Italien in der Eurokrise

Jagt Berlusconi aus dem Amt

Gastkommentar | 27. September 2011, 10:16

Silvio Berlusconi ist nicht nur eine Katastrophe für Italien. Mittlerweile ist er auch zu einer akuten Gefahr für den Euro geworden. Deutschland und Frankreich sollten ihn deshalb zum sofortigen Rücktritt zwingen - Von Yascha Mounk

Wir müssen Silvio Berlusconi von der Macht verjagen. Und zwar sofort.

Berlusconi hat Italien von Anfang an geschadet. Er stieg überhaupt erst in die Politik ein, um sich und seine Getreuen vor schädlichen Gerichtsprozessen zu schützen. Als Premierminister maßschneiderte er Gesetze im Interesse seiner Firmen. Er verpasste es, das Land wirtschaftlich zu modernisieren. Und immer wieder blamierte er Italien mit seinen sexuellen Eskapaden und peinlichen Witzen.

Langsamer und unberechenbarer

Die zwei Jahrzehnte, die Berlusconi die politische Landschaft Italiens überragte, waren deshalb verlorene Jahre für das Land. Italiens Wirtschaft ist heute weniger dynamisch als sie es 1992 war. Das Rechtssystem ist noch langsamer und unberechenbarer. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt noch höher. Nord und Süd sind sich noch fremder. Die Mafia, Camorra und 'Ndrangheta sind immer mächtiger. Ja, nicht einmal die Steuern sind für Durchschnittsitaliener merkbar niedriger.

Berlusconi war also von Anfang an eine Katastrophe für sein Land. Trotzdem hat sich die Situation innerhalb des letzten Jahres so sehr verschlimmert, dass sein weiteres Verbleiben nun sofortigen und irreparablen Schaden anrichten würde. Denn in den letzten Monaten geriet Italien in eine akute Schuldenkrise. Ohne eine entschlossene Regierung, die mit kluger Hand einen Bankrott abwendet, wird Rom sich in das nächste Athen verwandeln - und der Euro in Klopapier, denn nicht einmal der gestern weiter aufgestockte Rettungsfonds EFSF würde einer Pleite Italiens standhalten.

Gerade während dieser kritischen Monate hat sich Berlusconi nun aber noch schockierendere Sexaffären, noch ernsthaftere Schwierigkeiten mit der Justiz und noch fundamentalere Streitigkeiten innerhalb seiner Regierungskoalition geleistet. Nur so zum Beispiel: In derselben Woche, in der Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit Italiens zurückstufte, wurde bekannt, dass Berlusconi sich damit brüstete, nur in seiner Freizeit - also in den wenigen Stünden, die er nicht mit, Zitat: "meinen Tussen" verbringt - an sein Amt zu denken. Kein Wunder, dass die internationalen Finanzmärkte ihm nicht über den Weg trauen. Wenn clevere Finanzjongleure heute darauf wetten, dass Italien bald in Zahlungsschwierigkeiten geraten wird, liegt dies schlicht und einfach auch daran, dass Berlusconi noch immer an der Macht ist.

Merkel und Sarkozy sollten Berlusconi zum Rücktritt auffordern

Die einzige Hoffnung für Italien, und für den Euro, ist deshalb eine schnelle Ablösung Berlusconis durch einen überparteilichen Premierminister. Jemand wie Mario Draghi, der Gouverneur der italienischen Zentralbank, wäre fähig und willens, die nötigen Schritte zu Schuldenabbau und Wirtschaftswachstum zu wagen.

Aber Berlusconi, mit dessen Arbeit mittlerweile weniger als ein Viertel aller Italiener zufrieden ist, wird nicht von selber zurücktreten. Und da seine Partei zu einem Diktatörchenwahlverein verkommen ist - und viele Parlamentsabgeordnete gut an ihrer Zweitbeschäftigung bei Berlusconis Firmen und Zeitungen verdienen - wird der Impuls zu seiner Machtablösung wohl von außen kommen müssen.

