Ersatzreligion alternative Medizin

Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit

Gastkommentar | 24. September 2011, 09:57

An irgend etwas muss man ja glauben - warum nicht auch an alternative Behandlungsmethoden, Wünschelruten und Wasseradern? Dabei darf man nur Glauben und Wissen nicht durcheinander bekommen - Von Vince Ebert

Noch vor zweihundert Jahren wurde jeder, der die Existenz Gottes leugnete, als abgedrehter Spinner bezeichnet. Inzwischen halten 54 Prozent der Deutschen Gott für einen tschechischen Schlagersänger.

Gleichzeitig flüchten sich viele in Ersatzreligionen. Sinnsuchende Akademiker lassen sich von Kinesiologen ihre Energieströme ordnen oder informieren sich vor einem Hauskauf beim Feng-Shui-Experten über schädliche Wasseradern. Die Bereitschaft, offensichtlichen Unsinn zu glauben, ist - so scheint es - grenzenlos. Neulich erzählte mir meine Bekannte Gudrun: "Du, ich hatte mal einen Freund, der konnte in die Zukunft blicken. Aber er hat mich leider verlassen - zwei Wochen bevor wir uns kennen gelernt haben..."

Das Prinzip der Hochverdünnung wirkt

Überall wird gependelt, gespürt und harmonisiert, auf Chakra komm' raus. Und die Alternativmediziner sind die neuen Gurus des deutschen Bildungsbürgertums. So fand ein Heilpraktiker in München mit seiner Wünschelrute heraus, dass Gudrun Wasser in den Beinen hat.

Auch der alte Spruch "von nix kommt nix" gilt nicht mehr. Homöopathen arbeiten mit dem Prinzip der Hochverdünnung: Je dünner die Beweise für die Wirksamkeit, desto populärer wird sie. In dem Präparat Belladonna D30 wird die Ausgangssubstanz durch ein Lösungsmittel wie Alkohol oder Milchzucker 30 Mal hintereinander verdünnt. Und zwar - James Bond lässt grüßen - nicht durch Rühren, sondern durch Schütteln.

"Geistartige" Kraft?

Das ist, als ob man in Frankfurt einen Autoschlüssel in den Main wirft und dann in Würzburg versucht, mit dem Mainwasser das Fahrzeug zu starten. Denn ab der vierundzwanzigsten Verdünnungsstufe ist kein einziges Belladonna-Molekül mehr in der Lösung. Ist auch nicht nötig, sagt der Homöopath. Denn die Information des Wirkstoffes werde durch das Schütteln mit Hilfe einer "geistartigen Kraft" auf das Lösungsmittel übertragen. Und weil das Lösungsmittel ein Gedächtnis habe, speichere es die Information und erinnere sich auch nach mehreren Monaten noch daran. Diesen Vorgang nennt der Homöopath "potenzieren". Die geistartigen Kräfte der diversen Verunreinigungen, die durch das ständige Schütteln entstehen, werden wundersamer Weise nicht potenziert. Das Mittel weiß offenbar ganz genau, welche Geister es verstärken soll und welche nicht. Faszinierend, oder? Es gibt Menschen, die sitzen in geschlossenen Psychiatrien für weit weniger.

Natürlich sollte jeder die Freiheit haben, Mittelchen einzunehmen und Behandlungsmethoden auszuprobieren, von denen er glaubt, sie helfen. Aber wie frei sind wir, wenn wir Glauben und Wissen verwechseln?

Glauben mit Wissen verwechseln?

"Es gibt eben wundersame Dinge, die sich mit Naturwissenschaft nicht erklären lassen!", sagt Gudrun. Der Erkenntnistheoretiker David Hume schrieb über diese Art von Argumentation: "Die Annahme, etwas sei ein Wunder, ist nur dann gerechtfertigt, wenn alle alternativen Erklärungen noch unwahrscheinlicher sind." Angenommen, Ihr Nachbar behauptet, er hätte eine Topfpflanze, die sämtliche Arien aus Aida singen kann. Was ist wahrscheinlicher: Es gibt diese Topfpflanze oder Ihr Nachbar hat einen Sprung in der Schüssel? Jeder weiß doch: Topfpflanzen singen viel lieber Puccini.

