In Mailand soll's rote Rosen regnen

23. September 2011, 18:02

Bei Gucci in Mailand beginnen die Modeschauen dort, wo sie in New York endeten - mit einer Hommage an die 1920er-Jahre

Mag derzeit Italiens wirtschaftliches Ranking in der Eurozone auch arg darniederliegen, Guccis Verkaufszahlen stehen glänzend da.

Kein Wunder also, dass Frida Giannini, die Designerin des Hauses, zum Auftakt von Mailands Designerschauen für Frühjahr/Sommer 2012 die Farbe des Goldes für ihre Einladungen wählte. Und golden verspiegelt sind auch die Säulen im Eingangsbereich, golden blitzt sogar Guccis Schriftzug auf der Rückwand beim Defilee.

Kurioserweise lässt sie sich dafür ausgerechnet von den Roaring Twenties inspirieren, der Dekade von Amerikas Großer Depression, die 1929 im Schwarzen Börsen-Freitag endete.

Metallisch glänzende, spektakuläre Fransenkleider

Aber in derselben Dekade gibt es eben auch die hinreißende Art-Deco-Architektur von New Yorks Chrysler-Building und Hollywoods Charleston-Filme, die Giannini für metallisch glänzende, spektakuläre Fransenkleider in grafischen Schwarz-Weiß-Dessins mit viel Gold übersetzt.

Mit ihnen führt sie die Jumper-Linie der 1920er-Jahre in der Mode ein, gerade bis zur Hüfte, die eine Blende breit betont über kess schwingenden, kniefreien Röcken mit Falten oder Volants. Mit Zebrastreifen oder Giraffennetz auf Seide gedruckt, begeben sie sich zuweilen auf Luxus-Safari.

Daneben paradieren weichfallende Hosen mit hohem Taillenbund und breiten, seitlichen Kontraststreifen, die schulterbetonte Spenzerjacken mit schwarz/weißen Jazz-Dessins begleiten, mal smaragdgrün kontrastiert, mal mandarinenfarben - oder aber in Gold.

Duftige Teepuppenkleider mit verspielten Minivolants

Trotzdem fällt auf, dass die Designerin, die in den beiden vergangenen Saisonen in Farben schwelgte, das sommerliche Farbkolorit diesmal eher den Zweitlinien ihrer Kollegen überlässt.

So nehmen bei Anna Molinaris junger "Blugirl"-Kollektion die duftigen Teepuppenkleider mit ihren verspielten Minivolants und Rosenblattrüschen in Zitronengelb oder Puderrosa kein Ende. Neu hingegen sind opulente Blumenwiesen, die auf flatterhaften Chiffonkleidern blühen.

Hat sich die Farbe in der letzten Saison die Flächen erobert, so ist es nun der Druck, den die Designer breit ausspielen. Bei D&G, Dolce & Gabbanas Zweitlinie, deren Einstellung gerade bekanntgegeben wurde, sieht das aus, als hätte man dafür Gianni Versaces Seidentücher aus den 1980er-Jahren aufgekauft und zu Spielhöschen mit Blusenblousons, drapierten Minikleidern und knöchellangen Gypsy-Röcken verarbeitet mit viel klingelndem Goldmünzenschmuck an Hals und Ohren.

Bunte Spielzeugautos

Bunte Spielzeugautos, die von weitem wie Streublümchen wirken, druckt hingegen Miuccia Prada auf ihre Faltenröcke, was sie veranlasst haben mag, die ehemalige Autowerkstatt, in der sie ihre Mode zeigt, von Architektenfreund Rem Koolhaas mit großen Schaumstoffstraßenkreuzern in Zuckerpink und Himmelblau ausstatten zu lassen.

Wie Frida Giannini zitiert auch Frau Prada den "American Way of Life", der jedoch eher Edward Hoppers Bildern aus den 1940er- und frühen 1950er-Jahren entsprungen zu sein scheint.

So zeigen volumige Mäntel in Grau- und Beigetönen Plisseevorderfronten oder sind mit gehäkelten Minitopflappen in Kontrastfarben besetzt. Fürs Darunter genügen breite BH-Bandeaus und fast durchgehend knielange Plisseeröcke, zuweilen kess mit Farbe besprüht. Große, farbige Glitzersteine funkeln statt Nieten auf weiten Duchesseblousons in Juwelenfarben, und Hell's-Angels-Flammen züngeln an Rocksäumen empor.

Minirücklichter auf Cadillac-Haifischflossen

Dazu passen Pradas neue Sandaletten mit flachen Sohlen und hohen Absätzen, an denen Minirücklichter auf Cadillac-Haifischflossen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie sehen aus, als hätte ihnen, in wirtschaftlich schwerer Zeit, Hermès persönlich, der griechische Gott des Handels und der Kaufleute, seine kleinen Knöchelflügel geliehen. (Peter Bäldle aus Mailand/Der Standard/24/09/2011)

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