Iranischer Präsident: USA für Kriege und Finanzkrise verantwortlich - Einige Delegationen verlassen Saal - Cameron fordert härtete Gangart gegen Diktatoren
New York - Der iranische Präsident Mahmoud
Ahmadinejad hat bei seinem Auftritt vor der UNO-Generalversammlung
mit anti-israelischen und anti-amerikanischen Tiraden erneut für
einen Eklat gesorgt. Der islamistische Politiker zog wenige Tage nach
dem zehnten Jahrestag die Hintergründe der von Al-Kaida-Extremisten
begangenen Anschläge vom 11. September 2001 in Zweifel und nannte die
Anschlagserie mit fast 3.000 Toten "mysteriös". Die USA, die er als
"arrogante Macht" bezeichnete, überzögen all diejenigen mit
Sanktionen und Krieg, die den Holocaust leugneten und die Anschläge
des 11. September hinterfragten, sagte Ahmadinejad.
Aus Protest gegen die Rede verließen zunächst die amerikanische
und kurz darauf die österreichische und zahlreiche weitere westliche
Delegationen den Saal der Vollversammlung. Ahmadinejad hat wiederholt
zur Zerstörung Israels aufgerufen, das er nur als "zionistisches
Gebilde" bezeichnet. Diesmal warf er den USA vor, "den Zionismus als
heilige Ideologie" zu verherrlichen. Ansonsten stellte er minutenlang
Fragen, die die Geschichte der letzten Jahrhunderte aus seiner Sicht
umfassten: "Wer hat so viele Menschen aus Afrika verschleppt und den
Kontinent kolonisiert? ... Wer hat den Ersten und Zweiten Weltkrieg
ausgelöst, die Kriege in Korea und Vietnam und den Massenmord an den
Palästinensern? ... Welches Land gibt 1.000 Milliarden Dollar für
Rüstung aus, dominiert die Weltwirtschaft und ist für deren Krise
verantwortlich. ... Wer wirft Bomben, versorgt aber nicht die
Hungernden in Somalia? ... Kann die Blume der Demokratie aus den
Raketen und Gewehren der NATO blühen?"
Verantwortung für Kriege
Die USA sei für Kriege und die Finanzkrise verantwortlich, so
Ahmadinejad. Er forderte den Westen zu Entschädigungszahlungen wegen
der Sklaverei auf. "Sie unterstützen offiziell Rassismus", sagte
Ahmadinejad. "Sie schwächen Länder durch militärische Interventionen
und zerstören ihre Infrastruktur, um ihre Ressourcen zu plündern und
sie von sich abhängig zu machen." Die, die sich "freiheitliche
Demokratien nennen" bezeichnete er als "Wurzel des Bösen", als
"Sklavenmeister und Kolonialherren von damals".
Ahmadinejad habe die Chance gehabt, das Streben seiner Landsleute
nach "Freiheit und Würde" anzusprechen, sagte der Sprecher der
US-Delegation, Mark Kornblau. "Aber stattdessen hat er sich erneut
abstoßenden antisemitischen Verunglimpfungen und verachtenswerten
Verschwörungstheorien zugewendet." Aus französischen
Delegationskreisen hieß es, die Europäer hätten sich im Voraus auf
das Verlassen des Saales verständigt, sobald Ahmadinejad den
Holocaust erwähne.
Großbritanniens Premierminister David Cameron forderte indes in
seiner Rede vor der Vollversammlung eine härtere Gangart gegen
Diktatoren. "Wir mögen Friedensverträge unterschreiben. Aber wenn wir
tatenlos zusehen, wenn Menschen abgeschlachtet werden, was sind diese
Unterschriften dann wert", fragte Cameron. Die Vereinten Nationen
müssten Gelegenheiten wie die Befreiungsbewegung in den arabischen
Ländern nutzen. "Niemand sagt, dass das einfach ist. Aber es ist
unsere Aufgabe."
Der "Arabische Frühling" sei die größte Befreiungsbewegung seit
der in Osteuropa 1989. "Das ist eine Herausforderung für alle. ...
Für Palästinenser und Israelis, wieder zu verhandeln. Und für Iran
und Syrien, ihren Völkern endlich die Freiheit zu gewähren, auf die
sie ein Recht haben." Es sei aber auch eine Herausforderung für die
Vereinten Nationen, anders zu agieren und aktiver zu werden. "Dann
können wir Demokratie und weltweites Wachstum schaffen, wenn wir die
Gelegenheiten richtig nutzen." (APA/Reuters)