US-Unis

Umworben und doch abgelehnt

23. September 2011, 16:37

Sich in den USA für einen Studienplatz zu bewerben kostet - Und ist oft reine Geldverschwendung

"Es war das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich mir vorstellen konnte" , erinnert sich Nicole Ederer, während sie auf ihrem Computer jene E-Mail vom 23. Dezember 2010 aufruft, die, wie sie damals glaubte, ihr Leben bestimmen würde. Das Schreiben stammte von der angesehenen Columbia University, der Wortlaut: "Bitte bewerben Sie sich für ein Studium an unserer Hochschule, ganz so, wie die großen Entscheidungsträger unserer Zeit es gemacht haben: Barack Obama, Allen Ginsberg, Margaret Mead."

Nicole fühlte sich geschmeichelt. Und zugleich fiel ihr ein Stein vom Herzen, hatte sie sich doch immer wieder anhören müssen, dass ihr eher mittelmäßiger Notendurchschnitt allenfalls für ein Studium an einem zweitklassigen College ausreichen würde. Nicht eine Sekunde dachte die 18-jährige New Yorkerin daran, die Seriosität der Columbia-Aufforderung anzuzweifeln.

Heuer ist sie schlauer. Nicole hat auf insgesamt zwölf Einladungsschreiben reagiert, nicht eines davon führte zu einem Studienplatz, ihre Euphorie ist in Ernüchterung umgeschlagen. "Die Hochschulen umwerben dich, sagen, dass sie dich haben wollen, und dann wirst du doch nicht akzeptiert" , seufzt sie.

Die Praxis ist gang und gäbe in der amerikanischen Bildungslandschaft: Jedes Jahr verschicken selbst die angesehensten Universitäten des Landes Unmengen an Wurfpost an potenzielle Studienanwärter. Problematisch daran ist: Obwohl diesen Schreiben keinerlei Vorauswahl vorangeht, klingen sie oft so persönlich, dass bei den Studienanwärtern falsche Hoffnungen geweckt werden. Außerdem belastet das Prozedere oft unnötig den Familien-Etat: Die US-Colleges verlangen bis zu 90 Dollar Bearbeitungsgebühr von jedem, der eine Bewerbung einreicht.

"Irreführend & unehrenhaft"

Jon Reider, der lange bei der Zulassungsstelle der Stanford University im kalifornischen Palo Alto gearbeitet hat und jetzt Studienanwärter bei ihrer Collegeauswahl berät, empfiehlt, an jede Zusendung sehr skeptisch heranzugehen. Vor allem die Marketingstrategien der Eliteuniversität Harvard, die mit einer Akzeptanzquote von gerademal 6,5 Prozent als die selektivste Hochschule in ganz USA gilt, sind ihm ein Dorn im Auge. "Harvard schreibt die überwältigende Mehrheit der amerikanischen High-School-Absolventen an, wohlwissend, dass die meisten keine Chance haben" , schimpft Reider, "das ist einfach nur irreführend und unehrenhaft" .

Vorwürfe dieser Art weist William Fitzsimmons weit von sich. "Wir informieren jeden, dass der Ausleseprozess bei uns sehr hart ist" , beteuert der Harvard-Dekan, während er in einem Atemzug aber auch jeden dazu ermutigt, es wenigstens zu probieren. Sein Argument: "Es gibt so viele Schüler da draußen, die nie von sich aus daran denken würden, sich bei uns zu bewerben, deshalb gehen wir aktiv auf sie zu." Fakt ist, dass die Selbstvermarktung funktioniert und eine Menge Geld in die Uni-Kassen spült. 2010 bewarben sich nie da gewesene 35.000 Kandidaten für ein Harvard-Studium. Die Elite-Uni berechnet 75 Dollar pro Begutachtung. Daraus ergibt sich ein Gesamterlös von 2,6 Millionen Dollar.

Kassen klingeln

Auch das gemeinnützige College Board verdient prächtig. Die Vereinigung ist für den in den USA verpflichteten Studierfähigkeitstest SAT zuständig. Mehr als zwei Millionen Maturanten legen den Test jedes Jahr ab. Das College Board speichert die Namen sowie E-Mail-Adressen aller Teilnehmer und verkauft die dann für 33 Cents pro Stück an interessierte Unis. "Jeder Profit, den wir damit machen, kommt dem Allgemeinwohl zugute" , sagt Kathleen Steinberg, Sprecherin des College Board., "Wir verwenden das Geld etwa, um die Testgebühren für Teenager aus den niedrigen Einkommensklassen zu senken." Auch die Privatsphäre der Minderjährigen ist in den USA kein Thema. Steinberg beruft sich auf den 1998 verabschiedeten Childrens' Online Privacy Protection Act. Das Gesetz besagt, dass für die Datenfreigabe eine Zustimmung der Eltern nur bis zum zwölften Lebensjahr des Kindes erforderlich ist. (Beatrice Uerlings aus New York, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.9.2011)

Michael B
11
25.9.2011, 18:15
Wow, da kann ja die ÖVP noch was lernen betreffs

Gebühren, für die man keine Gegenleistung erhält!

macekk
00
26.9.2011, 21:11

hahahaha :-)

Aristokrates
37
24.9.2011, 13:50

Wow, ein Artikel über die Naivität einer Schülerin. Sehr erhellend.

O5
37
24.9.2011, 00:58

Ein eigener Artikel darüber dass manche Maturanten nicht kapieren was Marketing ist. Duh.

Round'n'round it goes
43
24.9.2011, 16:43

Das hast du da also herausgelesen?
Für mich geht es in dem Artikel darum, dass es eine Frechheit ist 90 USD zu für eine "Bearbeitung" zu verlangen, die nur daraus besteht einen Blick darauf zu werfen und den Stapel Papier nach 2 Sekunden auf den "rejected"-Stapel zu verfrachten. Sowas kostet nicht 90 USD. Jede Uni hat ganz genaue Regeln welche Standards ein Bewerber erfüllen muss damit man sich seine Bewerbung überhaupt durchliest (diese Regeln werden teils kommuniziert, teils sind sie intern). Die meisten Bewerbungen werden schon von der Person, die die Post sortiert, aussortiert und bekommen gar nie einen admissions officer zu Gesicht.

mitch2
01
27.9.2011, 00:19

und ich lese: eine/r liest sinnerfassend, die/der andere produziert eine art nacherzählung

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