Atmosphäre am Arbeitsplatz

Ein gutes Klima braucht den persönlichen Beitrag

26. September 2011, 09:49
  • Artikelbild
    foto: ap/times record, kaia larsen

    Gewitterstimmung und Hickhack bis zum Ende der Spirale? Permanentes Eingeschnapptsein? Es lässt sich lösen.

Eine bessere Atmosphäre am Arbeitsplatz hat auch mit einem Verstehenwollen, hat auch mit Selbstkontrolle zu tun - Bei dauernder Giftküche ist Neuprogrammierung des eigenen Reaktionsverhaltens angesagt

Miese Stimmung? Vergiftete Atmosphäre? Keine Frage, schuld sind die anderen! Allen voran natürlich die Vorgesetzten. Thomas Weegen von der auf Führung und Zusammenarbeit spezialisierten Unternehmensberatung Coverdale in München kommt zu einer etwas anderen Einschätzung. Wer die dicke Luft am Arbeitsplatz ausschließlich den Vorgesetzten und den Kolleginnen und Kollegen ankreide, übersehe, dass man auch selber den anderen einschließlich des selbstverständlichen Oberbuhmanns, des Chefs, ganz gehörig auf die Nerven gehen könne. Und das frei nach dem Motto: "Wieso ich? Soll ich mir alles gefallen lassen? Ich reagiere doch nur!"

Und exakt das ist für Weegen der Auslöser für so manche Schlechtwetterlage am Arbeitsplatz: Unverzüglich wird auf alles und jedes reagiert. Puls geht hoch, Klappe geht auf, Eskalation beginnt. So wird aus jeder Laus, die jedem einmal über die Leber läuft, ein Elefant im atmosphärischen Porzellanladen. Wacker wird hin und her gestichelt, reiht sich frei nach dem Motto "Das kann man doch nicht auf sich sitzen lassen!" eine Nickligkeit an die andere. Und schon dreht sich der schönste Teufelskreis wechselseitigen Eingeschnappt- und Beleidigtseins. Gefühlte Stimmungslage: arktisch.

Hin und her giften

Und nun? Der Klügere lenkt ein, gibt nach, auf? Für Weegen eine, aber nicht die beste Lösung. Aus Erfahrung weiß er: Ist erst mal ordentlich hin und her gegiftet worden, helfen auch Beschwichtigungsgesten nicht wirklich weiter. Meist glimmen unter der Oberfläche die Funken der Empörung weiter. Die nächste "Brandfall" ist vorprogrammiert. Also, sagt er, "kann die Lösung nur heißen: Der Klügere verhält sich klüger und nimmt sich von vornherein zurück." Atmosphärisch entspannter Umgang miteinander am Arbeitsplatz "verlangt auch, einfach mal den zu Mund halten. Selbstverständlich bedürfe das einiger Selbstbeherrschung und Überwindung, bis es zuverlässig gelinge, nachsichtiger zu sein, großmütiger auf das stimmungsmäßige Auf und Ab oder die sonstigen Kapriolen der lieben Kolleginnen und Kollegen zu reagieren und ebenso auch dem Vorgesetzten innerlich ein wenig entspannter und aufgeschlossener zu begegnen. Doch die entsprechende Neuprogrammierung des eigenen Reaktionsverhaltens sei durchaus zu schaffen.

Bis zehn zählen

Sich zu bemühen, zugunsten eines leisen, nachsichtigen Lächelns auf eine prompte laute, unwirsche Replik zu verzichten, kann für Weegen "richtig befriedigend sein." Weshalb? Weil einem mit der Zeit zwei Dinge bewusst würden: zum einen, dass dieses weniger impulsive Verhalten innerlich und nach außen mehr stärke als jeder kurzlebige Triumph in allen möglichen Auseinandersetzungen, und zum anderen, "weil sich die Erkenntnis einstellt, wie sehr man doch wie ein Hampelmann, an dessen Strippe jemand zieht, bislang auf alles Mögliche reagiert hat."

Lebensqualität, Akzeptanz und persönliche Wertschätzung am Arbeitsplatz, "haben viel mehr mit überlegter Selbstführung zu tun als mit aggressiver Selbstbehauptung", gibt Weegen zu bedenken. Was für Führungskräfte gelte, gelte auch für das Miteinander von Kolleginnen und Kollegen. Und zu dieser überlegten Selbstführung gehöre eben auch, über den vermeintlich oder tatsächlich ärgerlichen Moment hinaus zu denken und sich selber zu fragen: Wie würde ich diese Situation eine Woche später beurteilen? Scheint sie mir, dann in Herz und Hirn wieder abgekühlter, auch noch einen unverzüglichen Gegenschlag wert? Behaupte ich mich dadurch, oder mache ich mich mit meiner fixen Reaktion eher lächerlich? Oder setzte mich ganz und gar ins Unrecht?

