"Mängelware" Turnusarzt

Günther Brandstetter
25. September 2011, 17:00
  • Werden die weißen Arztkittel in Österreich bald einsam am Haken hängen?
    foto: apa/peter steffen

    Werden die weißen Arztkittel in Österreich bald einsam am Haken hängen?

  • Für Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer ist der Turnus keineswegs mehr 
zeitgemäß
    foto: ernest pichlbauer

    Für Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer ist der Turnus keineswegs mehr zeitgemäß

Die medizinische Ausbildung in Österreich dauert im EU-Vergleich nicht zuletzt durch den Turnus relativ lange - Die Sinnhaftigkeit des heimischen Ausbildungssystems wird zunehmend in Frage gestellt

Das Medizinstudium in der Mindestzeit von sechs Jahren schaffen nur wenige. Jörg Eichinger (41), Internist, Kardiologe und Oberarzt der Sportmedizin am Salzburger Landeskrankenhaus benötigte für seinen Abschluss sieben Jahre. Danach folgten 36 Turnusmonate, macht also in Summe zehn Jahre bis er das "jus practicandi" - wie die Berechtigung zur selbständigen Berufsausübung als Allgemeinmediziner im Fachjargon genannt wird- erhielt. Danach verstrichen weitere fünf Jahre bis zum Facharzt. "Meine Turnuszeit war ganz gut" erzählt Jörg Eichinger. Das liegt allerdings rund zwölf Jahre zurück und scheint in der gegenwärtigen Diskussion nicht mehr als eine Reminiszenz an bessere Zeiten zu sein, denn "der medizinische Nachwuchs ist der Bürokratie ziemlich ausgesetzt", erklärt der Oberarzt aus Salzburg.

Prekäre Arbeitsbedingungen

Niedrige Löhne, ausgedehnte Arbeitszeiten, Nachtdienste und unterfordernde Tätigkeiten - das sind immer häufiger jene Ingredienzien, die für so manchen Studienabgänger der Medizin den Traumjob "Arzt" während der Turnusjahre zum Alptraum werden lassen. Den Grund dafür sieht der Gesundheitsökonom und Systemkritiker Ernest Pichlbauer (42) im finanziellen Druck, der in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten deutlich gestiegen ist. "Die Folge war, dass man die Turnusärzte immer mehr als billige Arbeitskräfte gesehen und auch so eingesetzt hat", ist Pichlbauer überzeugt.
Für ihn macht der Turnus nicht nur in seiner heutigen Form, sondern generell schon lange keinen Sinn mehr. "Denn diese Art der Ausbildung stammt aus den 1960er-Jahren und hätte spätestens in den 1980ern geändert werden müssen. Dass wir dieses System bis in das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts tragen konnten, ist schon eine beachtliche Dummheit der Politik", so die Kritik des Gesundheitsökonomen.

Forderung nach neuen Konzepten

Weniger drastisch sieht das Oberarzt Eichinger, der den Turnus nicht per se für schlecht hält. "Er muss aber mit einem sinnvollen Leistungs- und Lernzielkatalog ausgestattet sein, zu dem sich die einzelnen Abteilungen verpflichten und in dem auch Weisungen wie, dass das Pflegepersonal für die Blutabnahmen zuständig ist, enthalten sein sollten", ergänzt der Salzburger. Auch dem Vorschlag der Ärztekammer, zur Entlastung der Turnusärzte Dokumentations- und Administrations-Assistenten einzusetzen, kann Eichinger etwas abgewinnen. Immerhin schätzt er den Anteil von administrativen Tätigkeiten für Turnusärzte zwischen 70 bis 80 Prozent. "Von einem Acht-Stunden-Tag verbringt der ärztliche Nachwuchs etwa sechs Stunden vor dem Computer und ist mit dem Verfassen von Dokumentationen und Arztbriefen beschäftigt. Zudem wälzt das Pflegepersonal Tätigkeiten auf die Turnusärzte ab, da sich diese in der Hierarchie am untersten Ende befinden".

