Wiener Börse kurbelt "Hedging" an

29. Mai 2003, 20:08
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Für die geförderte Zukunftsvorsorge will die Börse Plattform für die Aktienleihe werden - So könnten "Leerverkäufe", eine Strategie großer Hedgefonds, auch in Wien Einzug halten

Wien - Der Produktverkauf der staatlich geförderten Zukunftsvorsorge boomt. Es locken die Prämie von 9,5 Prozent bis maximal 1851 Euro Einzahlung pro Jahr, die Kapitalgarantie, die vor Verlusten schützt, und die steuerfreie Auszahlung für die Rente. 140.000 bis 180.000 Verträge dieser privaten Pensionsvorsorge könnten heuer unterschrieben werden - bis jetzt sind es rund 30.000. Mittelfristig rechnen Versicherer und Fondsgesellschaften mit einem Produkterfolg wie beim Bausparen, also rund fünf Mio. Verträge.

Reichlich Kundengelder

Nichts bringt der heimischen Finanzbranche einen solchen Geldsegen wie dieses Produkt, in das die aktuelle Pensionsdebatte reichlich Kundengelder treibt. Da 40 Prozent des Anlagevolumens an der Wiener Börse platziert werden müssen, reibt sich auch diese die Hände und erwartet heuer 100 bis 200 Mio. Euro mehr Anlagevolumen (bei einer derzeitgen Kapitalisierung von rund 32 Mrd. Euro).

Das Lockmittel für die Kundengelder, die vorgeschriebene Kapitalgarantie, macht den Anbietern aber offenbar noch Probleme. Sie tragen ja das Risiko. Verfällt die Wiener Börse in zehn Jahren um 40 Prozent müssen die Kunden trotzdem 100 Prozent des eingesetzten Kapitals zurückbekommen.

Unterschiedliche Absicherungsstrategien

Dafür müssen die Finanzingenieure die Portfolios absichern, "hedgen". Das funktioniert entweder über Derivate (Optionen, Futures - an der Termin- und Optionenbörse ÖTOB) - oder über Kauf- und Verkaufsstrategien in den Aktien selbst oder indem die Produktgeber einen externen Versicherer beauftragen. Letztere Variante ist sehr teuer - das kostet auf Anlegerseite Spesen und wird daher kaum genützt werden. Derivative Absicherung ist in Wien schwierig, weil die ÖTOB ein sehr illiquider Markt ist. Die Möglichkeit von ständigem Kaufen und Verkaufen von Aktien verursacht zwar in Summe hohe Transaktionskosten, wird aber nach Ansicht von Stefan Pichler, Finanzmathematiker an der TU-Wien, ein häufig gewählter Weg des Hedging werden.

Ungewöhnliche Ideen

Die Wiener Börse will dem mit ungewöhnlichen Ideen nachhelfen: Sie will sich als Plattform für die so genannte Aktienleihe anbieten. Damit könnte in Wien die Strategie großer Hedgefonds mit ihren "Leerverkäufen" Einzug halten: Im Glauben, dass eine Aktie fallen wird, borgt sich ein Fondsmanager dafür Aktien (etwa zum Kurs von 60 Euro) bei einer Leihstelle gegen eine geringe Gebühr aus und verkauft sie. Ist diese Aktie dann (beispielsweise auf 50 Euro) gefallen, verkauft er sie und gibt sie der Leihstelle zurück. Die Differenz (in diesem Fall zehn Euro) sind sein Gewinn. Die Leihstelle verdient an den Gebühren. Für die Zukunftsvorsorge brauchen die Anbieter solche Strategien, damit sie bei sinkender Börse ihre vorgeschriebene Aktienquote von 40 Prozent halten, sonst sinkt die Quote parallel zum Kursverlust.

Bisher machen Händler und Fondsmanager ihre Leihgeschäfte meist hausintern. Da der Bedarf aber gewaltig steigen dürfte, will die Wiener Börse eine Plattform etablieren, die Leihstellen und Ausborger zusammenführt. Dafür wird sie auch etwas verlangen. Börsenvorstand Erich Obersteiner: "Um das Zukunftsvorsorgeprodukt wird eine ganz neue Finanzindustrie wachsen - je besser sie ist, desto größer werden die Renditen für die Anleger sein." (Karin Bauer, DER STANDARD Print-Ausgabe, 30.5.2003)

  • Nichts bringt der heimischen Finanzbranche einen solchen Geldsegen wie die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge.
    montage: derstandard.at

    Nichts bringt der heimischen Finanzbranche einen solchen Geldsegen wie die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge.

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