Böse Politik, unschuldiger Markt

Kommentar |

Die Kritik am Umgang der Eurozone mit der Krise ist übertrieben und gefährlich

Bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds in Washington wurden die europäischen Delegierten durch Sonne und Mond geschossen. Tenor der Kritik: Europa hat zu langsam auf die Schuldenkrise reagiert und gefährde damit die Weltwirtschaft. Die Finanzminister der USA, Mexikos, Brasiliens, Südafrikas erhoben diesen Vorwurf ebenso wie Chefökonomen des IWF, Investoren und Banker. Die Schuldigen an der Krise sind demnach zerstrittene Politiker, unfähige Regierungen, langwierige parlamentarische Entscheidungsprozesse. Kurzum: die Politik.

Dieser Vorwurf ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Damit wird einer Politikverdrossenheit der Boden bereitet, deren Auswirkungen schlimmer sein könnten als die Krise selbst.

Dazu drei Beobachtungen. Es ist richtig, die Staatsschulden in Europa sind zu hoch. Kernproblem der gegenwärtigen Krise sind aber die hohen Zinsen auf diesen Schulden. Hinaufgetrieben werden sie von privaten Investoren: Banken, Hedgefonds und Versicherungen. Das ist noch keine Kritik an "bösen Spekulanten". Trotzdem ist es bemerkenswert, wie schnell Investoren Ländern wie Italien und Portugal das Vertrauen entziehen, obwohl die Probleme (kaum Wachstum, hohe Schulden) seit Jahren bestehen.

Zweitens ist die größte Sorge derzeit, dass die Schuldenkrise von den Staaten neuerlich auf die Banken überspringt. Der IWF schätzt das Verlustpotenzial bei Europas Kreditinstituten auf 300 Milliarden Euro durch die Schuldenkrise und wirft der Politik vor, Banken nicht rechtzeitig rekapitalisiert zu haben. Zwischenfrage: Warum haben Banken nicht selbst Vorsorge getroffen, also Risikogeschäfte zurückgefahren und sich Kapital besorgt? Drittens: Dass Europa im Schuldensumpf feststeckt, ist nicht unwesentlich Folge der Rettungspakete für die Finanz- und Realwirtschaft. Allein zur (sinnvollen) Rettung der Bankenwelt wurden in der EU seit 2008 4600 Milliarden Euro zugesagt.

Auch wenn bisher nur ein Viertel dieser Summe genutzt wurde und auch wenn nur ein Teil dieser Summe schuldenwirksam war, ist klar: Unterm Strich haben Hilfen für die Privatwirtschaft, wenn man so will, den Markt, die Haushalte massiv belastet.

Ursprung und Triebfeder der gegenwärtigen Krise ist also nicht nur die Politik, sondern mindestens genauso die Verwerfungen im Privatsektor. Wenn die europäische Politik dysfunktional agiert - zu kleine Rettungsschirme auflegt, über Details streitet -, tun das private Akteure erst recht. Nebenbei verweist der Währungsfonds in seinen Berichten etwas dezenter sehr wohl auf die immensen Sparanstrengungen der Europäer im vergangenen Jahr.

Trotzdem bekommen die Prügel in der internationalen Arena nur Politiker ab. Die Logik dahinter ist, dass Märkte effizient zu sein haben. Daraus folgt, dass Marktversagen prinzipiell Politikversagen sein muss. In der darauffolgenden Diskussion wird die politische Klasse an den Pranger gestellt, womit ihr erst recht die Kraft abhandenkommt, steuernd einzugreifen.

Solange die offensichtlich tief verwurzelten Probleme am Markt nicht Teil der Debatten sind, kann Europa noch so viele Rettungspakete auflegen. Hier kommt gerade Massenmedien Verantwortung zu, diese Diskussionen vorurteilslos zu führen. Dass "die Politik" an jeder Misere schuld ist, ist zum Gemeinplatz geworden. Wer dieses Klischee bedient, dem ist Zuspruch sicher. Neuen Lösungsansätzen kommt man damit nicht näher. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 26.9.2011)

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Ich hätte mich gewundert, ...

... wenn Herr Szigetvari nicht seine DDR-nahe Marktaversion ausspielen würde. Fakt ist: 1. Griechenland hat schon beim Euroeintritt Statistiken gefälscht. Jeder ordentliche Kaufmann kommt für sowas in den Häfn, Politiker können ungestraft lügen. 2. Deutsche und frz. Politiker habe schon vor Jahren die Maastricht-Beschränkungen ausgehobelt und damit dem Schuldenmachen die Tür geöffnet. 3. Es gibt jede Menge Ökonomen & Analysten, die schon Anfang 2009 vorgerechnet haben, dass Griechenland Pleite geht. Die gesamte Euro-Politikelite hat das Problem kleingeschwätzt oder Konspirationsgefasel von sich gegeben. Ja, am Markt gibt es gelegentlich Verwerfungen, aber am Griechen- oder auch Portugal und Italienproblem ist zu 99% die Politik schuld.

