Das Delta in der Singerstraße

8. August 2003, 21:41
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Die 75. Unglaubwürdige Reise

In gewisser Weise war für ihn Geographie wichtiger als Geschichte", schreibt Joseph Brodsky über Peter den Großen. Zum dreihundertsten Geburtstag wird dessen Stadt auch in den inneren und äußeren Stadtbezirken Wiens und in allen Medien gefeiert, manchmal auch anbiedernd.

Brodsky, 1940 in Leningrad/Petersburg geboren, löste den Doppelnamen auf seine Art auf: "So existiert die Stadt also in zweierlei Namen, als eine ,geborene' und eine ,alias'. Und ihre Einwohner ziehen es vor, sich weder des einen noch des anderen Namens zu bedienen. Im gewöhnlichen Gespräch sagen sie eher ,Piter'. Menschen sind geneigt, den von ihnen bewohnten Orten einen Spitznamen zu geben."

Die augenblickliche Art, betont "St. Petersburg" zu gebrauchen, erinnert an die von manchen Hinterbliebenen, von Toten zu sprechen wie von Großbürgern, die sie schon kannten, als sie noch betteln gingen.

Und deshalb beginnen einem selbst bei einer solchen Stadt diese Art von Geburtstagswünschen zu nahe zu rücken. Während dieser unausgesetzten Geburtstagsparty geriet ich kurz wieder in eine Gegend, die vor längerem rettend war und die doch wenig Unheil aufhalten konnte. Den Vergleich mit Petersburg hält sie nicht aus, aber ganz leicht streift sie daran: die Singerstraße in Wien.

Wir hatten 1938 Mietrecht und Wohnung in der Gumpendorfer Straße verloren und wurden vom Wohnungsamt in die Singerstraße 4 eingewiesen, zu einem älteren jüdischen Ehepaar im vierten Stockwerk. Das Glück, aus einer Gegend wegzukommen, die für uns damals weder das Apollokino noch der nahe Naschmarkt erträglich machte, ließ uns jede Bedrohung vergessen.

"Hier ist es ödig", hatte meine Schwester im Blick vom zu kleinen Balkon zur Rahlgasse hinüber gesagt. Unsere Mutter hatte ihre Stellung als Schulärztin und das Recht zu praktizieren verloren, aber Patienten mit Herzbeschwerden oder Beinbrüchen hatten sich ohnehin nicht in diese Praxis im letzten Stock verirrt.

Erwünschter Ort

Lift gab es keinen. In der Singerstraße aber blieb kein Wartezimmer leer, und wir waren endlich gelandet, wo wir uns hingewünscht hatten. Das älteste Haus der Straße etwa erlangte im Mittelalter keine Bedeutung, weil es zu keinem Stadttor hinführte. Später hatte Antonio Salieri im "Haus zum roten Apfel" die Singschule der Gesellschaft der Musikfreunde eröffnet. Aber all dies half dem kurzen Glück in der Singerstraße nicht. Der Hauptmieter starb im Schlaf, seine Frau wurde nach Flossenbürg deportiert, und wir wurden in die Marc-Aurel-Straße eingewiesen, dicht neben der Gestapo, die damals noch stand.

Aber der langen Trostlosigkeit - sie dauerte sechs Jahre - gab das kurze Glück in der Singerstraße den Glanz, den sie nötig hatte. Und auf dem Weg zum Zahnarzt erinnere ich mich an die Straßen von St. Petersburg, an das Delta nördlicher Flüsse. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.5.2003)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" findet am nächsten Freitag statt.
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