Die Entwaffnung Ottakrings

30. Mai 2003, 10:59
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Baumüller ist nicht Waffensammler, sondern Künstler - Ottakring "zu entwaffnen" ist sein Projekt

Wien - "Haben Sie eine Waffe abzugeben?", fragt Patrick Baumüller die junge Frau vor dem Schalter. "Ja", sagt sie: "eine Damenwaffe." - "Herkunft, Typ?" - "Na ja - es ist vielmehr eine Spielzeugwaffe. Man kann Knallpatronen hineintun. Aber sie sieht aus wie echt - passt auch in jede Handtasche." Er schreibt alles auf, nimmt die Waffe entgegen, zeichnet ihre Umrisse auf ein Blatt Papier, klebt sie fest: "Welches Kunstwerk möchten Sie dafür haben?"

Baumüller ist nicht Waffensammler, sondern Künstler. Ottakring "zu entwaffnen" ist sein Projekt. Bürgerinnen und Bürger sind gebeten, Waffen oder das, was sie darunter verstehen, bei seiner "Waffen Einzugs- und Transformations-Organisation" (W.E.T.O) am Yppenplatz abzugeben. Im Tausch gegen den "gefährlichen Gegenstand" erhalten sie ein "sanftes" Kunstwerk - etwa eine Zeichnung, einen Abdruck, ein Foto oder Ge- mälde.

Transformation von Waffen in Kunst

Die Transformation von Waffen in Kunst? Nicht ganz. Denn die Taschenmesser, Spielzeugpistolen, Schwerter, Feuerzeuge oder was immer noch an gefährlichen Gegenständen im Laufe des Festivals "Soho in Ottakring" dazukommt, bleiben erhalten: Die Waffen kommen in ein Arsenal. "Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation, wo Entwaffnung, Gewalt und Krieg von extremer Brisanz sind, möchte ich in einer Vitrine sozusagen eine entrückte Welt der Waffen anlegen", sagt der in Tirol geborene Künstler: Wer Wertgegenstand (Waffe) gegen Wertgegenstand (Kunstwerk) tauscht, nimmt an einer künstlerischen Aktion teil.

Die Begegnung von Kunst und Waffen soll aber noch eine andere Frage aufwerfen. "Heute können die Mächtigen mit Waffen sehr viel erreichen", meint Baumüller: "Sind Kunstwerke als Waffen gegen vorherrschende Systeme zu verstehen?", und: "Was kann man mit Kunst erreichen?" W.E.T.O., Soho in Ottakring, Payergasse 16, 1060 Wien, Di-Fr: 16-21 Uhr, Sa und So: 13 bis 18 Uhr. Bis 7. Juni. (Eva Stanzl, DER STANDASRD Printausgabe 30.5.2003)

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