Präsident verlässt überraschend Saudi-Arabien und kehrt fast vier Monaten Spitalsaufenthalt zurück
Sanaa/Kairo - Nur wenige Kilometer voneinander entfernt haben Saleh-Anhänger und Saleh-Gegner ihre großen Freitagskundgebungen abgehalten. Hunderttausende waren in Sanaa auf der Straße. Es herrschte gespannte Ruhe. Der umstrittene Präsident, der seit 33 Jahren im Amt ist, ist entgegen ersten Spekulationen nicht beim Freitagsgebet seiner Loyalisten aufgetreten. Einer seiner Sprecher trat auch Gerüchten entgegen, Saleh sei gekommen, um seinen Rücktritt bekannt zu geben. Über eine Mitteilung des Verteidigungsministeriums rief er lediglich zu einem Waffenstillstand auf und erklärte, es gebe keinen anderen Weg als Verhandlungen, um das Blutvergießen zu stoppen und eine Lösung zu finden.
Freudensalven hatten sich mit Gefechtslärm gemischt, als am frühen Freitagmorgen das staatliche Fernsehen die Rückkehr von Ali Abdallah Saleh nach Sanaa vermeldete. Nach einem Raketenangriff auf seinen Palast, bei dem elf Menschen starben, hatte er fast vier Monate in der saudiarabischen Haupstadt Riad, die meiste Zeit davon im Spital, zugebracht. Zwei Mal hatte er sich in dieser Zeit über das Fernsehen gemeldet. Einmal hatte er der Opposition eine Machtteilung angeboten und das zweite Mal am 17. August angekündigt, er werde bald in seine Heimat zurückkehren. Dennoch waren die meisten Beobachter davon ausgegangen, dass er in Saudi-Arabien bleiben wird.
Erst vor wenigen Tagen hatte Saleh König Abdullah persönlich getroffen. Über den Inhalt der Gespräche wurde nichts bekannt. Saudi-Arabien ist der wichtigste Geldgeber des ärmsten arabischen Landes und übt in Sanaa großen Einfluss auf alle Gruppierungen aus. Ohne die saudische Zustimmung hätte der 69-jährige nicht in seine Heimat zurückkehren können. Ein Vermittlungsversuch der Golfstaaten war erst diese Woche wieder gescheitert.
Salehs Auftauchen kommt zu einem Zeitpunkt, da sich der Jemen an einer "gefährlichen und sehr heiklen Kreuzung" befinde, wie sich die UN-Kommissärin für Menschenrechte Navi Pillay ausdrückte. Seit Sonntag dreht sich die Spirale der Gewalt so heftig wie kaum je in den acht Monaten seit dem Aufflackern der jemenitischen Demokratiebewegung, die einen Rücktritt des Präsidenten und einen Machtverzicht seines ganzen Clans verlangt. Mehr als hundert Menschen starben in diesen Tagen, über Tausend wurden in Sanaa und mehreren anderen Städten des Landes verwundet.
Zweigeteilte Stadt
Das öffentliche Leben in der Hauptstadt ist völlig zum Erliegen gekommen. Schulen, Banken und Geschäfte bleiben geschlossen. Wer nicht unbedingt muss, geht nicht auf die Straße und sucht zu Hause Schutz vor den Schießereien zwischen rivalisierenden Armeeteilen und zerstrittenen Stämmen und den Scharfschützen der Regierung. Die Stadt ist praktisch zweigeteilt, zwischen dem nördlichen Teil der wichtigsten Durchgangsstraße, wo die Revolutionsjugend ihr Camp auf dem Platz vor der Universität hat, und dem Süden, der von den regimetreuen Republikanischen Garden kontrolliert wird. (Astrid Frefel/DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2011)