Daumen rauf, Daumen runter - Ratingagenturen ähneln einem Schloss mit sieben Siegeln. Fitch-Analyst Guido Bach gibt Einblicke
Darauf haben Kritiker nur gewartet. Entsprechend ätzend fiel daher auch die Kritik aus: Als der US-amerikanische Immobilienmarkt im Jahr 2008 kollabierte, hatte keine Ratingagentur davor gewarnt, keinerlei Warnsignale diesseits und jenseits des Atlantik waren abgegeben worden. Doch wer sind die drei mächtigen US-Agenturen, die sich 90 Prozent des weltweiten Marktes teilen? Ihre Türen schmücken Namen wie Standard & Poor's (S&P), Moody's oder Fitch Ratings. Kein Staat, kein Unternehmen kommt an ihnen vorbei. Mit einer Ziffernkombination fällen sie ihre Urteile. Von AAA, der Zauberformel für den Besten über BB+, umgangssprachlich auch Ramschstatus genannt bis D wie Default, was einem Zahlungsausfall gleichkommt.
Die Rating-Agenturen tragen die Namen ihrer Gründer. Die älteste ist S&P aus dem Jahr 1860 (heute 39 Standorte). Moody's begann 1909 seine Bewertungen (heute 4.500 Mitarbeiter in 26 Ländern), Fitch Ratings wurde 1913 gegründet (51 Büros weltweit). Eine Filiale befindet sich in Frankfurt. Fitch Deutschland zählt an die 40 Mitarbeiter, 25 davon sind Analysten. Guido Bach ist einer von ihnen. Der 39-Jährige ist Director und Analyst für unterstaatliche Einheiten und hat die Arbeit in einer Ratingagentur von der Pieke au gelernt. Im Interview mit derStandard.at gibt er Einblicke in den Alltag, nimmt zu Kritik Stellung, zeigt auf, dass der Berufsstand keinesfalls aus einem Heer von Bösewichten besteht und warum der Job immer noch Spaß macht.
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derStandard.at: Wie wird man Analyst bei Fitch?
Guido Bach: Man sollte zumindest eine wissenschaftliche oder kaufmännische Ausbildung genossen haben - die Analyse erfordert eine große Auseinandersetzung mit Zahlen, sprich mit Geschäfts- und Rechnungsabschlüssen etc. Kurz, man muss sich mit Zahlen wohl fühlen und man sollte darüber hinaus über ein analytisches Verständnis verfügen. Für meinen Bereich bedeutet das, dass man nicht nur die Zahlen, die ex post veröffentlicht werden, versteht, sondern auch ein Gefühl entwickelt, wie sich zum Beispiel bestimmte wirtschaftliche Zusammenhänge auf den Emittenten auswirken könnten. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Die Kollegen sind unterschiedlicher Herkunft: Manche beginnen bei Banken, arbeiten im Bereich des Risiko-Managements oder im Bereich des Research - andere wieder steigen als Berufsanfänger bei Fitch an. Bei den ganz speziellen Bereichen wie Verbriefungen oder strukturierte Finanzierung kann es allerdings schon schwierig werden, geeignete Leute mit entsprechender Erfahrung zu finden.
derStandard.at: Sie kommen ursprünglich auch aus dem Bankwesen und sind seit zehn Jahren im Geschäft. Was genau ist Ihr Aufgabenbereich?
Bach: Ich arbeite im Bereich International Public Finance. Die Kunden unseres Teams in Frankfurt sind Emittenten, im Speziellen sind das unterstaatliche Einheiten oder sogenannte Subnationals, wie z.B. Bundesländer in Österreich, Deutschland oder Kantone in der Schweiz, aber auch Städte und Gemeinden. Bei Bedarf kommen unter Umständen noch zusätzlich Länder hinzu. Ich persönlich betreue in etwa zwischen zwölf und 15 Emittenten. Interne Analysen ausgenommen.
derStandard.at: Wie groß ist der Andrang auf diesen Arbeitsplatz?
Bach: Es gibt immer eine Reihe von Praktikumsanfragen, von Studenten, die in diese Arbeitswelt hineinschnuppern möchten - Analyst zu sein, ist ein hoch spezialisierter Job, mit speziellen Fähigkeiten und Voraussetzungen. Alles in allem hat der Bereich Ratingagentur natürlich einen großen Reiz für bestimmte Leute.
derStandard.at: Kaum einer der Mitarbeiter bei Fitch Deutschland ist über 50 Jahre alt. Arbeiten in Frankfurt lauter Wunderknaben?
