Schmerzerfahrungen in früher Kindheit können lebenslange Überempfindlichkeit und chronischen Schmerz zur Folge haben
Hamburg - Chronische Schmerzen im Erwachsenenalter könnten auf frühe kindliche Schmerzerfahrungen zurückgehen. "Klinische Studien mit Kindern zeigen, dass zum Beispiel Operationen im Säuglingsalter später zu verstärkten Schmerzreaktionen auf Routine-Stimuli wie Impfungen führen. Und neue epidemiologische Daten weisen nach, dass die Folgen von Schmerzerfahrungen in der frühen Kindheit bis ins Jugend- und Erwachsenenalter hineinwirken können", so die deutsche Medizinerin Christiane Hermann vergangene Woche auf dem Europäischen
Schmerz-Kongresses EFIC 2011 in Hamburg.
Veränderung schmerzverarbeitender Systeme
Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass schmerzhafte Impulse, wie etwa durch eine Blutabnahme, bei Säuglingen nicht, wie lange angenommen, lediglich Reflexreaktionen des Rückenmarks auslösen, sondern tatsächlich in den Gehirnzentren der Schmerzwahrnehmung "ankommen", und zwar bereits bei Frühgeborenen. "Dass solche Erlebnisse lebenslange physiologische Veränderungen der Schmerzverarbeitung bewirken können, demonstrieren jüngste Tierversuche, die zeigen, dass frühe Schmerzerfahrungen unter anderem die Ausreifung schmerzhemmender Systeme, zum Beispiel des sogenannten opioidergen Systems verändern", erläuterte Hermann. Gerade die Zeit unmittelbar nach der Geburt sei bei Frühgeborenen, aber auch bei Neugeborenen eine besonders kritische Phase, weil das schmerzverarbeitende System noch nicht völlig ausgereift ist.
Schmerzwahrnehmung bei Jugendlichen mit frühen Schmerzerlebnissen
Interessante Hinweise liefern auch neue klinische Untersuchungen an Jugendlichen, die als Säuglinge - in einem Alter, in dem das neuronale Schmerzverarbeitungssystem noch nicht fertig entwickelt ist - bereits operiert werden mussten oder die als Kleinkinder schwere Verbrennungen erlitten hatten. "Als Zehn- bis 16-Jährige zeigen diese Jugendlichen mit frühen Schmerzerfahrungen ein deutlich verändertes Schmerzmuster", so Herrmann. "Gegenüber kurzfristigen Reizen ist ihre Schmerzschwelle erhöht, sie spüren zunächst also weniger. Werden solche Reize aber wiederholt, bricht diese Art von Schutzwall jedoch zusammen und darunter tritt eine deutliche Schmerzsensitivierung zutage, wie wir sie von chronischen Schmerzpatienten kennen."
Frühe Traumata können chronische Schmerzen mit verursachen
Tatsächlich können auch viel später im Leben auftretende chronische Schmerzsyndrome wie vor allem multilokalisierte, also an vielen Körperstellen gleichzeitig auftretende, Schmerzen des Bewegungsapparates durch frühkindliche Traumata verursacht worden sein. Dies ergab eine aktuelle Analyse mehrerer epidemiologischer Studien zu chronischem Schmerz, die auch die Biographie der Patienten mit einbezogen. Als mit ursächlich für späteren chronischen Schmerz zeigen sich dabei nicht nur früh erlittene körperliche Schmerzen, sondern auch emotionale Traumata, vor allem der frühe Verlust der Mutter.
Rat an Eltern
"Der Nachweis derart langfristiger Effekte früher Erlebnisse muss natürlich zu denken geben und sollte dazu führen, Säuglingen jede unnötige Schmerzerfahrung zu ersparen", forderte Hermann. Andererseits gehöre Schmerz zum Leben, und es gebe noch viele andere Faktoren, die auf die Muster der Schmerzverarbeitung Einfluss haben, nicht zuletzt das Verhalten der Eltern. "Wenn Säuglinge schmerzhaften Erfahrungen ausgesetzt sind, sollten Eltern nicht in Panik verfallen - das würde dem Kind zusätzlich signalisieren, dass gerade etwas Schreckliches mit ihm geschieht - sondern ihm eine aufmerksame, haltende, aber nicht dramatisierende Atmosphäre bieten. Dies kann wie ein Puffer wirken, die Schmerzwahrnehmung dämpfen und der Prägung einer Hypersensitivierung vorbeugen", rät die Expertin. (red, derStandard.at)