Open Graph-Apps sollen das Netzwerk aber auch die Werbung persönlicher gestalten
Es ist wohl eine der größten Neuerungen von Facebook seit dem Start des sozialen Netzwerks. Auf der Entwicklerkonferenz f8 hat das Unternehmen Änderungen angekündigt, die die Nutzung der Plattform zu einer vollkommen neuen Erfahrung machen sollen. Facebook will nun automatisiert die Biografien der Nutzer schreiben, indem sie über neue Apps teilen, welche Musik sie hören, welche Artikel sie lesen, welche Filme sie sehen oder wie lange sie Joggen waren. "So erzählt man die ganze Geschichte seines Lebens auf einer einzigen Seite", erklärte Facebook-Chef Mark Zuckerberg auf der f8.
Wie ein langes Gespräch in einer Bar
Facebook neu soll die User - so die Vision von Zuckerberg - enger aneinander und freilich auch enger an die Plattform binden. Das aktuelle Profil eines Facebook-Users anzusehen, sei wie ein Fünf-Minuten-Gespräch mit einem Fremden, in dem man die wichtigsten Dinge wie Wohnort, Beruf und Familienstand erfährt, meint Facebooks Vice President of Product, Chris Cox, gegenüber Wired. Mehr stecke jedoch nicht dahinter. Die neuen User-Profile wären hingegen eher mit einer stundenlangen Unterhaltung in einer Bar zu vergleichen - man soll mehr über seine Freunde erfahren als je zuvor.
Lebens-Chronik
Statt der bisherigen Pinnwand werden User-Profile in Zukunft in einer Timeline (in deutscher Version Chronik genannt) organisiert. Dabei werden Aktivitäten automatisch chronologisch sortiert - das Layout soll einem Magazin ähneln. CEO Zuckerberg ist davon überzeugt, dass man so nicht nur die Vorlieben und Unternehmungen seiner Freunde besser kennenlernen kann, sondern auch mehr Zeit mit dem eigenen Profil verbringen wird, um sich an vergangenen Ereignisse zu erinnern. User können die Beta-Version auch schon jetzt aktivieren - eine Anleitung findet man hier.
Relevantere Informationen
Der Newsfeed soll dabei für die User relevantere Informationen zeigen. Durch die Überarbeitung der Freundeslisten nach dem Vorbild der Kreise von Google+ soll es einfacher sein, bestimmte Aktivitäten nur gezielt einer Gruppe - etwa den engsten Freunden oder Arbeitskollegen - mitzuteilen. Unwichtigere Dinge - etwa xyz ist nun mit abc befreundet - werden im neuen Ticker am Seitenrand dargestellt.
The Open Graph
Die User Experience von Facebook wirklich erneuern soll das Konzept des " Open Graph". Damit bietet das Unternehmen Entwicklern und Unternehmen die Möglichkeit ihre Dienste und Services über eine neue Art von Apps wesentlich tiefer in die Plattform zu integrieren. Gleichzeitig sollen die Apps für User weniger lästig werden als die aktuellen Facebook-Anwendungen. Bisher war das primäre Ziel der Apps die Nutzer dazu zu bringen, sich anzumelden. Die Mini-Programme laufen jedoch in separaten Fenstern und posten bestimmte Informationen an die Pinnwand der angemeldeten Nutzer. Dabei wuchsen sich so manche Apps zu wahren Spam-Schleudern aus.
Neue Generation von Apps
Zu den ersten, neuen Apps zählen Musik- und Film-Dienste sowie News. Mit an Bord sind Unternehmen wie Spotify, Rhapsody, MOG, Radio, Netflix und die Washington Post. Bei Nutzung der Apps stimmen User zu, dass in ihrer Timeline veröffentlicht wird, welche Songs sie hören, welche Filme sie sehen und welche Artikel sie lesen. Andere User können die Inhalte anklicken und ebenfalls anhören oder ansehen. Bei der neuen Generation von Facebook-Apps soll der "Graph Rank" erkennen, was für die User interessant und was unwichtig sein könnte. Lesen beispielsweise mehrere Freunde denselben Artikel, wird er im Newsfeed prominenter dargestellt.
Werbung
Zu wissen, welche Songs die Freunde gerade hören, soll nicht nur für die User eine intensivere Erfahrung bedeuten. Auch Werbetreibende werden davon profitieren, da sie so ein noch differenzierteres Bild der Nutzer erhalten und Anzeigen stärker personalisieren können. Denn darüber sollten sich Nutzer keine Illusionen machen: das Milliarden-Unternehmen Facebook wird über Werbung finanziert. Zuckerberg mag die Vision haben, die Internet-Bewohner enger zusammenrücken zu lassen, doch nicht dabei aus den Augen zu verlieren, wie man daraus Profit schlagen kann.
Lizenzrechtliches
Vor allem bei Inhalten wie Musik und Filmen könnte es jedoch für eine weltumspannende Plattform wie Facebook ein ernsthaftes Problem geben. Denn nicht alle Dienste werden in allen Ländern angeboten. Grund dafür sind unterschiedliche Lizenzierungen durch die Rechteverwerter. So ist der Musik-Dienst Spotify derzeit nur in den USA, Großbritannien, Finnland, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Spanien und Schweden verfügbar. Aber auch an anderen Gesetzen könnten Facebooks Ambitionen scheitern. Der Film-Dienst Netflix kann nur in den USA, Kanada und Lateinamerika genutzt werden. Paradoxer Weise ist die Netflix-App in den USA jedoch verboten, da dort aufgrund des Privacy Protection Acts von 1998 nicht veröffentlicht werden darf, welche Filmtitel eine Person in einer Videothek ausleiht. Darunter fällt auch Netflix. Facebook hofft jedoch, dass das bald geändert wird, da sich die Nutzungsgewohnheiten seit Ende der 90er stark verändert haben und viele User mittlerweile aktiv mitteilen wollen, welche Filme sie gesehen haben.
Datenschutz
Wie bei allen Änderungen, die das soziale Netzwerk betreffen, gibt es auch im Vorfeld der aktuellen Neuerungen Datenschutzbedenken. So werden die Open Graph-Apps von Haus aus die Einstellungen aufweisen, dass alle Inhalte mit allen Freunden geteilt werden. Doch ist es nachvollziehbar, dass Facebook-Nutzer genau das nicht wollen, dass alle Songs und Filme in ihrer Timeline auftauchen. Facebook betont zwar, dass man sehr präzise einstellen kann, welche Inhalte man mit welchem Freundeskreis teilen will, doch gilt es auch als Tatsache, dass derartige Standard-Einstellungen oft beibehalten werden. Wer das nicht will, wird sich eingehender mit den Privatsphäre-Einstellungen beschäftigen müssen und das kostet Zeit. Etwas, das Facebook eigentlich nicht in Anspruch nehmen will, denn die User sollen nicht Stunden in den Einstellungen, sondern auf ihren Profilen und denen ihrer Freunde zubringen. (br)