Uta Ranke-Heinemann, eine Studienkollegin von Benedikt XVI., sieht drohende Spaltung innerhalb der katholischen Kirche voraus
Uta Ranke-Heinemann ist nicht nur eine ehemalige Kommilitonin des aktuellen Kirchenoberhaupts sondern auch die erste Frau der Welt, die einen Lehrstuhl in katholischer Theologie erhalten - und später aufgrund ihrer Kritik an der Kirche - wieder verloren hat. Im derStandard.at-Interview spricht sie über die Hoffnungen, die sie in ihren Studienkollegen einst gesetzt hatte und die Ernüchterung, die sich seit Beginn seiner Regentschaft zunehmend breit macht.
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derStandard.at: Papst Benedikt XVI besucht sein Heimatland Deutschland. Vor sechs Jahren jubelten die Deutschen über "ihren" Papst, jetzt wird ihm nur ein sehr "lauwarmer" Empfang bereitet. Warum haben die Deutschen ihre Begeisterung verloren?
Ranke-Heinemann: Der Empfang ist nicht nur "lauwarm", sondern es herrscht voller Protest. Ich glaube, das Schlimmste, was dieser Papst sich geleistet hat, neben vielem anderen, ist die Sache mit den Missbrauchsfällen. Er hat ja sein Schreiben "De Delictis gravioribus" ("Über schwerer wiegende Verbrechen") von 2001 bis heute nicht zurückgenommen.
derStandard.at: In dem Schreiben, das Sie eben ansprechen, geht es um einen Brief, den Joseph Ratzinger in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation (vormals Inquisition) an alle Bischöfe geschrieben hat.
Ranke-Heinemann: Genau. Kein Wort über die Opfer. Es werden alle Bischöfe unter Strafe der Exkommunikation aufgefordert, alle Missbrauchsfälle ausschließlich an den Vatikan als einen apostolischen Gerichtshof zu melden, was eine totale Justizbehinderung für die staatlichen Gerichte zur Folge hat und zu einer ständigen Versetzung der pädophilen Priester und Ordensleute führt, die nach einer "Therapie" ihr Unwesen Jahrzehnte weitertreiben. Das Schreiben hat er bis heute nicht zurückgenommen. Er weint nur ab und zu Krokodilstränen, wenn er irgendwo Missbrauchsopfer trifft.
derStandard.at: Vor einem Jahr entschuldigte sich Joseph Ratzinger allerdings als Papst erstmals bei den Opfern und versprach, dass alles getan werde, um Missbrauch nicht mehr vorkommen zu lassen. Glauben Sie an diesen Wandel?
Ranke-Heinemann: Nein, dieser Papst wandelt sich von schlimm zu schlimmer. Ich war ihm über fünfzig Jahre treu, seit wir 1953/54 ein Jahr zusammen in München studiert haben und uns gegenseitig halfen, unsere Thesen unserer jeweiligen Doktorarbeiten ins lateinische zu übersetzen. Ich hielt ihn für einen bescheidenen, intelligenten Theologen. Erst 2005, als er Papst war, gingen mir die Augen auf.
derStandard.at: Sie glauben also, dass die aktuelle Kritik der Deutschen an Papst Benedikt XVI. vor allem mit dem Umgang des Papstes mit den Missbrauchsfällen zusammenhängt?
Ranke-Heinemann: Bestimmt. Aber ein zweites Entsetzen ist dies: Kondome sind von Benedikt nur "für männliche Prostituierte" erlaubt, wie er es 2010 in dem Buch "Licht der Welt" uns verkündet. Wieso denkt er an "männliche Prostituierte", aber liefert Ehefrauen dem ewigen Höllenfeuer aus, wenn sie ein Kondom benutzen, um sich vor Ansteckung mit AIDS zu schützen? Papst Benedikt nimmt jede Gelegenheit wahr, um die Ehe, wenn nicht zu verunmöglichen, dann wenigstens von A bis Z zu asketisieren, zu eunuchisieren, zu vermönchen und zu zölibatisieren. Warum entfernt er sich nicht endlich aus den ehelichen Schlafzimmern, die inzwischen sein Hauptaufenthaltsort für seine Verkehrskontrollen geworden sind? Er hat mit seiner Kondomtheologie Jesu Frohbotschaft zu einer Bordellbotschaft für männliche Prostituierte pervertiert. Der nichtprostituierten Restbevölkerung predigt er das ewige Höllenfeuer. Ich klage Papst Benedikt an, wegen tödlicher Irreführung der Menschheit.
derStandard.at: Warum, glauben Sie, wenden sich so viele Menschen weltweit von der katholischen Kirche ab?
