Warum Manager mit ihrem Latein am Ende und Management-Tools wie Balanced Score-Cards "Mist" seien, spricht Berater und Bestsellerautor Niels Pfläging
STANDARD: Die erste Frage geht nicht an den Berater, sondern den Bestsellerautor Pfläging. Braucht die Menschheit denn noch mehr Managementliteratur?
Pfläging: Nein, sie braucht eine Alternative dazu. Managementliteratur gibt es seit 100 Jahren, und davon haben wir genug. Was wir brauchen, ist Businessliteratur - da geht es um Dinge, die Unternehmen brauchen, und nicht um jene, die sie schon haben.
STANDARD: Haben Sie sich mit Ihrer These, dass Management verzichtbar sei, viele Feinde gemacht?
Pfläging: Nein, das finde ich nicht. Ich rege Menschen mit dieser These zum Denken an. Viele sind unschlüssig, was genau sie damit machen sollen, ob sie das überhaupt können oder schaffen können. Die Grundthese, dass es sich bei diesem unbedingt notwendigen Management um einen gloriosen Trugschluss handelt, ist schon einleuchtend, wenn man sich darauf einlassen möchte. Dennoch sickert diese Erkenntnis nur langsam durch.
STANDARD: Viele fühlen sich aber in diesem "Gebäude", das Sie "Technologie zur Leistungserzeugung" nennen, aber wohl ...
Pfläging: Sie fühlen sich auch deshalb wohl darin, weil ihnen noch nicht klar ist, dass es etwas anderes gibt, womit man sich wohler fühlen kann. Ich vergleiche das immer mit dem Bild Schreibmaschine und Computer - mit beiden können Sie schreiben und mit dem Computer noch viel mehr machen als das. Letzteres fällt für mich in den Rahmen, den ich den BetaCodex nenne.
STANDARD: Wie ist der gestaltet?
Pfläging: Also Beta steht im Gegensatz zu Alpha, wofür zum Beispiel die Großvorderen des Managements aus dem Industriezeitalter stehen. Bei Alpha etwa ist es wichtig zu planen. Für Beta ist das verzichtbar, sogar schädlich. Oder haben Sie schon mal einen Sportler erlebt, der einen Wettbewerb plant? Er trainiert dafür - es geht also bei Unternehmen um Fitness, um den Gewinn an Flexibilität, eine Steuerung von innen nach außen und nicht von oben nach unten. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass der Markt an der Macht ist und nicht das Management.
STANDARD: Was sehen Sie, wenn Sie einen Blick auf die Bildungslandschaft werfen?
Pfläging: Ich sehe, dass 90 Prozent dessen, was an Hochschulen in Sachen Betriebswirtschaftslehre läuft, Alpha forciert. Das ist Teil des Problems. Jungen Menschen wird was Falsches in den Kopf gesetzt.
STANDARD: Haben Sie studiert?
Pfläging: Ja, BWL. Das gab ein böses Erwachen. Und heute gehe ich an Unis und Fachhochschulen und sehe, es hat sich noch immer nicht sehr viel verändert ...
STANDARD: Was halten Sie von postgradualen Ausbildungen wie einem Master of Business Administration (MBA)?
Pfläging: Der derzeitige MBA, so wie er angeboten wird, gehört abgeschafft. Nicht nur ist er von der Methodik her veraltet, er ist analytisch überfrachtet und total praxisfremd. Da wird Menschen Spezialwissen vermittelt und ihnen eingeredet, sie könnten damit etwas verändern. Für mich sind MBAs fast ein Verbrechen gegen die Menschheit, da braucht es eine grundlegende Reform.
STANDARD: Und was ist mit dem vielzitierten lebenslangen Lernen?
Pfläging: Es wird wenig praktiziert. Und alles, was dazu angeboten wird, halte ich für eine Lüge, das ist maximal ein lebenslanger Seminarbesuch. Lernen ist etwas anderes.
STANDARD: Sie werden am 6. Oktober im Executive Club der Universität Wien das dritte Colloquium abhalten. Ihre Gegenüber werden Top-Manager sein. Was haben Sie sich vorgenommen?
Pfläging: Ich werde den Beweis antreten, warum Management Quatsch ist. Manager sind ja nicht das Problem, das Management-Denken ist es.
STANDARD: Rechnen Sie mit Widerstand?
Pfläging: Das ist immer unterschiedlich. Ich glaube aber, dass die Sehnsucht Management zu überwinden, sehr verbreitet ist, viele aber nicht wissen, welches Denken man dafür braucht. Dieses Bewusstsein ist heute noch etwas unterentwickelt.
STANDARD: Ist es nicht auch eine Frage des Alters, inwieweit man für Veränderung bereit ist?
Pfläging: Nein. Das Alter ist nicht das Problem. Es ist vielmehr eine Typenfrage. Es gibt einige, die sagen: "Meine Erfahrung lehrt mich, dass das, was Sie sagen, nicht gehen kann." Und dann gibt es andere, die sagen: "Das ist das, wonach ich in den letzten 20 Jahren gesucht habe und das ich mir nicht zusammenreimen konnte." Es kommt immer darauf an, wie man damit umgeht. Manche machen eben auch die Erfahrung, mit ihrem Managerlatein am Ende zu sein. Es ist spannend, eine Organisation ohne Management zu sein.
STANDARD: Für viele klingt das sicher bedrohlich. Auch für jene, die geführt werden wollen ...
Pfläging: Wir fragen die Menschen regelmäßig: "Wollt ihr andere Leute managen?" Und dann lautet die Antwort meist Ja. Wenn ich sie aber frage, "Wollen Sie gemanagt werden?", lautet die Antwort meist Nein. Weil Mitarbeiterbefragungen Mist sind, durchgeplant zu werden Mist ist, weil Zielvorgaben nur zu politischen Spielereien führen. Ich versuche einfach auch den Managern eine Last von den Schultern zu nehmen.
STANDARD: Klingt anarchisch ...
Pfläging: ... ist aber das Gegenteil. Eine Regel wird befolgt und erntet letzlich Bürokratie und Erstarrung. Organisationen sollten sich stattdessen starke Prinzipien verordnen, andere sagen Werte dazu. In jedem Fall etwas kulturförderndes, nicht kulturzerstörendes.
NIELS PFLÄGING ist Berater, Business-Speaker und Buchautor zum Thema
Unternehmensführung. Am 6. Oktober spricht er im Executive Club der
Universität Wien zum Thema "Radikal dezentralisierte Führung - Die
Verzichtbarkeit von Management".
Link
www.postgraduatecenter.at