Marktaversion?

Welcher Markt ist gemeint?

Der globale Finanzmarkt hat schon seit langem keinen Gegenwert mehr in der Realwirtschaft. Basiert also auf reiner Spekulation. Geld soll Geld machen. Das gleiche Phenomen hat bereits 1929 zum Crash geführt.

Was aber der wahre Skandal ist, und das hat mit einem sich selbst regulierenden Markt überhaupt nichts zu tun, ist das Sozialisieren der Verluste. Das ist eine Perversion des Marktgedankens. Eine ebensolche Perversion ist es im Übrigen, die Verursacher der Krise und der Verluste aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Üppigen Boni sollten ebenso üppige Mali entgegenstehen. Das würde vielleicht zu etwas mehr Hirneinsatz führen.

Woher kommt eigentlich der Begriff?

Ich lese schon seit längerem im Standard von diversen Experten vom Begriff "Schuldgeldsystem".
Woher kommt das eigentlich? Dieser Begriff ist nicht nur Unsinn, sondern existiert in dieser Form schlicht nicht. Geld ist ein Tauschmittel kein Schuldmittel!

Hier wird ziemlich gut erklärt

http://www.youtube.com/watch?v=Y780J3HFiqI

Es ist kein Unsinn, es ist ein Wahnsinn!

Unglaublicher Schwachsinn.

Es ist nichts zu manipulativ und blöd, als dass sich nicht Leute finden, die das wirklich glauben.

Naja, die Hütchenschieber auf der Straße finden ja auch immer wieder Deppen.

Also wird Geld nicht auf Schulden gemacht?

Wie denn?

Verfügt die Bank über die Summe der Kredite die sie vergibt?

Kassieren die Banken dafür Zinsen und Zinseszinsen oder nicht?

Haftet der Kreditnehmer für dieses Geschäft mit seiner Habe oder nicht?

Wenn Sie künstlerisch mit dem Film nicht zufrieden sind, ok, aber inhaltlich ist es verdammt nah an der Wahrheit. Odr?

Wie bringt man einen intelligenten Menschen dazu, so etwas zu schreiben?

1. Dass die Risikozuschläge zu den Zinsen steigen, je stärker sich ein Staat verschuldet, ist so sicher wie ein Naturgesetz. Den Überraschten zu spielen, wenn die Zinsen untragbar werden, ist völlig absurd!

2. Keine Bank kann sich eine Ablehnung leisten, wenn der Staat verlangt, dass sie seine Schuldverschreibungen (Anleihen) unters Volk bringt. Auf einem Teil dieser Papiere bleibt die Bank regelmäßig sitzen und fügt sie ihrem Eigenkapital hinzu. Wenn unsinnige Politik diese Papiere fast wertlos macht, steht die Bank unverschuldet vor der Pleite.

3. Schon vor der Bankenrettung waren die Staaten so verschuldet, dass für diese Krisenbrkämpfung kein Spielraum mehr da war. Auch daran ist die Politik ganz allein schuld!

Die Politiker sind Flaschen, aber die Banker ...

BZW, dass die Banken so enorme Macht erhalten - Geldschöpfungsmonopol - ist auch ein politischer Fehler, der aber den Schuld der Banken nicht mindert. Die sind mit ihrer Macht und Verantwortung ganz fahrlässig und ausschließlich eigennützig vorgegangen.

Ich glaube, Sie überschätzen die Macht der Banken

Eine Bank handelt eigentlich dann eigennützig, wenn sie das tut, was die Politik von ihr verlangt. Gerade die von Ihnen erwähnte Geldschöpfung wird doch von der Politik gesteuert!

Da gibt es nichts zu überschätzen.

Die Banken werden gerettet mit Steuergelder.
Also der Staat hat noch mehr Schulden und muss Geld bei den Banken aufnehmen und Zinsen Zahlen.

Was gibt da einen Grund die Macht der Banken zu überschätzen?
Ja, bis dahin hat die Politik unzählige Fehlern gemacht, wahrscheinlich deswegen, weil von Geld abhängig wurde.

vollste zustimmung

ich füge nur noch zu punkt 3 an: ...und das trotz eines recht hohen wirtschaftswachstums vor der bankenrettung. also hohes wachstum + schulden anhäufen (oder wegen?) = sinnlose popopulistische und a la long zum scheitern verurteilte politik.

Sie haben recht! Man könnte aber noch viel mehr sagen, als in 750 Zeichen unterzubringen sind

So müsste man auch sagen, dass die "Verwerfungen im Privatsektor", die als "Ursprung der Krise" genannt werden, durch "giftige" US-Immobilienschuldverschreibungen, die sich dann als fast wertlos erwiesen haben, verursacht wurden. Diese entstanden aber durch ein Gesetz Bill Clintons, welcher wegen des Programms "Jedem Amerikaner sein Haus" die Banken zwang, Haus-Kredite auch an praktisch zahlungsunfähige Schuldner zu vergeben. Auch hier stammt der "Ursprung der Krise" von der Politik!

