Schmerz-Kongress

Chronische Schmerzen als Epidemie

23. September 2011, 08:52

Jeder fünfte Europäer betroffen - Experten fordern Anerkennung als eigenständiges Krankheitsbild

Hamburg - „Allein in den fünf großen EU-Ländern Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien litten im Jahr 2010 52,7 Millionen Menschen regelmäßig an Schmerzen, 46,4 Prozent davon täglich. Und dennoch sind viele Schmerzpatienten gar nicht, oder nicht ausreichend behandelt", betonte EFIC-Präsident Hans Georg Kress,  Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin mit Schmerzzentrum der medizinischen Universität in Wien gestern im Rahmen des VII. Europäischen Schmerz-Kongresses in Hamburg. „Die gesellschaftlichen Folgen dieser Krankheitslast und die Dringlichkeit des Handlungsbedarfs sind Gesundheitspolitikern noch immer nicht ausreichend bewusst. Der Dachverband europäischer Schmerzgesellschaften EFIC fordert daher nicht zuletzt die Anerkennung chronischer Schmerzen als eigenständiges Krankheitsbild." 

Chronischer Schmerz: Epidemische Ausmaße

Als chronisch werden Schmerzen bezeichnet, wenn sie länger als drei Monate regelmäßig auftreten, beziehungsweise über den Heilungsprozess verletzten Gewebes hinaus fortbestehen. Sie führen zu einer signifikanten Verschlechterung der Lebensqualität, zu Behinderungen und deutlichen Einschränkungen im Sozial- und Arbeitsleben. „Ihre Zunahme in den vergangenen Jahrzehnten speziell in den industrialisierten Ländern, hat inzwischen epidemische Ausmaße erreicht", warnt  Kress. Unter den 52,7 Millionen betroffenen Patienten der zitierten fünf EU-Länder litten 63 Prozent an Rücken-, 48 Prozent an Gelenk-, 29,6 Prozent an Nacken- und 21 Prozent an rheumatischen Schmerzen. Postoperative Schmerzen, das Fibromyalgie-Syndrom, Neuropathien und Tumorschmerzen treten ebenfalls häufig auf. Während bereits ein geschätztes Viertel aller Kinder und Jugendlichen unter Schmerzen leiden, sind unter den Über-70-Jährigen gut 79 Prozent aller Frauen und 53 Prozent aller Männer Schmerzpatienten.

Die gesellschaftlichen Kosten chronischer Schmerzen sind enorm: „Gemäß dem ‚Survey of chronic pain in Europe' haben 19 Prozent der Patienten mit moderaten oder starken chronischen Schmerzen ihre Arbeit verloren. 60 Prozent der Betroffenen haben ihren Arzt oder ihre Ärztin wegen ihrer Schmerzen in den letzten sechs Monaten zwei bis neun Mal konsultiert", rechnete Kress vor. 

Nicht nur Symptom

Studien zeigen, dass rund zwei Drittel der Gesamtkosten der Schmerzzustände aufgrund von Produktionsausfällen entstehen. In den Niederlanden wird der verursachte Verlust auf insgesamt 0,6 bis 0,9 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts geschätzt. „Besonders erschreckend ist, dass ein großer Teil dieses Leids und dieser Kosten unnötig ist und durch massive Unterbehandlung entsteht", so Kress. Die Fakten geben ihm recht: 70 Prozent derer, die unter starken Schmerzen leiden, haben eine gängige Standardtherapie noch nie verschrieben bekommen. 50 Prozent der chronischen Rückenschmerzpatienten leiden auch nach fünf Jahren Therapie noch an Schmerzen.  

„Die Ursache dafür liegt in einem veralteten Denken, das Schmerz noch immer ‘nur' als Symptom einer Grunderkrankung sieht", so EFIC-Präsident Kress. Für akuten Schmerz, der eine körperliche Warnfunktion hat, gilt diese Einschätzung, allerdings macht dieser nur fünf Prozent aller behandlungswürdigen Schmerzphänomene aus. "Mediziner müssen in der Therapie komplexer chronischer Schmerzsyndrome ausgebildet, Patienten darüber informiert werden, dass eine zufriedenstellende Behandlung heute fast immer möglich ist," ergänzt der Experte und fordert neben dem Umdenken der Medizin konkrete politische Reformen. (red)

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