Neue Medikamente mit weniger Nebenwirkungen und Kontraindikationen - Innovative Stimulationstherapien in Entwicklung
Hamburg - „Die heute verfügbaren Therapien gegen Migräne und Cluster-Kopfschmerz bieten vielen Patienten keine Hilfe", sagte Jean Schoenen, Facharzt für Neurologie an der Liege Universität in Belgien gestern auf dem Europäischen Schmerz-Kongress EFIC 2011 in Hamburg vor mehr als 4.000 Experten aus 75 Ländern. „Medikamente zur Prävention von Migräne-Attacken wirken bei nur 50 Prozent der Betroffenen, jene gegen akute Anfälle bei 70 Prozent. Beide sind mit vielen Nebenwirkungen und Kontraindikationen verbunden. Wir freuen uns daher über zwei neue Substanzklassen gegen akute Migräne-Attacken mit weniger Nebenwirkungen und Kontraindikationen. Sie stehen kurz davor, die Zulassungsbedingungen zu erfüllen und könnten bereits in zwei Jahren auf dem Markt sein."
Migräne, charakterisiert durch wiederkehrende Attacken heftiger Kopfschmerzen und Übelkeit, ist die häufigste neurologische Erkrankung. Jeder fünfte bis siebente Europäer erlebt mindestens einmal im Leben eine Migräne-Attacke. Chronische Migräne, definiert durch mehr als 15 Tage Kopfschmerz und zumindest acht typische Anfälle pro Monat, belastet drei bis fünf Prozent der Bevölkerung und führt zu massiver Behinderung. Cluster-Kopfschmerz wiederum betrifft weniger Menschen (0,1 Prozent der Bevölkerung), ist aber ungleich heftiger. Auch „Selbstmord-Kopfschmerz" genannt, ist er der schlimmste bekannte Typ von Kopfschmerz.
Behandlung akuter Migräneattacken
Der Forschung sind jetzt zwei größere Durchbrüche gegen akute Migräne-Attacken gelungen. Eine neue Klasse von Medikamenten, die antagonistisch auf den CGRP-Rezeptor wirken und im Fachjargon "gepants" genannt werden, ist in der Lage, die Aktivität des trigeminovaskulären Systems hinunterzumodulieren, das als wesentlichster Innervationspfad des Gehirns für Migräne-Kopfschmerz verantwortlich ist. „Diese Substanzen sind ähnlich wirksam wie Triptane, die auf einen Untertyp des Serotonin-Rezeptors wirken und gegenwärtig der wichtigste Ansatz der Behandlung von Migräne und Cluster-Kopfschmerz darstellen, bewirken aber anders als diese keine Verengung der Blutgefäße im ganzen Körper und haben auch sonst praktisch keine Nebenwirkungen, so Schoenen. Die Substanz eignet sich auch für Migränepatienten mit Gefäßproblemen, für die Triptane nicht in Frage kommen.
Eine weitere neue Substanz, Lasmiditan, wirkt als Agonist auf einen Untertyp des Serotonin-Rezeptors und verengt die Gefäße ebenfalls nicht. Wie bei den "gepants" sind bei ähnlicher Wirkung ebenfalls weniger Kontraindikationen zu beobachten.
„Bei beiden Substanzen werden derzeit noch mögliche unerwünschte Wirkungen geprüft. Wir glauben aber, dass sie in zwei bis drei Jahren erhältlich sein und neue Optionen für jene Patienten bringen werden, für die Triptane kontraindiziert sind, die diese nicht vertragen oder darauf nicht ansprechen", betonte Schoenen.
Botox und Neuromodulation
Wie neue Forschungsergebnisse zeigen, könnte für bestimmte Subgruppen von Patienten auch Onabotulinumtoxin A (Botox) eine Hilfe darstellen. Die Substanz wird als Injektion in geeignete Muskelpartien des Kopfes verabreicht. Welche Patienten konkret davon profitieren muss jedoch noch in weiteren Studien untersucht werden, um den pharmako-ökonomischen Wert dieser Behandlungsoption zu erhöhen."
Da alle Nervenaktivitäten, die zu Kopfschmerz führen, elektromagnetischer Natur sind, können geeignete elektrische oder elektromagnetische Impulse die schmerz-erzeugenden oder -kontrollierenden Prozesse normalisieren ("modulieren") - ein Effekt, der auf dem Europäischen Schmerz-Kongress in Hamburg intensiv diskutiert wurde. „Es sind mindestens vier Methoden in Entwicklung, die großes Potential zur Therapie von Migräne- und Cluster-Kopfschmerz haben könnten", erklärte der belgische Schmerzexperte.
„Die Okzipitalnerv-Stimulation (ONS) hat bereits einige klinische Bedeutung gewonnen. Sie kann in 35 bis 40 Prozent der Fälle chronischer Migräne Attacken vorbeugen und wirkt bei mehr als 60 Prozent der Cluster-Kopfschmerz-Patienten. Alle anderen Methoden sollten als noch in Entwicklung betrachtet werden. Allerdings könnte der Ansatz der nicht- oder minimal-invasiven Neuromodulation den künftigen Königsweg im Kampf gegen unterschiedliche Typen von Kopfschmerz darstellen - ein Weg ohne Belastungen und Nebenwirkungen", so Schoenen abschließend.