Ranke-Heinemann: Ich habe mich 26 Jahre lang über Papst Johannes Paul II. aufgeregt. Dann ist mir, als Benedikt Papst wurde, nach ein paar Monaten klar geworden, dass die gesamte Politik des Vatikan schon seit 1981 (als Ratzinger Präfekt der Glaubenskongregation wurde) auf das Konto von Joseph Ratzinger geht. Er ist die größte Enttäuschung meines Lebens. So habe ich mich noch nie geirrt.
derStandard.at: In Österreich gibt es eine Initiative, die zur Revolution des Kirchenvolkes und zum Ungehorsam gegenüber dem Papst aufruft. Unter anderem wird die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt, die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene und eine Änderung beim Zölibat verlangt. Auch in Deutschland gibt es einen umfangreichen Reformdialog in der Kirche. Welche Chance sehen Sie für diese Initiativen?
Ranke-Heinemann: Es droht eine Spaltung zwischen unten und oben. Alle die mit den karnevalesken Tüten auf dem Kopf, vom Bischof und Kardinal bis zum Papst, werden nicht mehr akzeptiert. Aber die einfachen Priester, die immer bereit sind, Jesu Botschaft zu verkünden: "Keine Vergeltung, den Feinden Gutes tun" und zu helfen und sämtliche Frauen sowieso, werden sich langsam von den Oberhirten trennen. Seit 2000 Jahren sind alle Hirten Männer, alle Frauen Schafe. Die Vertreibung der Frauen hat unter den letzten beiden Päpsten ihren Höhe- und Schlusspunkt erreicht. Eine Spaltung zwischen oben und unten ist möglich.
derStandard.at: Was halten Sie davon, dass Papst Benedikt XVI. der erzkonservativen Piusbruderschaft nun wieder die Hand reichen und sie wieder in die röm.-kath. Kirche aufnehmen möchte?
Ranke-Heinemann: Das ist doch auch ganz furchtbar, das ist eine Katastrophe. Das sind Leute, die mit dem Christentum absolut nichts mehr zu tun haben.
derStandard.at: Ist die Annäherung an die Piusbruderschaft als ein Symbol dafür zu deuten, dass die Politik unter Benedikt XVI. konservativer und radikaler wird?
Ranke-Heinemann: Ja, absolut. Es ist eine Katastrophe mit diesem Papst.
derStandard.at: Wie viel Macht hat der Papst tatsächlich? Wird Benedikt XVI. von seinen Beratern beeinflusst?
Ranke-Heinemann: Natürlich. Er hat sich umgeben mit lauter Beifall klatschenden Kardinälen, die die mittelalterliche Weltherrschaft des Papstes wiederherstellen wollen. Seit 30 Jahren regiert er die Kirche und hat sich in dieser Zeit weltweit auf allen Bischofssitzen geklont.
derStandard.at: Der Papst ist eingeladen, im Bundestag zu reden. Was sagen Sie dazu?
Ranke-Heinemann: Die Leute verstehen einfach nicht, warum er jetzt auch noch im Bundestag reden muss. Dass der Papst im Bundestag redet, ist vollkommen abwegig. Er kann in der Kirche reden, aber doch nicht im Bundestag. Das finden die meisten Deutschen inakzeptabel. (Elisabeth Lind, derStandard.at, 21. September 2011)
Uta Ranke-Heinemann war die erste Frau der Welt, die einen Lehrstuhl für katholische Theologie erhielt (1970) und die erste Frau der Welt, die ihn wieder verlor (1987), weil sie an der Jungfrauengeburt zweifelte. 1953/54 war sie in München Studienkollegin von Joseph Ratzinger. Ihre beiden Bücher "Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität" (inzwischen 25. erweiterte Auflage, 2008, Heyne Verlag) und "Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum" (9. Auflage 2011, Heyne Verlag), sind internationale Bestseller.