekt schaut man sich wohl ungern an, weil man dann ja Gesellschaftskritik betreiben müsste.

ich war ein linkisches schüchternes kind mit brillen und wurde in der schule erbarmungslos "gemobbt" - bin ich amok gelaufen? nein.

ich "erklärung" greift noch viel kürzer als die des von ihnen so unqualifiziert angegriffenen wissenschaftlers.

Ja und nein. Was Sie ansprechen ist letztendlich oftmals die Ursache der psychischen Erkrankungen, die der Autor anspricht.

Zum anderen ist "nur" Mobbing oder Demütigung alleine kein Anlass, um zum Amokläufer zu werden. Das wird nur geschehen, wenn gesellschaftlich keine Werte aus dem Bereich der Konfliktlösung erzogen werden.

Anders gesagt: Wenn täglich Gewalt als kulturell akzeptiert vorgelebt wird. Und ja, damit meine ich auch die Alltagskultur in Film und Spiel.

"Zum anderen ist "nur" Mobbing oder Demütigung alleine kein Anlass, um zum Amokläufer zu werden. Das wird nur geschehen, wenn gesellschaftlich keine Werte aus dem Bereich der Konfliktlösung erzogen werden."

Wie das halt so ist, sind Psychopathen / Soziopathen nun mal nicht an Lösungen von irgendwelchen Problemen, geschweigedenn Konflikten interessiert. Die interessieren sich für Konfliktentfachungen, lieben Hektik, Stress, Unruhe in Gruppen, Intrigen... Davon ernähren sie sich. Unheilbar, die Störung.

Bitte Beispiele, sonst werden wir nicht wissen, was und wen Sie meinen.

ich sehe den grund noch viel tiefer

dem mobbing geht ja etwas vorraus

es geht in der gesellschaft mehr gegeneinander als miteinander

diese struktur ist auch wirtschaftlich fest verankert

es gibt kein solidarisches miteinander, dass individuen toleriert, denn es geht immer um den schnellsten, besten, klugsten, billigsten, erfolgreichsten, usw. wer da abweicht, andere ideale verfolgt als den wettkampf wird schnell abgesondert

auch in der schule systematisch

Ja, ich gebe Ihnen recht.

Wobei hinzuzufügen wäre, dass so gut wie jede psychische Erkrankung die Ursache in ihrem Umfeld hat. Falsche Behandlung der Kinder bereits im Mutterleib, vor allem aber in den ersten drei bis sechs Lebensjahren. Was bis dahin kaputt ging, kann nie wieder gut gemacht werden. Dort entstehen auch die meisten psychiatrischen Erkrankungen. Zwar gehört eine genetische Präferenz dazu, aber Auslöser, dass diese auch zum Tragen kommt, sind psychosoziale Einflüsse.

Insofern könnte man sagen: Sobald eine psychiatrische Diagnose erfolgt, wurde das Kind psychisch oder physisch falsch behandelt bis akut misshandelt.

Persönlichkeitsstörungen sind Differenzen zwischen Anpassung an die gestörte Familie und dem Rest der Welt.

Zweiten Absatz vermute ich ebenfalls. Kindliche Traumata spielen jedenfalls imho eine wichtige Rolle bei der Entstehung von sowohl psychischen Erkrankungen als auch Persönlichkeitsstörungen.

Aber Amokläufe sind wieder eine ganz andere Kategorie.

Tja, was soll man sagen, wenn die Analyse der Situation in amerikanischen Schulen von South Park Erfindern treffender ist, als jene dieses Experten im Standard:

http://www.youtube.com/watch?v=0dYtOOtfQtM

Sie betrachten das Problem immerhin in einem breiteren Kontext. Einseitige Schuldzuweisungen haben noch nie Probleme gelöst. Die zunehmende Toleranz von Mobbing sollte uns allen zu denken geben. Ohne Mord und Gewalt gutzuheissen.

Eine amerikanische Lehrerin verrat uns mal was es heisst, in Amerika Aussenseiter zu sein. Im mildesten Fall droht einem der soziale Tod, schlimmstenfalls brutalste Schikanen ohne Ende.

"der beste Psychiater ist jemand, der guter Freund ist"

(schlecht gegendert aber ein alter bewährter Spruch)
Ob nicht fehlende (bzw. verloren gehende) Entschleunigung des Lebens
-- bzw. EntschleunigungsMÖGLICHKEIT des Lebens --
-- bzw. der immer weiter steigende AntreibereiDruck --
besonders für junge Leute auch eine wesentliche Rolle dabei spielt?

ohne gesicherte Existenz (und VerlangsamungsMöglichkeit) gehen auch die Chancen verloren, EIGENEN Wünschen folgend sich mit Freundeskreisen auseinanderzusetzen.

"Verordnete" Beziehungs"fähigkeiten" (in "Betreuungs"Umfeld oder per Schuldgefühldruck: "tu nicht so viel facebooken" etc.) sind jedenfalls nur eine Komponente mehr an BELASTUNG, genau wie "Behandlung" von Leuten, die gar nicht bereit sind, "Patient" zu sein oder "Leidensdruck" zu haben.