Nur überprüfen kann man es nicht

Das Dilemma der Alternativmedizin ist nicht, dass es keine wissenschaftliche Erklärung für sie gibt, sondern dass sie keine Methode anbietet, mit der man ihre angeblichen Erfolge überprüfen und sie im Zweifelsfall widerlegen kann. Schon im alten Rom hieß es: Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit. Denn wenn wir nicht zweifeln, sind wir nichts als Wachs in den Händen von Politikern, Religionsführern oder Homeshopping-Verkäufern. (Vince Ebert, derStandard.at, 24.9.2011)

Autor

Vince Ebert, The European, ist Kabarettist. Zunächst arbeitete der studierte Physiker in der Unternehmensberatung und Marktforschung, bevor er 1998 seine Karriere als Kabarettist begann. Vince Eberts Anliegen: die Vermittlung wissenschaftlicher Zusammenhänge mit den Gesetzen des Humors. 

Kommentar posten
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okami
00
29.9.2011, 20:33
Zum Thema der Wissenschaftlichkeit:

http://diestandard.at/plink/131... id23089062

Dort wird auch Wissenschaftlichkeit behauptet!
Das würde ich wohl eher unter 'Geschwurbel' zählen.

Emil Sacklinger
 
41
27.9.2011, 08:01
mit dem reizwort "alternativmedizin"

gelingt es sogar einem mittelmäßigen kabarettisten, die kampfposter der pharmaindustrie der staunenden standard-postergemeinde vorzuführen.

(einfach köstlich - köstlich einfach, diese methode)

marty fink
00
5.10.2011, 13:16
Der Dr. Dellmour ist Kabarettist?

Ahhh....

thanks to denial I am immortal
13
28.9.2011, 10:03

Man wird vorgeführt, wenn man nach darauf beharrt, dass persönliche Erfahrungen klinische Studien nicht ersetzen?

Wie dem auch sei, die Standard Zensi trägt auch dazu bei, indem sie Postings entweder um Stunden verzögert oder gleich gar nicht zuläßt.
Der linkte Geist hat halt einen soft spot für Esoterik

nivea
03
26.9.2011, 17:35

Wenn mein Sohn gestürzt ist und geweint hat, habe ich ihm immer die "Wundersalbe" (Nivea) drauf geschmiert - und es hat immer gewirkt!

Emil Sacklinger
 
20
27.9.2011, 09:55

... wenn sie ihm jetzt noch mit "doramad" die zähne putzen, beißt er sich problemlos durch alle schwierigkeiten des lebens.

(dann wird er gar noch wissenschaftler)

Emil_Sacklinger II (Der Sohn)
63
26.9.2011, 13:21

Es wird immer die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft besachworen.

Das Problem dabei ist, daß "Wissenschaft" nicht so genau abgegrenzt ist. Wenn man damit all das meint, was von jenen betrieben wird, die das Fach studiert haben, ist es problematisch.

Denn Wissenschaftler haben uns seinerzeit auch erklärt, daß Atomkraft 100 % sicher ist. Und die Wissenschaft hat uns auch Contergan beschert.

Und die WEissenschaft hat in seinerzeit sogar die radioaktive zahncreme "Doramat" entwickelt und in den verkauf gebracht.

Ein bißchen Vorsicht ist angebracht, wenn die Wissenschaft der Maßstab und Argument gegen alternative heilmethoden sein soll.

marty fink
02
5.10.2011, 13:23
Komisches Wissenschaftsverständnis

Neuer Nick neues Glück
25
26.9.2011, 14:09

Die Wissenschaft hat uns nie erzählt, dass Atomkraft sicher sei. Das waren einzelne Vertreter der Zunft, nicht mehr.

Aber warum soll man einer alternativen "Medizin" mehr Glauben schenken, wenn sie nicht mal den menschlichen Blutkreislauf entdeckt hat (TCM) bzw. in keiner ernsthaften Studie besser als Placebo (Homöopathie) gewirkt hat?

Gemütlichkeit ist Menschenrecht
03
26.9.2011, 15:26

Na da dürftest Du das Glück eines Spätgeborenen haben, also nach der Abstimmung über Zwebntendorf auf die Welt gekommen zu sein.