Notwendige Zusatzqualifikationen

Jungmediziner sind aber nicht mehr zwingend auf den Turnus angewiesen, denn das berufliche Spektrum erweitert sich und Verwaltung, "Public Health", Forschung, Pharma, Medizintechnik sowie Biotechnologie eröffnen neue - mitunter lukrative - Betätigungsfelder. Pichlbauer warnt allerding vor übereilter Euphorie, denn seiner Meinung nach "hat man mit einem österreichischen Medizinstudium außer im Krankenhaus nur einen geringen Marktwert, auch wenn die Praxisnähe durch das neue Curriculum verbessert wurde". Er empfiehlt deshalb parallel zum Fach Medizin ein Wirtschaftsstudium zu belegen oder sich zur Verbesserung der Wissenschaftskompetenz in Forschergruppen zu organisieren. "In Deutschland ist die Ausbildung deutlich wissenschaftlicher, wodurch etwa ein Fünftel der Absolventen bereits in Beratungs- und Forschungseinrichtungen tätig ist", erläutert der Gesundheitsökonom.

Wer sich dennoch für den Turnus in Österreich entscheidet, dem empfiehlt Eichinger, die Zeit in einem kleinen Krankenhaus zu absolvieren. "Denn dort werden angehende Mediziner mehr gefordert eigene Entscheidungen unter ärztlicher Aufsicht zu treffen".

Ärztemangel durch attraktive Angebote aus dem Ausland

In einem Punkt sind sich die beiden Experten einig: Sollte sich an der Ausbildungsstruktur nichts ändern, droht Österreich in naher Zukunft ein Ärztemangel. "Man merkt bereits jetzt, dass die Turnusbesetzungen immer schwieriger werden. Nicht zuletzt deshalb, weil Jobangebote aus Deutschland und der Schweiz, die mit besserer Ausbildung und Bezahlung österreichische Ärzte ködern, immer häufiger zu finden sind", so Jörg Eichinger. Ein ähnliches Szenario entwirft Systemkritiker Ernest Pichlbauer: "Mittlerweile erkennen auch die Turnusärzte die schlechten Perspektiven in Österreich. Deshalb werden immer mehr von ihnen ins Ausland gehen, um dort ihre Ausbildung zu machen und bald werden Turnusärzte Mangelware sein!" (Günther Brandstetter, derStandard.at, 26.9.2011)

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aus diesen gründen haben viele meiner bekannten / freunde österreich nach dem medstudium gen norden (deutschland, skandinavien) verlassen und sind zufrieden.

von mir aus Turnus abschaffen bzw. reformieren

aber dann auch endlich den Mag. med. für Absolventen des Medizinstudiums einführen, was die Ärztekammer seit Jahren verhindert. Man täte sich dann auch leichter, die Studienrichtung, die ja sehr einheitlich und im Ablauf vorgegeben ist, einer FH anzunähern. Ein Dr.-Titel (PhD) muss einfach eine wissenschaftliche Qualifikation bedeuten.

haben sie komplexe

oder nur sonst keine probleme?

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Der Dr.-Titel "Dr. med" ist NICHT das äquivalent zum englischen "PhD", es gibt daher auch extra PhD-Studiengänge für die Wissenschaft der Medizin, das an die durchführung eines Forschungsprojekts geknüpft ist. Sehen sie es mal von dem Standpunkt aus, es gibt einen Dipl.Ing und einen Mag. und im Prinzip sind auf gleicher Stufe, auch wenn die Titel unterschiedlich lauten. Das englische Äquivalent zum "Dr.med" ist der "MD" (medical doctor) und diesen Titel international Abzuschaffen wird niemand wollen. Doctor ist nunmal das umgangssprachliche Synonym von Arzt und die Sprache kann man nicht global kontrollieren!

begründen sie das genauer.

der dr. med. univ. unterscheidet sich weder in grundanfoderung noch qualifikation vom M.D.

