Tausende ließen ihre Tickets verfallen - Missbrauchsopfer enttäuscht von Papstrede im Deutschen Bundestag - Treffen mit jüdischer Gemeinde
Berlin - Papst Benedikt XVI. hat im Berliner
Olympiastadion mit 61.000 begeisterten Anhängern die Heilige Messe
gefeiert. Bei einer Fahrt mit dem offenen Papamobil durch das
Stadionrund jubelten ihm die Gläubigen am Donnerstag wie einem
Popstar zu. Von den Protesten tausender Demonstranten in der Stadt
bekam der Papst nichts mit.
Der Protest fiel im Zentrum der Hauptstadt aber deutlich geringer
aus als angekündigt. Die Polizei sprach von 9.000 Demonstranten. Die
Veranstalter nannten die Zahl 10.000. Die Papstkritiker hatten
allerdings doppelt so viele Menschen erwartet. Das Bündnis von knapp
70 Organisationen, initiiert vom Schwulen- und Lesbenverband, hatte
unter dem Motto "Keine Macht den Dogmen" zu dem Protest aufgerufen.
Keine Selbstreflexion
Missbrauchsopfer der katholischen Kirche haben unterdessen
enttäuscht auf die Rede des Papstes im Deutschen Bundestag reagiert
und Selbstreflexion vermisst. Der Papst habe über Macht und Recht
gesprochen, sei aber auf seine Rolle als Mächtiger nicht eingegangen,
kritisierte Matthias Katsch, Sprecher der Organisation "Eckiger
Tisch", in dem sich Missbrauchsopfer aus Jesuitenschulen
zusammengeschlossen haben.
Der Papst zitierte im Zuge seines Vortrags auch den
österreichischen positivistischen Rechtswissenschaftler Hans Kelsen
(1881-1973), den Vater der österreichischen Bundesverfassung von
1920.
Bei einer Begegnung mit Vertretern der jüdischen Gemeinde sagte
der Papst, die Christen müssten sich immer mehr ihrer inneren
Verwandtschaft mit dem Judentum klar werden. "Die Kirche empfindet
eine große Nähe zum jüdischen Volk". Zentralratspräsident Dieter
Graumann äußerte sich nach dem Treffen sehr zufrieden. "Ich glaube,
das ist ein Impuls für eine neue Nähe", sagte er in der ARD.
Tausende ließen Tickets verfallen
Bei den Muslimen in Deutschland ist die Rede von Papst Benedikt
XVI. im Deutschen Bundestag unterdessen auf ein positives Echo
gestoßen. "Ich denke, er wird viel Anklang auch bei den Muslimen
finden", sagte Aiman A. Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrates der
Muslime in Deutschland, nach der Rede in der ARD.
Nach aktualisierten Angaben des Erzbistums Berlin nahmen indes an
dem Gottesdienst im Olympiastadion 61.000 Menschen teil, nicht wie es
zuvor geheißen hatte 70.000. Es waren zwar 70.000 Karten ausgegeben
worden, aber rund 9.000 Menschen blieben am Donnerstag daheim. Als
Ehrengäste waren der deutsche Bundespräsident Christian Wulff,
Bundeskanzlerin Angela Merkel und zahlreiche Mitglieder des Kabinetts
gekommen.
Eindringlich rief der Papst die Katholiken auf, trotz
Negativschlagzeilen zu ihrer Kirche zu stehen. "Manche bleiben mit
ihrem Blick auf die Kirche an ihrer äußeren Gestalt hängen", beklagte
der Papst in seiner stark theologisch geprägten Ansprache, die
weltweit übertragen wurde. Auf drängende Fragen von deutschen
Gläubigen etwa nach den Missbrauchsfällen, dem Zölibat und dem Umgang
mit geschiedenen Christen ging er in seiner Predigt nicht ein. In der
deutschen Hauptstadt gehört nur noch jeder Zehnte der katholischen
Kirche an.
Lateinische Messe
Überraschend hielt der Papst einen Teil der Liturgie in
lateinischer Sprache. In Deutschland ist das heute nur noch in
konservativen Kreisen üblich. Der frühere Kardinal Joseph Ratzinger
bemüht sich aber seit langem um eine Wiederbelebung des
Kirchenlateins.
Tausende Helfer von Ministranten bis zum Bläserensemble im Einsatz
Beim ersten Besuch in der Hauptstadt seines Heimatlandes feierte
Benedikt XVI. einen Gottesdienst der Superlative. In dem Stadion, das
sonst vor allem vom Fußball-Erstligisten Hertha BSC genutzt wird,
lagen 80.000 Hostien bereit. 800 Priester und Helfer verteilten sie
an die Gläubigen auf den Tribünen. 1.500 Ministranten begleiteten die
Feier. Zwei Chöre mit 140 bzw. 620 Mitgliedern sorgten für glanzvolle
Kirchenmusik, unterstützt von einem Bläserensemble und einer modernen
Band.
Vor der Messe empfing Berlins Regierender Bürgermeister Klaus
Wowereit den Papst im Stadion. Benedikt XVI. trug sich ins Goldene
Buch der Stadt ein. Wowereit, der sich offen zu seinem Schwulsein
bekennt, hatte schon im Vorfeld deutlich gemacht, dass er das Thema
bei dem kurzen Treffen nicht ansprechen will.
Die Berliner Innenstadt glich einer Hochsicherheitszone. Im
Regierungsviertel wurden Abflussdeckel verschweißt, Absperrgitter
errichtet und weiträumige Parkverbote verhängt. Die Polizei forderte
Anrainer an den Strecken auf, Fenster zu schließen und Balkone zu
meiden.
Der Gottesdienst war der Abschluss des ersten Tages des
Deutschlandbesuchs des Papstes. Die Nacht wollte der Pontifex in der
Apostolischen Nuntiatur im Stadtteil Neukölln verbringen. Vor der
Abfahrt nach Erfurt am Freitag war in Berlin noch ein Treffen mit
Vertretern des Islam geplant.
Der in Bayern geborene Joseph Ratzinger besucht Deutschland zum
dritten Mal als Papst. Er ist seit 2005 Kirchenoberhaupt von 1,2
Milliarden Katholiken. Die Visiten beim Weltjugendtag 2005 in Köln
und in Bayern 2006 waren ausschließlich pastoraler Natur, also dem
Glauben gewidmet. Der jetzige Deutschland-Besuch kostet die
katholische Kirche 25 bis 30 Millionen Euro. Auch Bund, Ländern und
Kommunen - also dem Steuerzahler - entstehen Millionenkosten.
Die Erwartungen an den Besuch des Pontifex waren groß. Denn die
katholische Kirche, mit 24,6 Millionen Mitgliedern größte
Religionsgemeinschaft in Deutschland, steckt in einer tiefen Krise.
Der Missbrauchsskandal, verkrustete Strukturen, Priestermangel und
ein althergebrachtes Frauenbild: Mehr als 180.000 Katholiken traten
im Vorjahr aus der Kirche aus. (APA)