Zum Glück aber gibt es dafür ein einfaches Szenario. Momentan kann sich Italien nur deshalb im nötigen Umfang Geld leihen, weil die Europäische Zentralbank in Milliardenhöhe italienische Staatsanleihen aufkauft. Um Berlusconi von der Macht zu jagen, müssten die Regierungschefs der sonstigen Euroländer also einfach nur zusammen vor die Kameras treten und ihm zum sofortigen Rücktritt auffordern. Sonst, so würden Angela Merkel und Nicolas Sarkozy drohen, werden Italiens europäische Partner sich weigern, weitere italienische Staatsanleihen zu kaufen.

Berlusconi ist eine tickende Zeitbombe

Viele Italiener würden uns einen solch Schritt danken. Aber diese - zugegebenermaßen drastische - Einmischung ist nicht nur berechtigt, weil sie für Italien gut wäre. Nein, sie ist einfach die logische Konsequenz daraus, dass es jetzt im sofortigen Eigeninteresse aller Euroländer liegt, Berlusconi schnellstmöglich von der politischen Bühne zu zerren.

Bisher mussten sich die italienischen Wähler dafür schämen, Berlusconi so lange toleriert zu haben. Falls wir nicht bald handeln, werden auch wir bald guten Grund haben, uns ein wenig zu schämen. Vor allem aber werden wir dann die Folgen mit auslöffeln müssen - denn Berlusconi ist eine tickende Zeitbombe für den Euro, und ein Auseinanderbrechen des Euros wäre auch für die deutsche Wirtschaft fatal. (Yascha Mounk, derStandard.at, 27.9.2011)

Autor

Yascha Mounk, The European, ist Doktorand in Harvard und Herausgeber des von ihm mitbegründeten Magazins "The Utopian". Außerdem schreibt er als freischaffender Journalist für europäische und amerikanische Publikationen wie die "International Herald Tribune", den "Boston Globe", "Dissent" und "Unità".

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Michaelis Sander
 
01
28.9.2011, 18:00
Ein solcher Schritt ...

verbietet sich, leider, von selbst. Genau wie hier schon welche sagten, Berlusconi würde die Nationale Karte spielen, was ganz einfach ist und es würde das Land mehr spalten und eben die Spaltung des Landes ist sein Lebenselixier, nämlich genau wie das Lebenselixier der Lega. Im Ausland weiß man schon lange daß mit Silvio, anders als unter Andreotti, die Mafia nun auch ganz offiziell die Regierungsgeschäfte führt. Wenn aber ein Land aus eigener Kraft nicht begreift kann man nix machen. In der Lage könnte nicht einmal Napolitano das Parlament auflösen, obwohl das eigentlich seine heilige Pflicht wäre. Darum, das Erste in Italien von heute wäre, daß die Information wieder frei fließt. Soweit glaube ich denn doch an das Volk.

Intelligenzplebejer
00
28.9.2011, 15:24

Eine solch krasser Eingriff von außen könnte dazu führen, dass zwecks Gesichtswahrung Berlusconi noch fester an seinem Amt festhält, sich jede fremde Einmischung verbittet und über das Vorgehen des Auslands empörte Wähler erfolgreich um sich schart.

Was hat ein vermutlich "überzeugter Europäer" an angelsächsischen Elitehochschulen zu suchen? Warum schreibt er für die amerikanische Presse? Warum lebt er nicht ausschließlich in Kontintaleuropa? Offensichtlich stellen sich prointegrationistische Zeitgenossen wie die von "The European" (welch dümmliche Anbiederung an eine fremde Sprache und Kultur) EU-Europa sowieso nur als Anhängsel der Angelsachsen vor. Noch ein Grund gegen weitere europäische Integrationsschritte zu sein...

peace & love
00
28.9.2011, 00:36
also,

der unterhaltungswert berlusconi's ist EINZIGARTIG.

Kaspar Sandini
00
27.9.2011, 19:54
wwII

ein gedankenexperiment: sollte das wiedererstarken von mitterechts (und eine rechte hat es in italien ja immer gegeben) bedeuten dass die lange nachkriegszeit in italien vorbei ist, komme ich glatt ins träumen was das für österreich bedeuten könnte........sorry......