Eine Tätgkeit als Turnusarzt ist wohl nur für denjenigen attraktiv, der schon zu Beginn seiner ärztlichen Tätigkeit genau weiß, daß er später Papis Hausarztpraxis übernehmen will. Das ius practicandi nämlich gibt es z.B. in D schon ab dem ersten Tag der Berufstätigkeit als Assistenzarzt in Weiterbildung zum Facharzt. Und so kann man dann, nach 5 Jahren als Facharzt zurück nach A wechseln, mit einem großen zeitlichen Vorsprung vor denen, welche zum Turnus daheimblieben. Warum A seine im Inland praktizierenden Jungärzte derart diskriminiert, bleibt ein Rätsel. In unserem grenznahen bayerischen Kreiskrankenhaus sind bereits gefühlt ein Drittel aller Assistenten Östereicher. Und erstaunlich gut ausgebildet sind sie, das muß der Neid lassen...

sind turnusärztInnen die zivis der medizin?
kommt mir ein bissl so vor.

wie gestern ein gefäßchirurg im radio sagte die standespolitik hätte bewirkt dass durch den umstand der pensionierung zahlreicher gefäßchirurgen die patienten nunmehr mit dem für sie neuen phänomen eines ärztemangels konfrontiert sein werden. oder will man interpretieren dass auch der gesundheitsmarkt dringend durch die öffentlichkeit kontrolliert sein muss

Wie geht es denn tatsächlich ?

Wenn man einmal ins Spital muss, landet man im Regelfall bei einme TA. Diese(r) hat in alleiniger Verantwortung zu entscheiden. Natürlich kann man im Zweifelsfall einen Assistenz- oder Oberarrzt fragen. Aber all zu oft, wirkt sich negativ aus.

4 Wochen nach Turnussantritt "darf" ein TA schon alleine seinen ersten 24-Stundendienst absolvieren. Und passiert etwas, steht der TA im "Regen". So stelle ich mit Ausbildung nicht vor.

Die Auslandangebote machen es für künftige Mediziner interessant. Deutschland ist da recht aktiv.

Ein Posting meinte, dass es keine Ausbildungsvariante, wie bei den Medizinern gibt, die auch noch bezahlt wird. Da wünsche ich viel Spass beim nächsten Sptitalsaufenthalt.

4 Wochen nach Turnussantritt "darf" ein TA schon alleine seinen ersten 24-Stundendienst absolvieren.

Im welchen Haus?
Durfte schon am 11 Tag mein theoretisches Können/Wissen unter Beweiss stellen :)

Auswandern ist gut, aber eher für diejenigen ohne Familie/Partner.

Aber keine Sorge, das neue Studiensystem hat schon Auswirkungen auf die Turnusärzte, die sind nämlich zurzeit Mangelwarre, Nachschub gibt es jetzt jedes Jahr frühestens ab August, danach kommen nur noch Restbestände (alter Studienplan/später abgeschlossene Diplomarbeit...), und danach gibt es bis nächsten August 0 Turnusärzte.

Viel Spaß mit den zunehmenden übermüdeten Turnusärzten gegen Ende des Monats :), ev auch früher wenn man für 6 Nachtdienste [=mind. 24h] nur 3 Wochen zur Verfügung hat, falls man auch noch Urlaub haben möchte :))

mfg

also bei uns und auch beim großteil meiner ehemaligen kollegen aus anderen häusern hat man den ersten nachtdienst schon nach 3-7 tagen, nicht nach 4 wochen ;)

Gar nichts ändert sich an der Aussage, ich wollt nur hinzufügen, dass uns nicht mal ne Woche bis zum ersten Nachtdienst bleibt u das fand ich damals schon ziemlich beängstigend...

Was ändert das an der Aussage?

Der TA wird hierzulande nicht als Arzt in Ausbildung sondern als treudoofer Systemerhalter gesehen, dessen Haupttätigkeiten im Anhängen von Infusionen (und sei es nur isotone Kochsalzlösung), Blutabnehmen und EKG-Schreiben bestehen.

