Kulturstadtrat überraschend bei Vorstandssitzung zurückgetreten - Stadträtin Schröck übernimmt
Der Vorsitzende der Grazer SPÖ, Kulturstadtrat Edmund Müller, ist zurückgetreten. Mit einem Strategiekonzept wollte Müller die angeschlagene Stadtpartei überzeugen, das Konzept wurde Montagnachmittag in einer Vorstandssitzung präsentiert. Müller trat daraufhin überraschend sowohl als Stadtrat als auch als SPÖ-Graz-Vorsitzender zurück.
"Das gilt für alle Ämter", sagte Müller in einer
Sitzungspause vor Journalisten. Müller war erst seit Jänner SPÖ-Graz-Chef, konnte jedoch nicht richtig Tritt fassen. Für Müller stand vorläufig noch kein Nachfolger fest. Müller dürfte zumindest bis zur nächsten Stadtsenatssitzung Kulturstadtrat bleiben.
Schröck übernimmt
Die Grazer Stadträtin Martina Schröck wurde nur zwei Stunden nach
dem Rücktritt von Müller vom Vorstand mit
rund 96 Prozent zur geschäftsführenden Parteivorsitzenden gewählt.
Offiziell gekürt werden muss Schröck auf einem Stadtparteitag, der in
sechs bis acht Wochen einberufen werden soll. Schröck sieht ihre
Aufgabe als nicht interimistisch: "Ich habe vor, länger zu bleiben",
so die 34 Jahre alte Soziologin.
Schröck war als einzige Kandidatin vorgeschlagen worden. Die
Frage, wer Müller in seiner Funktion als Stadtrat nachfolgen könnte,
wurde laut SPÖ-Gemeinderatsklubchef Karl-Heinz Herper vorerst
beiseitegelassen. Schröck erklärte weiters, sie habe wenig Zeit zum
Überlegen gehabt, doch habe sie die Herausforderung angenommen. Zur
Zukunft der Grazer SPÖ meinte sie: "Wir müssen aufhören, uns nur mit
uns selbst zu beschäftigen, wir müssen uns ganz klar positionieren
und Gegenentwürfe zur schwarz-grünen Koalition machen". Dabei gehe es
um ein sozial gerechtes Graz, sozialdemokratische Werte, eine moderne
Stadt, das sei in den nächsten Wochen zu erarbeiten. Müller habe sein
Konzept, um das es eigentlich in den Spitzengremien hätte gehen
sollen, dafür zur Verfügung gestellt.
Dies sei keine große Stunde der Sozialdemokratie gewesen, so
Schröck, wir hatten zu viele Wechsel an der Parteispitze in den
vergangenen eineinhalb Jahren. Vom Rücktritt Müllers sei sie
überrascht worden, gab sie zu.
Schröck wurde am 1. August 1977 in Bruck/Mur geboren, nach dem
Besuch der HAK Bruck/Mur und der Matura 1996 studierte sie von 1996
bis 2004 Soziologie in Graz und promovierte mit "Das Selbstbild von
Menschen mit geistiger Behinderung". Nach einer Tätigkeit bei der
Volkshilfe Steiermark war sie von 2005 bis 2010 Landtagsabgeordnete,
seit Sommer 2010 ist sie Sozialstadträtin.
Müller erklärte in einer Stellungnahme in einer Sitzungspause, er habe die Aufgabe gerne übernommen, "aber ich habe mich nicht darum beworben", so der Quereinsteiger offenbar in Anspielung auf Landesrätin Bettina Vollath (die die Stadtpartei nach den heftigen Turbulenzen des Sommers 2010 interimistisch geführt hatte, Anm.) und Landesparteichef und LH Franz Voves, die Müller in die Politik geholt hatten.
Er vernetze gerne und entwickle Konzepte und er habe der Partei die Möglichkeit zur Umsetzung geben wollen, so Müller, aber die Ereignisse der letzten Tage und Wochen hätten ihn zu diesem Schritt bewogen. Müller, der eher als ruhiger und bedächtiger Typ gilt, hatte für den Geschmack einiger Gruppierungen in der Stadtpartei zu verhalten und ohne große Konzepte und Ambitionen agiert. Zudem war der 55-Jährige zuletzt immer mehr ins Visier medialer Berichterstattung gerückt. Im Parteihaus war am Montagabend durchaus auch Klage über "Heckenschützen" zu vernehmen, die aus "sicherer Deckung heraus" agierten.
Landesparteichef Franz Voves war am Montagabend in der zweiten der drei Bürgermeisterkonferenzen im obersteirischen Leoben engagiert und vorerst nicht für eine Stellungnahme erreichbar. (APA/red, derStandard.at, 26.9.2011)