Andreas Exenberger
00
27.9.2011, 19:45
Nichts ...

... würde die Ära Berlusconi zuverlässiger ins Bodenlose verlängern, als wenn ihm Europa den Rücktritt mit einer solchen Drohung nahelegt.

Markus2001
00
27.9.2011, 21:43

Haargenau richtig. Schliesslich haben auch die Sanktionen der EU gegen die schwarz-blaue Regierung im Jahre 2000 nur das Gegenteil von dem bewirkt, was sie hätten bewirken sollen. Dem Druck der EU folgte der nationale Schulterschluss.

Roman Fuchs
00
27.9.2011, 18:51

Wenn schon Berlusconi aus dem Amt jagen, dann bitte nur mit einem nassen Fetzen...

Warentester
02
27.9.2011, 17:53

"Yascha Mounk, The European, ist Doktorand in Harvard..."

In diese "Eliteunis" lassens anscheinend auch schon jede rain. Naja, der G.W.Bush war ja auch an zwei von denen.

Dieser Aufsatz ist zwar rührend und nett gemeint, aber gelinde gesagt etwas naiv, und spätestens wenn's dann dahin geht, das D und FR den Rücktritt des ITA Regierungschef erzwingen sollen (von dem ich auch kein Fan bin), wird's ziemlich jenseitig.

El Chó
03
27.9.2011, 17:02
...aber so spielt's das leider nicht.

es waere auch schoen und nuetzlich, die FPOE, die NDP und die franzoesische FN zu verbieten. Es waere schoen den Reupblikanern vorzuschreiben, sich von der Tea Party Bewegung zu distanzieren und es waere schoen die Tschechen zu zwingen, ihre Atomreaktor-Wracks abzuschalten.

Allein... so spielt's das leider nicht. Der Umsturtz in Italien wird kommen, leider aber nicht so schnell, wie er sollte. Aber er muss aus Italien heraus kommen, nicht von aussen.

Lord Lurch
02
27.9.2011, 17:02
Natürlich sollte er weg, ABER

das zu entscheiden, ist die alleinige Verantwortung der Italiener. Wenn die EU anfängt, Regierungen, die ihr - aus welchem Grund auch immer nicht genehm sind - zu stürzen, handelt sie sich und uns noch viel größere Probleme ein. Dann wollen die Leute noch schneller weg von Europa und die Gefahr von weiterem Nationalismus steigt noch stärker. So oder so, wäre am Ende die Demokratie am Ende. Also: bei der nächsten Wahl müssen und werden die Italiener Berlusconi davonjagen. Und bis dahin muss gewartet werden.

adaschauher
50
27.9.2011, 16:16
man muss onkel silvio schon zuguthalten: der abstieg hat nicht unter ihm begonnen

und seine vorgänger der linken haben noch viel weniger weitergebracht.

noirc80
04
27.9.2011, 15:23

hm. stellen wir uns mal vor, der österreichische bundeskanzler wäre der unbeliebteste, den es jemals gegeben hätte. stellen wir uns weiters vor, merkel oder sarkozy würden ihn zum sofortigen rücktritt auffordern.... hm, wie hoch würden die zustimmungswerte steigen? ich tippe auf über 90%.

Markus2001
15
27.9.2011, 15:20
Die Autorin befindet sich im infantilen Machtrausch. Das ist eine Idee wie aus einer Donald Duck-Geschichte. Dagobert Duck stürzt seinen Kontrahenten Klaas Klever mit Hilfe der EZB, oder so.

Soll heissen: So kann man sich den Sturz eines unliebsamen politischen Gegners in seiner kindlichen Phantasie vorstellen, aber als erwachsener Mensch kann man eine solche Idee doch nicht ernst meinen.

