Walesa erinnert an Orwell

22. September 2011, 19:05
  • Artikelbild
    foto: apa/epa/warzawa

    Ruf nach Präsidenten-Veto: Lech Walesa.

Protest gegen Geheim-Passus im Informationsgesetz

Polens Expräsident Lech Walesa fühlt sich an die Zeiten des Kommunismus erinnert. In einem offenen Brief fordert er das amtierende Staatsoberhaupt Bronislaw Komorowski auf, sein Veto gegen das neue Informationsgesetz einzulegen. "Die Argumente zur Verteidigung des Gesetzes erinnern an das Orwell'sche ,Ministerium der Liebe', mit dem das Ministerium der Geheimpolizei gemeint ist", schreiben Walesa und fünf namhafte Freiheitskämpfer der 1980er-Jahre an den Präsidenten. Mit dem neuen Gesetz werde dem Bürger der Zugang zu öffentlichen Informationen gerade nicht erleichtert, sondern im Gegenteil verbaut. Auch rund 40 NGOs fordern ein Veto gegen das Gesetz.

Mit diesem Proteststurm hatte die regierende liberale Bürgerplattform (PO) nicht gerechnet. Der umstrittene Absatz des Gesetzes war bei der ersten Lesung im Sejm, dem Abgeordnetenhaus, gestrichen worden. Im Senat, der zweiten Kammer des Parlaments, schrieb dann ein PO-Senator genau diesen Passus als "Verbesserung" wieder in das Gesetz hinein. Bei der Wiedervorlage im Sejm winkten die Abgeordneten das Gesetz durch. Es war die letzte Sitzung vor den Neuwahlen am 9. Oktober, und die Abgeordneten hatten bereits andere Dinge im Kopf. Verabschiedet hatten sie dann rechtskräftig ein Gesetz, das die Auskunftspflicht staatlicher Behörden von deren Ermessen abhängig macht.

Sollte Komorowski das Gesetz unterschreiben, könnten sich künftig Politiker auf Gutachten als Entscheidungsgrundlage berufen, ohne diese der Öffentlichkeit zugänglich machen zu müssen. Angeblich sollen durch diesen Passus im Informationsgesetz strategische Wirtschaftsinteressen des Staates geschützt werden. Betroffen von dem "Geheim-Passus" wären demnächst alle europäischen und internationalen Projekte, auch politische Entscheidungen in EU-Fragen, soweit sie im weitesten Sinne die Wirtschaft Polen beträfen, die Privatisierung staatlicher Unternehmen und sämtliche Investitionen.

Umweltschützer sind überzeugt, dass das Gesetz mit dem geplanten Einstieg Polens in die Atomenergie zu tun hat. "Es dient dazu, vor der Bevölkerung die wahren Kosten für den Bau von Atomkraftwerken und den Preis des von ihnen produzierten Atomstroms zu verbergen", meint Dariusz Szwed von den "Grünen 2004".

Ein Veto des Präsidenten würde das ganze Gesetz blockieren. Es enthält allerdings auch eine EU-Direktive, die Polen ins eigene Rechtssystem übernehmen muss. Ein Veto ist daher unwahrscheinlich. Komorowski hält allerdings die Art und Weise, wie es verabschiedet wurde, für demokratisch fragwürdig. Möglich ist also, dass der Präsident das Gesetz unterschreibt und es danach an das Verfassungsgericht überweist. Dann wäre es allerdings erst einmal gültig. Bis zu einem Gerichtsentscheid können Jahre vergehen. (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2011)

Die Stimme
06
23.9.2011, 10:41

George Orwell ist schon längst Realität, aber es ist nicht so einfach und durchschaubar wie im Buch.

bleak_vision
00
23.9.2011, 17:34

Man muss sich nur die letzte Ahmedinejad Rede zu Gemüte führen.

Oder die totale Kontrolle in SA oder im Iran.

Ah nein - Sie meinen sicher Google, Vorratsdatenspeicherung und Co.

bhutan
06
23.9.2011, 06:15
Verarschen.

Ein Wahnsinn, wie sehr die Menschen hier verarscht werden. Wenn man sich überleget, dass dieses Gesetzt von einer LIBERALEN Bürgerplattform kommt, kann man nur die Hoffnung auf alles verlieren, was von Personen mit Macht passiert...

Filicijo
00
23.9.2011, 08:56
EU-Direktive

dieses Gesetzt ist eine EU-Direktive aus Bruxelles. Nicht mal Orwell könnte alles vorhersehen!

Anton Friesl
02
23.9.2011, 08:29
Durch demokratische Wahlen ändert sich nur die Rollenbesetzung. Der Regisseur im Hintergrund bleibt derselbe.,.

Es ist ja so leicht das dumme Volk an der Nase herumzuführen. Die demokratische Mehrheit interessiert sich ja nur für Sport, Prominente, Sex und Klatschgeschichten. TV und Zeitunglesen schädigen das Gehirn noch mehr als Rauchen die Gesundheit schädigt.

Mathias Steinlaus
 
01
23.9.2011, 11:32
TV und Zeitunglesen ...

... hängt aber stark davon ab, was für Programme und Artikel gelesen werden!

So pauschale Verurteilungen sind auch schädigend ...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.