Wenn ich in einer Friedensstadt käme, woran würde ich sie erkennen? Von Barbara Frischmuth
Frieden, dieses Wort hat sich schon viel gefallen lassen müssen, von realitätsferner Idealisierung und ideologischer Manipulation bis hin zu Trivialisierung und eindeutigem Missbrauch. Mittlerweile hat sich die Friedensrhetorik zu einem Genre der Kongressdichtung ausgewachsen, um das keiner mehr herumkommt, der öffentlich die Stimme erhebt.
So wie in vielen Kulturen der Frieden, der mit einem sein soll, zur Grußformel erstarrt ist, die wie Münzen täglich millionenfach getauscht wird, ohne dass die Welt auch nur um einen Cent friedlicher würde, steht in so gut wie jeder Umfrage, die die Wünsche der Menschen erfassen soll, der Frieden an erster Stelle. Aber was stellen wir uns darunter vor?
Frieden ist zu einem solchen Allerweltswort geworden, dass wir es wie ein Firmenlogo verwenden, das auf allem draufsteht, was der Konzern Europa als Werbebotschaft an seine Kunden ausschickt. Und wir Europäer sind bei weitem nicht die Einzigen. Jeder Gewaltherrscher dieser Welt hat das Wort Frieden wie einen Zahnersatz in seine Kiefer implantiert und wird erklären, dass die Unterdrückung seiner Landsleute dem zu erkämpfenden Frieden diene, der Krieg gegen Nachbarn sowieso. Denn Frieden könne es nur geben, wenn alle anderen mundtot oder überhaupt totgemacht sind und den Frieden nicht mehr stören können.
Der Westen redet von Frieden, wenn er seine Soldaten im Irak oder am Hindukusch in den Krieg schickt, Ziele in Serbien oder in Libyen bombardiert, und das Dilemma besteht darin, dass es sehr wohl Gründe gibt, das zu tun, gute, wenn man einer bis aufs Blut schikanierten Bevölkerung zu Hilfe kommen möchte, und triftige - it's the economy, stupid! -, wenn die Ölvorkommen der jeweiligen Länder es zu rechtfertigen scheinen, die eigenen Waffenarsenale wieder einmal einem Stresstest zu unterziehen. Um dann weniger Taugliches an die ärmeren Länder zu verhökern oder es als recyclebares Altmetall zu verschrotten. Nur mit Frieden hat das nichts zu tun, wie die Erfolge, das heißt, die Nicht-erfolge der meisten dieser Friedensmissionen zeigen.
Was also tun, wenn man dennoch über Frieden reden möchte. Wie entkommt man dem heillosen Gähnkrampf, der viele, vor allem Nachdenkliche, befällt, wenn wieder einmal einer oder eine sich an diesem F-Wort die Zähne ausbeißt? Henryk Broder, Journalist und Berufspolemiker, dem ich ansonsten nur ungern zuhöre, tourte in einer kleinen feinen Fernsehserie auf 3sat namens Broder oder ... mit dem aus Ägypten stammenden Kulturwissenschafter Hamed Abdel-Samad durch Deutschland, um Tabus der deutschen Wahrnehmung zu brechen. Dabei hat er einen geradezu heroischen Versuch unternommen, das Wort Frieden von der ihm angemästeten Beliebigkeit zu befreien, indem er es mit seinem unverzichtbaren Widerpart Krieg, ohne den es wahrscheinlich gar nicht existieren würde, verschränkte. Und zwar so, dass es bedeutungsmäßig wieder zu Kräften kam.
Broder hatte den überraschenden Einfall - von ihm wahrscheinlich als Ironie gedacht, jedoch, wie sich herausstellte, mit tieferer Bedeutung -, den Krieg in den üblichen Wortverbindungen durch Frieden zu ersetzen. Er und Abdel-Samad warfen sich die vom Krieg beschlagnahmten Wörter wie Bälle zu, die dann beim jeweils anderen als Friedensgefahr, Friedenshetze, Vergeltungsfrieden, Friedensgräuel, Friedensgefangene, Friedensberichterstatter usw. ankamen. Und siehe da, mit einem Mal vermittelte das Wort Frieden, das den Krieg ersetzte, wieder eine Art Spannung, die auf etwas aufmerksam machte, nämlich auf die ambivalente Bedeutung des Wortes Frieden. So komisch diese neuen Wortzusammensetzungen auch erscheinen mochten, stellten sie doch eine ernstzunehmende Beziehung zu dem Begriffspaar Krieg und Frieden her, die in Wirklichkeit tiefer ineinander verstrickt sind, als wir ihrer Polarität wegen vermuten. Nur so lässt sich begreifen, dass wir in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Frieden leben, aber nicht in Frieden, weil wir nicht wirklich befriedet sind. Zu offen setzen wir den Krieg nur mit anderen Mitteln fort.