Da war im Vorfeld von der 100 %igen Sicherheit die Rede und wer es nicht geglaubt hat, war Panikmacher.

kerstin stiege
00
26.10.2011, 07:45

Bisher gibt es auch keinen rational aegunentierbaren Grund, den (behaupteten) Anspruch der _wissenschaft_ in Zweifel zu ziehen. So gesehen ist die aussage dass Atomkraft zu 100% sicher sei wesentlich weniger abenteuerlich als die noch bis vor kurzem propagierte linke aussage, dass 'islam' 'frieden' heisse ;)

Emil Sacklinger
 
11
26.9.2011, 15:29

... dafür hat sogar unser hochverehrter herr altbundeskanzler kreisky garantiert.

(und eine bessere sicherheitsgarantie als die des herrn dr. kreisky gibt's wohl nicht)

Gemütlichkeit ist Menschenrecht
02
26.9.2011, 15:24

Es sind immer nur einzelne vertreter der Zunft.
Auch beim gegenständlichen thema.

Es gibt nie ungeteilte meinung DER Wissenschaft.

Aber es hat oft den Anschein, als würde man meinen, daß DIE Wissenschaft diese oder jene Meinung hat und gerade das wird auch als Argument gegen altwernative Heilmethoden verwendet.

Neuer Nick neues Glück
01
26.9.2011, 15:42

Gegen alternative Heilmethoden spricht halt sehr oft einfach die Statistik.

Emil Sacklinger
 
10
27.9.2011, 08:02

... sehr oft.

(aber nicht immer)

marty fink
00
5.10.2011, 13:24
Bei Homöopathie IMMER

nix als Placebo!

thanks to denial I am immortal
23
26.9.2011, 13:52

Kein ernst zu nehmender Wissenschafter hat jemals etwas zu 100% sicher erklärt

Plabutsch
11
26.9.2011, 15:31
Sagen Sie das den Skeptikern :-))

thanks to denial I am immortal
12
26.9.2011, 15:38

Liefern Sie mir ein Zitat eines Wissenschafters in einer wissenschaflichen Fachzeitschrift, wonach Nuklearenergie zu 100% sicher sei

Plabutsch
11
26.9.2011, 15:55
Sie haben die Pointe nicht verstanden :-))

Die "Skeptiker" sind die einzigen, die hier ständig Behauptungen aufstellen - die sie als 100% richtig darstellen.

Emil Sacklinger
 
11
27.9.2011, 08:40
ich gehöre auch zu den skeptikern

was die gwup-institutionalisierten skeptiker betrifft.

(sogar 100 %iger skeptiker)

Konsumtrottel 2.0
13
26.9.2011, 23:10
es reicht,

dass 100% aller homöpathen die wirksamkeit der homöpathie über placebowirkung hinaus nicht belegen können.

thanks to denial I am immortal
02
26.9.2011, 17:12

Skeptiker verlangen ordentlich durchgeführte experimentelle Belege für aufgestellte Behauptungen.
Wenn Sie diese nicht bringen, bzw. auf Dingen beharren, die wiederholt widerlegt wurden, brauchen sie sich nicht wundern, verbal ein wenig ruppiger angefasst zu werden.

Plabutsch
31
26.9.2011, 22:39
"Skeptiker verlangen"

Stimmt.

"Skeptiker" verlangen nach dem Eindruck dieser Diskussion hier ständig von anderen, was sie selbst nicht leisten.

Es wird über Methoden hergezogen, zu denen offenbar jedes Fachwissen und auch jede eigene Erfahrung fehlt. (Auch die schulmedizinischen Kenntnisse dürften sehr bescheiden sein.)

Es ist eine schöne Demonstration über den Unterschied von Wissenschaftsgläubigkeit und Wissenschaftlichkeit.

Ohne jede Legitimation führen hier Menschen ohne nachgewiesene Kompetenz einen pseudoreligiösen Kreuzzug gegen alles und jedes, das sie nicht verstehen. (Dass es sich um eine Lobbygruppe der Pharma-Industrie handeln könnte - dieser Verdacht wird hier eher bestärkt.)

Hier kann sich jeder von den "Skeptikern" sein eigenes Bild machen.

8Nachtigall8
00
12.10.2011, 08:56

sie glauben, dass die pharma firmen nicht schon längst geld mit alternativ medizin machen? das ist so, als würden sie meinen omv versucht alternative energie quellen zu verhindern,... in wirklichkeit schauen beide gruppen, dass sie sich die rosinen aus dem kuchen picken...

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