Das richtige Medikament für den richtigen Patienten

Konzentration auf personalisierte Therapien - Aber auch Skepsis - Grundmechanismen des Krebszell-Stoffwechsels als Angelpunkt?

Stockholm - Das riesige globale Krebsproblem mit weltweit jährlich an die 13 Millionen Erkrankungen und fast acht Millionen Todesfällen soll endlich gelöst werden. Die Optimisten unter den Onkologen setzen hier aktuell auf die "personalisierte Medizin" und spezifisch auf einzelne Krebsgene abzielende Medikamente ("targeted therapy", zielgerichtete Therapie). "Die Therapien der Zukunft sind bereits vorhanden. Wir brauchen Gewebeproben, individuelle Genanalysen und das richtige Medikament für den richtigen Patienten samt ständiger Therapiekontrolle", sagte Jose Baselga, Chef des Krebszentrums am Massachusetts Generals Hospital (Boston) bei der Eröffnung des Europäischen Krebskongresses (EMCC/23. bis 27. September) in Stockholm mit 16.000 Teilnehmern.

Probleme bisheriger Behandlungsmethoden

Der Experte über die Mängel der bisherigen Krebstherapien: "Wir haben unsere Therapien bisher an unselektierten Patientengruppen erprobt. Wir haben immer irgendetwas noch zusätzlich zu den vorhandenen Therapien verabreicht. Wir haben riesige klinische Studien mit hoher Fehlschlagsrate und nicht mehr tragbaren Kosten für minimale Fortschritte durchgeführt."

Molekularbiologie verändert Zugang

Die Molekularbiologie mit der Identifizierung von immer mehr Genen und Mutationen, welche bei der Entstehung von bösartigen Tumoren und Blutkrebs eine Rolle spielen, hat dieses Bild in den vergangenen Jahren völlig geändert. Gleichzeitig sind mit monoklonalen Antikörpern (Trastuzumab für Brustkrebs etc.) und spezifisch auf einzelne Zielstrukturen von bösartigen Zellen wirkenden kleinen, synthetischen Molekülen (Tyrosinkinase-Hemmer etc.) bereits Arzneimittel da, die wiederum ganz spezifisch bei einzelnen Patientengruppen wirken. Rund 900 solcher Substanzen befinden sich derzeit in Entwicklung.

Das bedeutet enorme Chancen, aber auch eine enorme Komplexität der Herausforderungen an die Forscher und die behandelnden Ärzte. Baselga ist optimistisch bezüglich der Realisierung der Chancen. Eine Art Fünf-Punkte-Programm des international führenden Experten:

  • Das Auffinden "der richtigen" Wirksubstanz für "die spezielle Krebserkrankung" im Labor.
  • Die Testung jedes einzelnen Patienten auf seinen Krebs-Genotyp schon als Entscheidungskriterium für die erste Behandlung (Biopsie, Gewebeproben, Genanalysen).
  • Die ständige Überwachung des Patienten durch wiederholte Biopsien und Charakterisierung der Tumorzellen, wie sie sich sofort ab Start der Therapie verhalten. Baselga: "Es macht keinen Sinn, zwei Monate zu warten, bis ein Therapiezyklus abgeschlossen ist - und dann zu schauen, wie sich der Tumor entwickelt hat." Schon die aktuelle Untersuchung von Tumorzellen im Blut nach den ersten Tagen der Therapie könne Hinweise für die weitere Behandlung geben.
  • Durch die molekularbiologische Identifizierung der wirklich in Frage kommenden Patienten für eine neue Therapie kleinere, schneller ablaufende klinische Studien mit wenigen hundert statt tausenden Probanden. Das bedeutet kürzere Studien, weniger Fehlschläge, mehr Erkenntnisse und weniger Kosten.
  • Frühere Behandlung von Krebspatienten mit diesen Mitteln der "zielgerichteten Medikamente" und deren Kombination, um den Effekt zu multiplizieren.

Experte sieht auch Probleme bei neuen Methoden

Es gibt aber auch kritische Stimmen zur Hoffnung auf diese neuen Therapieformen. Die "schöne neue Welt" der auf der Basis der Molekularbiologie agierenden Krebsforscher schaffe sich durch das rasante Anwachsen der Informationen über bösartige Erkrankungen nämlich auch immer diffizilere Probleme und Skepsis, so Gordon Mills, Direktor des Zentrums für personalisierte Krebsmedizin am MD Anderson Cancer Center im US-Staat Texas (USA), der vor zu viel Euphorie warnt: "Wir werden eine Unmenge an Daten haben. Wir dürfen keine übertriebenen Erwartungen verursachen. Wir müssten die genetischen Charakteristika des Patienten, die Hetergenität der Tumoren kennen, ebenso alle Wege, welche eine Resistenz gegen die Arzneimittel bewirken. Aber unsere Gentests sind derzeit nur zu 70 Prozent korrekt. Und wenn wir ein menschliches Genom mit einem Aufwand von 1.000 US-Dollar entschlüsseln, brauchen wir 100.000 Euro für dessen Analyse."

Weitere Hindernisse auf dem Weg zum Erfolg der modernen Onkologie auf molekularbiologischer Basis, so der Experte: "Heute basieren die zielgerichteten Therapien auf dem am Beginn diagnostizierten Tumor. Aber das Schicksal des Patienten ist durch die Metastasen bestimmt. Und die Tochtergeschwülste - das haben wir bei fast 1.000 Patienten herausgefunden, die wir untersucht haben - unterscheiden sich zu über 40 Prozent genetisch von dem Primärtumor. Wir behandeln vielleicht etwas, was gar nicht entscheidend ist. Wir können bei den Genen und Mutationen, die wir bei Krebs kennen, noch gar nicht wirklich unterscheiden, welche von ihnen die 'Fahrer' und welche die 'Passagiere' sind." Trotzdem müsse man weiter forschen. (APA/red)

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