Wie dünn der weltoffene, liberale Anstrich über den verschiedenen Nationalismen Europas noch immer ist, zeigt die Leichtigkeit, mit der die Angst vor Überfremdung geschürt werden kann. Dazu kommen der Mangel an Empathie für die anderen sowie eine Arroganz, die die Unterschiedlichkeit von Kulturen allein in westlichen Begriffen denkt und sie nur noch als schlichte - sprich: ungenügende - exotische Varianten der westlichen Kultur wahrnimmt. Nachzulesen bei François Jullien in seiner bemerkenswerten Abhandlung über Das Universelle, das Einförmige, das Gemeinsame und der Dialog zwischen den Kulturen. Hätten wir unseren Nationalismus, hätten alle Europäer ihre unterschwelligen Nationalismen besser im Griff, würde die EU anders dastehen und müsste ihre Frustration über den Egoismus und die Geltungssucht der Nationalstaaten nicht in bürokratischen Exzessen ausleben.
Wie aber könnte es gelingen, innerhalb des europäischen Friedens, von dem ganz und gar nicht sicher erscheint, ob er für alle Zeiten gewährleistet ist, einen alltäglichen Frieden vom Zaun zu brechen? Einen Frieden, der ohne Friedensangst auskommt und dessen Friedensultimatum uns zur Entscheidung gegen die Politik als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ermutigt.
Käme ich also in eine Friedensstadt - woran würde ich sie erkennen? Gewiss nicht an den plakatierten Wahlvorschlägen mit rassistischem nicht nur Unter-, sondern Grundton. Auch nicht an der mit Ressentiments aufgeladenen Berichterstattung mancher Medien, die einem schon beim Frühstück den Appetit verdirbt. Sicher nicht an den scheelen Blicken in öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn Anderssprachige, Andersfarbige oder Andersgläubige zusteigen. Nicht an denen, die glauben, nur unter Ihresgleichen leben zu können und die das Prekariat für selbstverschuldet und die Einkommen, die auch nur knapp über dem eigenen liegen, für ergaunert halten. Und schon gar nicht an jenen Personen des Vollzugs, die an Minderjährigen genau jene Gesetzeshärte üben, die sich bei Finanzdelikten großen Ausmaßes nur zu oft in ungerechtfertigte Gesetzesmilde verwandelt.
Dass man Jugendliche erst jahrelang zu integrativem Verhalten anhält und sie dann, wenn sie sich erfolgreich integriert haben, wegen eines viel zu spät ausgestellten, negativen Asylbescheids in ihre sogenannten Heimatländer abschiebt, in denen nichts als eine neue Fremde auf sie wartet, und das im Bewusstsein dessen, dass wir auch weiterhin Zuwanderer brauchen werden, gehört zu jenen politischen Maßnahmen, die den Krieg - in diesem Fall den gegen junge Menschen - fortsetzen.
Dass auch Linzer Friedfertige Amtshandlungen dieser Art nicht unwidersprochen hingenommen haben, daran lässt sich zum Beispiel eine Friedensstadt erkennen. An den Friedfertigen, die schon für den Frieden gerüstet und ihn Handgriff für Handgriff zu fertigen bereit sind, damit er sich innerhalb des Ballungsraums einer Stadt verkörpern, verselbstständigen und um sich greifen kann.
Frieden ist kein Geschenk des Himmels, sprich: von oben gesandt. Frieden ist etwas, das hier unten von Mensch zu Mensch geschaffen werden muss. Dazu bedarf es auch gegenteiliger Mittel, nicht kriegerischer, sondern streitbarer. Ohne Streit wird der Frieden auf allen Ebenen nicht zu schließen sein, und er muss auf allen Ebenen geschlossen werden, wenn er halten soll, was wir uns von ihm versprechen. Nämlich miteinander leben zu können, ohne dass es immer wieder auf gegenseitige Ausschließung, Verächtlichmachung, Angriffigkeit oder gar auf Mord und Totschlag hinausläuft.