"ordentlich behandeln" ?!

ja ein gutes stichwort ...

viele psychisch therapierte werden ja eher gequält
bzw. zwangstherapiert also gefoltert
nicht ernst genommen, noch weniger rücksicht genommen, über und hintergangen, bevormundet,
gesellschaftlich, bürokratisch, behördlich diskriminiert
was die probleme sehr verschärft statt löst oder hilft

man könnte schon fast glauben man fördert amokläufe und verzweiflungstaten - bei uns in österreich nehmen sich die leute aber eher das leben als sie anderen umbringen ... die oben genannten umstände suggerieren einem das auch richtig!

das steht dann zwecks political (in)correctness nicht in der zeitung und verschwindet aus dem bild der öffentlichkeit... aber suizid ist zweithäufigste todesursache nach verkehrsunfällen ...

Suizidelle Einengung und das Persönlichkeitsprofil des Amokläufers entsteht

sehr häufig ganz ohne einer vorher erfolgten psychiatrischen Behandlung dagegen
<sarkasmus>

herz-kreislauf-erkrankungen sind die häufigste todesursache, gefolgt von krebs... unfälle und suizid sind viel weiter hinten auf der liste der häufigsten todesursachen.

Ich denke, er meint die gewaltsamen Todesursachen.

Wer wird bei uns gefoltert und zwangstherapiert? Was sind Ihrer Meinung nach die richtigen Therapiemaßnahmen bzw. welche haben Sie erlebt, dass Sie so denken?
Hört sich ein bisschen nach Paranoia an, was Sie da von sich geben. Leiden Sie an solcher und fühlen sich damit zu wenig ernstgenommen?

meiner erfahrungen liegen 10 jahre zurück

folter in dem sinne dass gezwungen wird medikamente zu nehmen mit nebenwirkungen die bis zu atemstilstand und totalen kontrollverlust des körpers führen aber nicht helfen

der patient wird entmündigt
verweigert man die medikation weil es einem immer schlechter geht und man zusätzlichen nebenwirkungen ausgesetzt ist - heißt es - dann müssen wir sie fixieren und es ihnen intravenös verabreichen ...

die einzige chance dem zu entkommen ist einfach zu sagen "mir gehts gut" bis man entlassen wird

und am ende ist man körperl. medikamentensüchtig und hat mehr probleme als vorher - ein teufelskreis

ich bezweifle nicht dass es patienten gibt denen geholfen wird aber die erfolgsquote(heilung, besserug) ist meiner beobachtung nach gering

Ich glaube, es kommt ganz drauf an, wohin bzw. an wen man gerät, ist sicher nicht jede Psychiatrie gleich und auch die Pfleger und Ärzte sind überall verschieden. Ich war selber noch nie drin, doch ich weiß, wie das mit den Medikamenten ist, dass die dort ziemlichi hoch dosoert werden. Aus Erfahrung weiß ich, wie die schon in kleinen Dosen wirken können.... Vor allem mit Tranquilizern wird sehr sorglos umgegangen, wenn ich sowas je nahm, dann ein Fünftel von dem, was stationären Petienten zweimal am Tag gegeben wird, ist keine Über- oder Untertreibung.
Das Beste ist, man schaut ambulant, dass man zurechtkommt, da kann man selber entscheiden, was und wie viel davon man nimmt!

Glaubeb Sir mir, das was unter psychiatrischer Medizin Menschen schon angetan wurde, das wollen Sie gar nicht wissen.

Ich kenne Menschen, die man über viele Jahre auf Anraten der Psychologie gefoltert hat. Die Auswirkungen sind verheerend und gehen bis in die Berufsunfähigkeit - obgleich die Leute klug sind und echt was auf dem Kasten haben - aber durch psychologische Misshandlung zerstört wurden.
Manche sterben dabei innerlich, werden zu regelrechten Zombies, andere bringen sich schließlich um.

Freilich, nicht immer, und die Psychologie kann auch gute Hilfe leisten, auch solche Fälle kenne ich. Die Gratwanderung aber ist enorm.
Ich selber habe zb. angefangen, mich meinem Psychiater NICHT zu öffnen, damit er mir nicht weiter schadet.

Wie geht das mit dem Foltern in der heutigen Zeit konkret, würde mich interessieren? Man lernt ja schließlich gern dazu.
Mir ist sehr wohl bekannt, dass Medikamente meist viel zu hoch dosiert werden und wenn sie nicht wirken, gibt man gleich noch ein paar andere dazu... Es wird zu wenig auf den Menschen eingegangen und nicht jeder kann sich Psychotherapie leisten, weil bezahlte bzw. "dazubezahlte" Plätze rar sind.
Was ich arg finde, dass Menschen oft - um ihre Geldleistungen nicht zu verlieren - zwanghaft auf "Kur" müssen, obwohl sie sich dazu gar nicht in der Lage fühlen oder eben Jobs aufgedrängt bekommen, wenn sie sich zu krank fühlen, das aber nicht anerkannt ist. Meinen Sie sowas mit "Folter"?

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