Erstens ist es nicht Aufgabe der EZB, mit Erpressung Politiker aus dem Amt zu werfen, die zwar Yascha Mounk und einigen anderen, von mir aus zu Recht, nicht behagen, die aber demokratisch gewaehlt sind. So ein Akt wäre nichts anderes als die Vorbereitung fuer ein totalitär und anarchistisch agierendes Europa. Zweitens würde kein Politiker so handeln, da er wüsste, als nächstes kann, wer immer genug Einfluss auf die EZB hat, dann auch ihn auf diese Art und Weise aus dem Amt werfen.

Markus2001
00
27.9.2011, 16:07

Verzeihung, "der Autor" muss es natürlich heissen. In meinem Überschwang habe ich übersehen, dass es sich bei dem Verfasser des Artikels trotz des weiblich klingenden "a" am Ende des Vornamens um ein männliches Wesen handelt.

Saskia Fabian
 
01
27.9.2011, 14:28
ist ja alles bekannt und sonnenklar - gähn

und tut wer was?

Poldi Fesch
00
27.9.2011, 13:09
???? Yascha Mounk

heiszt in Wirklichkeit A. Bagnasco u. ist Kardinal u. Erzbischof ?
http://vaticaninsider.lastampa.it/homepage/... -cei-8434/

Kohlhaas1
10
27.9.2011, 13:09
Und wer soll ihm folgen ? Erraten ! Ein Roter.

Weil die nämlich bei Wahlen in I. keinen Fuss auf den Boden kriegen wollen sie jetzt über Einflussnahme von aussen an die Tröge.
Pfui Teufel !

rapunzels frisör
17
27.9.2011, 12:06
Ned böse sein, werter Autor,

aber a bisserl naiv iss ihr Gschreibsel schon!

Emil Sacklinger
 
34
27.9.2011, 11:50
ich mag berlusconi nicht

aber die läppische allgegenwärtige sorge "um den ach so unentbehrlichen euro" geht mir zumindest ebenso auf den wecker.

(ich jedenfalls könnt' gut und gerne auf den unsäglichen euro verzichten - euro, euro, nichts als teuro)

Poldi Fesch
11
27.9.2011, 13:05
ich glaub, da

taet wer recht schnell recht dumm schauen

naihoit
03
27.9.2011, 11:07
Berlusconi ging niemals aus altruistischen Gründen in die Politik,

sondern nur, um seine Macht zu erweitern und um eine gerichtliche Aufarbeitung seiner Malversationen zu verhindern.
Wie naiv muß man sein, um jetzt zu erhoffen, daß er andere als ihm persönlich dienliche Gründe zur Entscheidungsgrundlage machen könnte?

adaschauher
00
27.9.2011, 16:17
come il signor faimann in austria...

Selbständiger
56
27.9.2011, 10:50
Berlusconi hat Italien von Anfang an geschadet

Und was bitteschön unterscheidet jetzt Berlucsoni von all den anderen europäischen Politikerverbrechern?

Alle stehlen, alle lügen, alle betrügen, alle überweisen mühsam erarbeitetes Steuergeld an ihre Politikerverbrecherkollegen (insbesonder nach Griechenland), alle brechen die EU-Verträge, alle bedienen sich vertragswidrig der EZB für ihren Ramschanleihenankauf .....

Sind diese Verbrecher und Verschender jetzt besser, weil sie etwas weniger gestohlen und verschwendet haben.

Alle derzeitigen und vergangen Politiker gehören aus jedem Amt gejagt und für ihre Verbrechen und den Schuldenberg zur Verantwortung gezogen.

A L L E

chiwato
11
27.9.2011, 11:17
berlusconi

ist ein selbstständiger.

da können sie gleich 80% der wirtschaftstreibenden miteinsperren.....

Selbständiger
00
28.9.2011, 04:42
da können sie gleich 80% der wirtschaftstreibenden miteinsperren.....

Ja, und das wäre gut so.

Wenn "wer auch immer" glaubt, dass für ihn die Gesetze nicht gelten und krumme Dinge dreht, gehört eingesperrt.

Egal welcher Berufsgruppe er angehört, welche Nationaltität und welche Hautfarbe er hat.

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