Die -durchaus unterbezahlte und überstrapazierte- diplomierte Pflege hat ihrerseits viele Tätigkeiten (Blutabnahme, Basismedikation etc. hierzu gibt es umfassende Listen von ÄK/Pflegeorganen), welche sie durchaus beherrscht und durchführen darf, dank starker Lobby großteils an die Jungärzte abgewälzt, und teilt auch mal gerne lieber das Essen an Patienten aus (für diese Tätigkeit komplett überqualifiziert).
Als schwächste Systemopfer werden die TÄ daher mit Tätigkeiten verheizt für die sie nicht studierten.

Es gibt in Österreich aus standespolitischer Sicht 3 Arten von Menschen - 1. Praktische Ärzte, 2. Fachärzte und 3. Nicht-Ärzte!
TA gehört zu Gruppe 3!

jaja

theoretisch haben sie recht, praktisch haben sie keinen tau vom ärztlichen berufsrecht

vieles hier geschriebenes ist richtig, nicht alles kann unkommentiert stehenbleiben. die pflege mag unterbezahlt sein, der turnusarzt verdient aber pro stunde weniger als die meisten pflegekräfte. dafür, dass er die anordnungsverantwortung trägt, ist das nicht gerechtfertigt. erst als assistent steigt er im stundenlohn über therapeuten, mta´s, etc. dafür, dass er die um teils 3 stufen höhere ausbildung hat eine frechheit, zudem muss er ja die zeiten der ausbildung aufholen. gutbezahlte primarärzten mit alten(!) verträgen gibt es nicht viele. schlechte ausbildung für wenig geld ist kein ansporn für einen job, der hohe persönlich verantwortung mit sich bringt. nur das image eines kostenverursacher wird auch keinen gesundheitsberuf fördern.

Mängelware

wenn ich an die geburten meiner kinder zurück denke, und wie für einige turnusärzte das ausfüllen der formulare zu einem hindernisparcour und die blutabnahme zur zitterpartie wurde, war ich ehrlich gesagt froh, dass diese turnusärzt nicht in die geburten meiner kinder involviert waren. diese waren in der abwicklung ihrer tätigkeiten nicht besonders vertrauenserweckend.

wenn der Jungmediziner nur mit Bürokratie und Blutabnahmen beschäftigt ist, sollte man sich kaum wundern, wenn er bei ärztlichen Tätigkeiten versagt.

Vom angloamerikanischen Raum bis hin zu Serbien werden die Tätigkeitsprofile der österreichischen und dt. Jungärzte zuerecht belächelt.

seis drum

zumindest bei einem normalen Geburtsverlauf machen die eigentliche Arbeit mit der werdenden Mutter ohnehin die Hebammen. Die sind auch meist empathischer und näher dran als ihre universitär ausgebildeten KollegInnen.
Der Arzt füllt dann nur noch den Geburtspapierkram aus.

"Mängelware" Artikel im Standard

Dafür haben wir 3 Milliarden für Doppelgleisigkeiten zur Verfügung,

zur Selbstdarstellung der LandeskaiserInnen.

aus ( fast ) eigener erfahrung ...

als meine frau ihren turnus gemacht hat, ist es nicht um ausbildung gegangen, und soweit ich weiss, sollte der turnus ja genau das sein. das gilt zwar nicht für den kompletten turnus, aber meistens war es systemerhaltung ( sie artikel ).

es stimmt zwar das kleinere krankenhäuser oft besser sind, aber man/frau kann es sich ja nicht aussuchen. man nimmt was kommt, aus den 36 monaten werden ja oft auch mehr, 40-42, weil manchmal eine der kleineren ausbildungsfächer ( haut, augen etc ) gerade keine freien plätze hat.

lieber standard,

gemeint ist vermutlich "mangelware".

"mängelware" würde bedeuten, dass die turnusärztInnen mangelhaft sind.

den wortwitz wohl nicht kapiert...

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