Wenn die Politiker nicht so viel Schulden machen würden, hätten wir keine Finanzkrise.

Und was sagt dazu der Schnauder, Herr szigetvari, spricht der jetzt den neoliberalen Bannfluch über sie aus...

Nicht vergessen, die sind auch nur Banker!

Es wird vermittelt, dass sie irgendwie die weisen sind, die drüber stehen, aber die sind Banker, die die Möglichkeit wahrnehmen die Politik auszubremsen und nach eigenen Interessen die Welt zu regieren.

Finanzmarktregulierung jetzt!

Dabei ist die Lösung SOOO einfach

Zuerst spart der Staat - dann sparen die Bürger (notgedrungen, aufgrund der Sparpakete) und als Folge steigt das Wirtschaftswachstum und alles ist wieder gut.
Warum hört bloß niemand auf den IWF und dessen im Grunde doch rechte einfacher Botschaft...

Interessanter Vorschlag... betriebswirtschaftlich sinnvoll. Volkswirtschaftlich bedenklich. Warum?

Wenn ich spare, dann ist das ziemlich egal. Wenn alle Oesterreicher sparen, dann ist die Wirkung das die Verkaeufe zurueck gehen. Die darauffolgende Reaktion ist das entweder die Gehaelter gekuerzt werden muessen oder aber die Angestellten entlassen. Arbeitslose kosten dem Staat mehr als Angestellte. Arbeitslose und Gehalts-gekuerzte koennen nicht mehr viel sparen. Das ganze ist eine richtige Spirale, die nach unten fuehrt. Gleiches, wenn der Staat die Ausgaben zurueckfaehrt. Unternehmen (z.B. Bau) bekommen weniger Auftraege, daher werden weniger Arbeiter angestellt. Daher mehr Arbeitslose, weniger Geld uebrig am Ende.

PeAcE

es hängt alles von der Frist ab.

Kurzfristig haben Sie recht, aber langfristig führt sparen zu mehr Wachstum.

Woher soll das Geld - langfristig - kommen? Weil die Geldmenge vergroessert sich ja durch Kreditaufnahme, wenn man hingegen spart (und die Kredite zurueckzahlt) dann *verringert* sich die verfuegbare Geldmenge..? Geld vom Hubschrauber? Oder vom Baum?

PeAcE

Nur ein Hinweis: Der österreichische Haushalt zahlte
2010 7,613 Mrd € Zinsen. Abgesehen davon, dass
die Gesamtverschuldung seit einem halben Jahrhundert
wächst. Auch das Nulldefizit 2002 war keines.
Asfinag und ÖBB sind meines Wissens nicht
einmal berücksichtigt.
Sehr gscheit finde ich diese Fiskalpolitik nicht.
Ich frage mich wieso sich Österreich die EFSF
leisten soll.

Wird der Wohlstand der Produktion nicht verkonsumiert, sondern gespart, sind dadurch mehr Investionen möglich. Diese führen langfristig zu höherem Wohlstandsniveau. Langfristig unterscheiden sich reiche von armen Staaten genau durch das Sparverhalten.

Die USA sind mit ihrer Staatsverschuldung und Außenhandelsdefizit zur Zeit *nicht* am aufsteigenden Ast.

Eine Investition wird nur dann getätigt, wenn sie einen gewissen Gewinn verspricht. Ansonsten ist das Schließfach immer sicherer.

Gewinn gibt es aber nur dann, wenn auch konsumiert wird.

Wenn also alle sparen und der Konsum radikal zurückgeht, wo kommt das Geld für den Gewinn her?

Na, irgendwoher halt oder so. Fragen's da nicht nach Logik, denn es ist keine dahinter.

Das geht davon aus, das Menschen - die ohnehin kein Geld mehr haben - es schaffen Geld zu sparen... bei sinkendem Lohn/Arbeitslosigkeit. Bei hoeheren Gehaeltern stimmt Ihre Theorie, aber wer konsumiert am Meisten (im Moment)? Also: Wo wuerde am Schnellsten ein Rueckgang des Konsums statt finden?

Selbst bei etwas hoeheren Gehaeltern wuerde sparen ein Luxus werden, denn Essen und Wohnen muessen die Menschen, warm haetten sie es auch gern... oder?

Die USA zeigt gerade das eine starke Ungleichverteilung der Vermoegen die Wirtschaftsleistung zersetzt (weil die wenigen Reichen ihr Geld nicht fuer den Konsum ausgeben sondern weiter ansparen, waehrend die Masse von Sparen nur traeumen kann)... da gehen unsere Meinungen wohl auseinander..?

PeAcE

ich glaub, das op

war ironisch.

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