Abfiltern aus dem Blutplasma verbessert neurologische Probleme
London/Greifswald - Zumindest eine der schwersten Komplikationen einer EHEC-Infektion könnte gut behandelbar werden: Neurologische Symptome vom Delirium bis zu lebensbedrohlichen anhaltenden epileptischen Anfällen. Deutsche Intensivmediziner haben - aus Not heraus - während der EHEC-Krise bei betroffenen Patienten Immunglobulin G-Antikörper (IgG) abgefiltert, worauf sich die Symptome deutlich besserten, berichten die Wissenschafter in der neuesten Ausgabe der britischen Medizin-Fachzeitschrift "The Lancet".
"Der Ausbruch von Shiga-Toxin bildenden enterohämorrhagischen Escherichia coli in Norddeutschland (...) wurde vom hämolytisch urämischen Syndroms bei mehr als 800 Patienten begleitet. 30 Prozent davon entwickelten auch neurologische Komplikationen vom Delirium bis zu einem Status epilepticus", schreiben Andreas Greinacher und die Co-Autoren. Bei den Patienten mit den schwersten Komplikationen hätte man bald vermutet, dass eine überschießende Antikörperreaktion an den Problemen beteiligt wäre. Die Mortalität bei EHEC/HUS-Patienten in Deutschland lag am Beginn der Erkrankungswelle bei 20 bis 30 Prozent.
Raus mit den IgG-Antikörpern
Da war buchstäblich "Feuer am Dach" und es wurde die Idee geboren, die schädlichen IgG-Antikörper aus dem Blut der Patienten herauszufiltern. Horst Kierdorf, Chefarzt der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten am Städtischen KIinikum Braunschweig, erzählte beim deutsch-österreichischen Intensivmedizinerkongress Mitte Juni in der Wiener Hofburg: "Wir haben binnen 48 bis 72 Stunden ein Plasmapherese-Protokoll erstellt."
Gleichzeitig mit der Behandlung wurden zwölf EHEC/HUS-Patienten mit Nierenversagen in eine Studie aufgenommen. Zehn von ihnen benötigten durchschnittlich acht Tage eine Dialyse, schwerste neurologische Symptome hatten 50 Prozent. Neun Erkrankte musste dauerhaft beatmet werden, wobei sich ihr Zustand verschlechterte. Mit der Methode der Immunadsorption wurde den Patienten zunächst das IgG aus dem Blut entfernt, später dann über entsprechende Plasmapräparate zurück gegeben. Die Ergebnisse waren verblüffend: Binnen drei Tagen besserte sich der Zustand der so behandelten Patienten eklatant. Fünf der neun Intubierten konnten binnen 48 Stunden von der künstlichen Beatmung geholt werden, zwei weitere binnen vier Tagen. Bei den Nicht-Beatmeten trat eine deutliche Verbesserung schon während der Therapie auf, sie konnten wieder reagieren und sprechen. Am Ende überlebten alle ohne bleibende Schäden.
Verbesserung neurologischer Probleme
Die Autoren: "Antikörper sind wahrscheinlich an der Entstehung der schweren neurologischen Symptome beteiligt (...)." Umgekehrt könne die Immunadsorption sicher zur Verbesserung solcher Probleme eingesetzt werden.
Der Erfolg der Mediziner bei EHEC/HUS in Deutschland war jedenfalls eklatant. Stefan Kluge vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, sagte in Wien: "Die ursprünglich geschätzte Mortalität von 20 bis 30 Prozent konnte auf drei Prozent herabgesenkt werden." Unter rund 2.700 EHEC-Patienten in Deutschland lag die Sterblichkeit bei 0,5 Prozent, eine Auswertung der Daten von 789 HUS-Betroffenen ergab eine Mortalität von 3,1 Prozent. Das liegt in dem Bereich, wie man das bisher - ohne die neuen E.coli-Krankheitserreger - bei schweren Infektionen beobachtet hat. (APA)