Erst im Streit mit angemessenen Mitteln entwickeln sich Argumente, vor allem jene brauchbaren, mit deren Hilfe die Gestalt des täglichen und des alltäglichen Friedens in Erscheinung treten kann. Eine Gestalt, auf die das Wort Frieden, so wie es oft emotions- und schon beinah bedeutungslos gebraucht wird, eben nicht mehr verweist.
Gerade in Gesellschaften, die ihr Aggressionsvermögen nicht mehr in Kriegen nach außen ableiten können, ist es Aufgabe der Friedfertigen, den Streit zu kultivieren und die leidenschaftliche Auseinandersetzung zu ermöglichen, damit Meinung und Gegenmeinung sich an den verschiedenen Facetten der Realität erproben, das heißt, sich an den Sachverhalten versachlichen können.
Doch wird diese Form des Streits nur dann eine befriedende und somit befriedigende Wirkung haben, wenn sie sich nicht bloß in der Waagrechten, das heißt, wieder einmal unter vermeintlich Seinesgleichen, sondern auch in der Senkrechten, zwischen der Basis der Gesellschaftspyramide und deren Spitze, führen lässt. Was nicht nur Gehörtwerden, sondern auch die Fähigkeit zuzuhören voraussetzt. Die Rede von denen da oben, die so oder so seien - womit wir unveränderlich und unverbesserlich meinen -, ist genauso wenig hilfreich wie die Rede von der breiten Masse, die ohnehin nicht verstehe, in welche Richtung sie getrieben wird.
Miteinander zu streiten - wohlgemerkt, mit angemessenen Mitteln - würde vielleicht die Informationsflüsse von den Abwässern einer Desinfomationspoitik befreien, deren Scheingefechte nicht einmal Gefechte sind, sondern einseitige Aktionen zugunsten verschleierter Interessen.
In einer Friedensstadt, die ich als solche erkennen würde, müsste es möglich sein, die Interessen, die von der Politik bedient werden, kenntlich zu machen, und zwar in einem Ausmaß kenntlich zu machen, dass jeder, der sie erkennen will - das Wollen ist in diesem Zusammenhang Bringschuld der Bevölkerung -, sie auch erkennen kann, ohne dass er durch bürokratische Vernebelungstaktiken oder eine populistische Schwarzweißstrategie die eigenen Interessen gar nicht mehr in den Blick bekommt. Gerade was die EU angeht, wäre da noch viel an Verstehens- und Verständigungsarbeit zu leisten.
Dass der europäische Vertrag von Lissabon für die oft zitierten Normalsterblichen ein Werk mit Sieben Siegeln ist, zeigt, dass es Mediatoren bräuchte, um das, was er für uns alle bedeutet, in allgemein verständlichen Worten und Sätzen zu vermitteln.
Denn nur wenn wir wirklich verstehen, was von Politikern europaweit ausgehandelt wird, ist es uns möglich, darüber zu streiten. Und zwar so lange, bis wir uns über den Wert dieses europäischen Konstrukts einigen und uns in seinem Schutz auch von Mensch zu Mensch befrieden können. Was natürlich nicht das Ende des Streits bedeuten würde, aber eine bessere Einsicht, wie er zu führen sei, damit wir einander als Streitpartner und nicht ausschließlich als Streitgegner begreifen und uns nicht gegenseitig aus den Augen verlieren. Damit dieses uns mitgegebene Aggressionsvermögen sich nicht gegen uns kehrt, sondern uns dazu anstiftet, für die bessere Sache auch die besseren Argumente zu finden.
Eine Friedensstadt würde ich also am ehesten an ihrer Fähigkeit erkennen, kritisch auf andere und anderes einzugehen, mit einem Wort, an ihrer Streitkultur. (Barbara Frischmuth, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 24./25. September 2011)
Barbara Frischmuth, geb. 1941 in Altaussee, ist eine österreichische
Schriftstellerin. Sie studierte u. a. Türkisch und Ungarisch und ist
seit 1966 als Schriftstellerin tätig. Sie publizierte zahlreiche Romane
und Erzählungen und wurde dafür mit zahlreichen Preisen und Ehrungen
bedacht. Der vorliegende Text ist eine Rede, die Barbara Frischmuth am
21. September, am Tag des Internationales Friedens, am Friedensfest in
Linz hielt .