"Verhungerndes Kind zu retten kostet 15-Faches von Vorsorge"

Interview
  • Robert Glasser weiß: keine Katastrophe - keine Berichte, kein Druck, kein Geld. So funktioniert das Wechselspiel aus Medien, Politik und Öffentlichkeit.
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    Robert Glasser weiß: keine Katastrophe - keine Berichte, kein Druck, kein Geld. So funktioniert das Wechselspiel aus Medien, Politik und Öffentlichkeit.

Care-Chef Robert Glasser über den entscheidenden Regen und Erfolgsprojekte, die kein Geld bringen

Wie günstig es wäre, ein Kind noch vor dem Hunger zu versorgen, rechnet Robert Glasser, Chef von Care International, vor - und zeigt auf, warum die Rechnung trotzdem nicht aufgeht

Standard: Die Welt zittert derzeit vor einer neuen globalen Wirtschaftskrise. Welche Auswirkungen hätte dieses Szenario für Entwicklungsländer?

Glasser: Gravierende. In stabilen Zeiten wird mehr investiert, was vielen Menschen wiederum hilft, sich selbst aus der ärgsten Armut zu befreien. Ohne Wachstum gehen diese Jobs verloren, und viele fallen zurück in die Armut. Alle Richtlinien und Maßnahmen, die etwa für die Rettung des Euro oder die Sicherung von Arbeitsplätzen in den USA getroffen werden, wirken sich unmittelbar auf die Entwicklungsländer aus.

Standard: Auch die Budgets für Entwicklungshilfe schrumpfen dann üblicherweise.

Glasser: Richtig. Es besteht das Risiko, dass reiche Länder sich in eine Krise nur noch nach innen orientieren, globale Prioritäten werden vernachlässigt. Wenn das passiert, geben Regierungen dem Druck nach, die externen Ausgaben zu kürzen - wie zuletzt in den Niederlanden oder in Österreich.

Standard: Gibt es Länder, die trotz wirtschaftlicher Probleme die Entwicklungszusammenarbeit nicht vernachlässigen?

Glasser: Ja, glücklicherweise. Australien erhöht sogar seine Hilfsgelder, Großbritannien hat beschlossen, die Fonds vor den Sparmaßnahmen zu schützen. Vor allem haben wir bei privaten Spenden keinen Rückgang bemerkt. Viele Menschen begreifen, dass die Situation in ihrem Land nicht optimal sein mag, was aber nichts ist im Vergleich zu den Erlebnissen der wirklich Armen.

Standard: Proportional gesehen: Kommen mehr Geld und Investitionen aus Schwellenländern als aus reicheren Regionen?

Glasser: Es ist spannend, dass einige aufstrebende Nationen wie Südkorea viel Entwicklungshilfe leisten. China leistet viel - kontroverse - Unterstützung, vor allem in Form von Direktinvestitionen in Afrika und Asien. Primär, um sich Ressourcen und Rohstoffe zu sichern.

Standard: Die moderne Form von Kolonialisierung?

Glasser: Wir hoffen, dass China nicht nur über seine wirtschaftlichen Möglichkeiten, sondern auch über seine globale Verantwortung und soziale Entwicklungen nachdenkt.

Standard: Wie ist die aktuelle Lage am Horn von Afrika?

Glasser: Ich habe vergangene Woche das Flüchtlingslager bei Dadaab in Kenia besucht, mit 400.000 Menschen das größte der Welt. Care verantwortet dort die Verteilung fast aller Lebensmittel und des Wassers. Das ist die umfangreichste Operation, die ich jemals erlebt habe. In Nordäthiopien entscheidet der Regen in den nächsten Wochen, ob es erstmals nach drei Jahren eine Ernte geben wird. Bleibt er aus, könnten zu den elf Millionen Hungernden noch ein paar Millionen dazukommen. Würde das äthiopische Sozialprogramm nicht so gut greifen, wären es viel mehr. Eigentlich ist es eine Erfolgsgeschichte, die nicht erzählt wird.

Standard: Erfolgsgeschichten gefährden den Spendenfluss. Ist das nicht pervers?

Glasser: Erfolge lukrieren kein Geld. Die Medien werden erst aufmerksam, wenn die Katastrophe schon passiert ist. Frauen und Kinder müssen erst sterben, damit sich der Druck auf Regierungen erhöht, Gelder freizugeben. Unsere größte Herausforderung besteht darin, die Hilfe früher zu leisten. Es ist ein Teufelskreis: Wenn du vor einer drohenden Krise warnst, wie am Horn von Afrika, gibt es kaum Berichterstattung und kein Geld. Selbst dann nicht, wenn du vorrechnest, dass in drei Monaten eine Million Menschen stirbt.

Standard: Vergleichbar mit einem Gesundheitssystem, das Prävention nicht fördert, sondern erst im Krankheitsfall greift.

Glasser: Exakt. Wir wissen, dass es 15-mal mehr kostet, ein verhungerndes Kind zu retten, als zuvor mit Nahrung zu versorgen. Aber das Zusammenspiel von Medien, Politik und Öffentlichkeit ist so strukturiert. Es ist so frustrierend.

Standard: Wo schwelt der nächste große Krisenherd?

Glasser: Die Frequenz von Naturkatastrophen nimmt rasant zu. Verschieben sich etwa die Monsune, bedroht das die Lebensmittelproduktion von Milliarden Menschen in Südostasien. Das ist ein gruseliges Szenario. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2011)

Robert Glasser (48), ist seit 2007 Generalsekretär von Care International, mit 15.000 Mitarbeitern eine der größten Hilfsorganisationen weltweit. Der Australier besuchte Wien anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums von Care Österreich.

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