Um Abtrünnige wieder zur Herde zurückzuführen, reicht dieser Auftritt im Bundestag längst nicht aus
Der Prophet gilt nicht viel im eigenen Lande, heißt es. Das ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man die Reise des Papstes in seine deutsche Heimat betrachtet. Der Papst kommt in ein Land, das aus seiner Sicht ziemlich aufmüpfig und unbequem ist.
Wohl deshalb war seine Rede im Bundestag mit Erwartungen völlig überfrachtet. Der erste Papst, der im Bundestag spricht - noch dazu als Deutscher, das musste eine Art Jahrhundertrede werden.
Wer hoffte, dass der Papst zu brisanten Themen wie Wirtschaftskrise oder den vielen Missbrauchsfällen in der Kirche Stellung könnte, wurde enttäuscht. Kein Wort dazu, stattdessen viel Philosophisches zum Rechtsstaat.
Die Botschaft, die er an die Politiker richtete - nämlich, dass sie Gemeinwohl vor Machtstreben stellen sollen - werden viele mit gewissem Wohlwollen aufgenommen haben. Und so mancher wird sich fragen, ob der Papst umgekehrt auch Ratschläge von Politikern annimmt, den vom deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff etwa, der die Situation von wiederverheirateten Geschiedenen ansprach.
Überraschend war das Lob der Ökobewegung, das selbst viele Grüne verblüffte. Das kommt in Deutschland sicher gut an. Doch um die vielen abtrünnigen Katholiken in seiner Heimat Deutschland wieder zur Herde zurückzuführen, reicht dieser Auftritt im Bundestag längst nicht aus, da muss noch viel mehr passieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2011)