Falsches Bein am Morgen

Eine bewährte Hilfestellung in dieser Situation sei, zu versuchen, die Situation zu durchschauen, hinter die Kulissen des gezeigten Verhaltens zu blicken. Oft komme da Menschliches, allzu Menschliches zum Vorschein: Bestimmte Wetterlagen beispielsweise lösten nun mal auch bei an sich friedlichen Naturen unwirsches Verhalten aus, machten sie ungestümer in Wortwahl und Reaktionsweisen. Auch wer mit dem bekannten falschen Bein aufgestanden sei, rumple deutlich aggressiver durch den Tag als es sonst ihre oder seine Art sei. Und nicht ganz unbekannt sei auch, dass sich partnerschaftliche Querelen in ihren Ausläufern bis zum Arbeitsplatz bemerkbar machten.

Worauf es dem in der Analyse und Verbesserung von Zusammenarbeit erfahrenen Weegen ankommt, ist, die Einsicht zu fördern, dass das, was im ersten Moment als ungebührlich erscheint, bei genauerem Hinsehen oft ein gänzlich anderes Gesicht bekommt und nach einem nachsichtigeren Verhalten verlangt. Für ihn hat deshalb die entspannte(re) Atmosphäre am Arbeitsplatz viel mit dem Bemühen zu tun, ein wenig tiefer zu blicken, sich zu bemühen, besser zu verstehen. Mit dem Anstoß, sich darin zu üben, trifft er sich mit dem mittlerweile 90-jährigen und nach wie vor bewundernswert aktiven ehemaligen Psychologieprofessor an der Universität Hamburg, Reinhard Tausch. Wieder und wieder hat dieser sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich im Miteinanderumgehen unnötige Belastungen und atmosphärische Störungen verringern lassen. Sein diesbezüglicher Rat heißt unter anderem:

  • Halten Sie sich in jeder Situation vor Augen: Häufig sind die wie auch immer gearteten Umstände an sich weniger problematisch als die Art und Weise, wie auf diese Umstände reagiert wird. Die meisten Probleme sind schon zur Hälfte gelöst oder in ihrer Brisanz deutlich entschärft, wenn sie nicht als Kampfansage oder Katastrophe sondern als Aufgabe begriffen und behandelt werden. Sehen Sie heikle Situationen so an, stimulieren Sie sich und Ihr Unterbewusstsein, und die Problemlösung wächst Ihnen häufig förmlich zu, weil dadurch die inneren Bremsen gelöst werden und die Denkblockaden aus dem Gehirn verschwinden.
  • Haben Sie Idealvorstellungen, aber verrennen Sie sich nicht in ihnen. Hegen Sie Erwartungen, aber machen Sie weder das eine noch das andere zur Messlatte für Ihre Urteile. Wenn Sie alle und alles in Ihrem Leben mit dem falschen Maßstab messen, kann Ihnen zwangsläufig kaum etwas gefallen. Lernen Sie loszulassen. Geben Sie Menschen Raum, sich auf ihre eigene Art zu verhalten. Nehmen Sie sich die Zeit, Gegebenheiten nicht nur aus dem Hier und Jetzt und aus einer Perspektive anzuschauen. Stellen Sie sich auf die Eigendynamik von Situationen ein. Nur so können Sie sich in lebendiger Auseinandersetzung mit Ihrer Umwelt weiterentwickeln.
  • Lernen Sie zu vergeben: Entlasten Sie sich von den Scheuklappengefühlen des ständigen Gekränktseins, Grolls und des Nachtragens. Schleppen Sie tatsächliche oder vermeintliche Kränkungen nicht als blockierendes Gefühlsgepäck auf ewig mit sich herum. Vergeben ist eine wichtige Möglichkeit, sich zu entwickeln, zu reifen und neue Horizonte für sich zu öffnen.
  • Gewinnen Sie Klarheit über sich selbst: Finden Sie heraus, was Ihnen wichtig ist, was zu Ihnen passt, was sie ganz konkret wollen. Indem Sie sich selber kennenlernen und akzeptieren, wird es Ihnen auch leichter fallen, andere und ihre Vorstellungen unbefangen(er) zu akzeptieren. Indem Sie so Klarheit über sich selber gewinnen, wird das Anderssein der anderen nicht zur ständigen irritierenden und belastenden Reibungsfläche für Sie. (Hartmut Volk, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.9.2011)

Lesetipps

René Borbonus: "Respekt! Wie Sie Ansehen bei Freund und Feind gewinnen". Econ-Verlag, Berlin 2011, 252 Seiten, € 18,50

Bärbel Wardetzki: "Mich kränkt so schnell keiner. Wie wir lernen, nicht alles persönlich zu nehmen." Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 7. Auflage 2011, 176 Seiten, € 8,20

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.