Bach: Wir sind in Frankfurt schlicht ein sehr junges Büro. Global gesehen, trifft das nicht zu, hier liegt der Altersschnitt deutlich höher. Aber auch junge Leute können nach zehn Jahren schon sehr viel Erfahrung haben - hier in Frankfurt werden wir jedenfalls gemeinsam älter.
derStandard.at: Wie muss man sich Ihr Büro vorstellen?
Bach: Wir haben uns für eine Großraumlösung entschieden. Daneben bestehen aber
auch Ruheräume, um sich bei Bedarf zurückziehen zu können.
derStandard.at: Die Arbeitszeiten?
Bach: Wir sind einigermaßen flexibel und zum Teil auftragsgetrieben, um ein Jahres-Portfolio abzuarbeiten. Das hat den Vorteil, dass der Analyst sich individuell Zeit für einen Emittenten nehmen kann - neben einer Kernarbeitszeit, wo alle da sind. Von regelmäßigen Acht-Stunden-Tagen können wir allerdings nicht ausgehen.
derStandard.at: Verdienen sich Analysten bei Fitch eine goldene Nase?
Bach: Unsere strikte Unternehmenspolitik verbietet uns dazu jegliche Äußerung.
derStandard.at: Wie kommt Fitch zu seinen Auftraggebern?
Bach: Unterschiedlich. Es kommt vor, dass ein Emittent von sich aus an uns herantritt, weil er beispielsweise mit einem anderen Emittenten aus demselben Bereich gesprochen hat - auf der anderen Seite geht aber auch Fitch direkt auf den Emittenten zu, um uns beispielsweise über eine spezielle Analyse den Markt zu erschließen.. Für den Fall, dass wir ein Land analytisch neu betreuen, schauen wir uns die institutionellen Rahmenbedingungen an, in denen die unterstaatlichen Einheiten agieren, um einen groben Überblick zu erlangen, wie zum Beispiel der Haushalt aufgestellt ist, wie sind die Rechnungswährungsvorschriften, wie sieht der Rechtsrahmen aus, die Budgetdisziplin etc. Das sind Arbeiten, die im Vorfeld passieren, und in einem so genannten Special Report veröffentlicht werden. Natürlich hat man damit auch etwas dem Emittenten vorzuweisen, wie die Arbeit bei uns funktioniert und kann damit gleichzeitig seine Kompetenz beweisen.
derStandard.at: Nach welchen Kriterien suchen Sie die Emittenten aus?
Bach: In bestimmten Ländern sind die unterstaatlichen Einheiten bereits sehr stark am Kapitalmarkt vertreten, wie zum Beispiel in Deutschland. Die Bundesländer haben hohen Re-Finanzierungsbedarf und gehen auch in internationale Kapitalmärkte, insofern brauchen sie im Normalfall ein Rating.
derStandard.at: Wer bezahlt das Rating?
Bach: Normalerweise derjenige, der das Rating in Auftrag gibt. Es könnte daneben noch den Fall geben, dass jemand anderer Interesse an einem Rating hat. Eine Bank zum Beispiel, die in einer Stadt investieren möchte und ein vertrauliches Rating anfordert. Auch ein Emittent, der das Rating nicht beauftragt hat, kann von uns bewertet werden und die Ratingagentur kann sich vorbehalten, diese zu veröffentlichen - mitunter ohne Mitwirken des Emittenten. Das wäre denkbar, wenn sich die Ratingagentur einen Emittentenkreis erschließen bzw. eine analytische Erfahrung aufbauen möchte; der Normalfall ist das allerdings nicht. Ein Emittent kann selbstverständlich auch ein Rating anfordern, um erst in der Folge zu entscheiden, ob dieses auch veröffentlicht werden soll.
derStandard.at: Ist dem Rating-Shopping damit nicht Tür und Tor geöffnet?
Bach: Es steht natürlich jedem frei, verschiedene Ratings einzuholen. Die Frage ist, wie sinnvoll das ist, denn das Ergebnis der unterschiedlichen Ratingagenturen wird wohl nicht wesentlich abweichen. Die Analyse ist zwar von der Agentur her individuell geprägt, die Ratings von verschiedenen Agenturen liegen oftmals aber nicht sehr weit auseinander. Als Agentur kann man natürlich dieses Rating-Einkaufen nicht verhindern.
derStandard.at: Wie kommt der Analyst zu den für die Bewertung relevanten Informationen?
Bach: Besteht eine aktive Ratingbeziehung zu einem Emittenten, wird im Regelfall einmal pro Jahr ein so genanntes Management-Meeting bzw. ein Rating Review veranstaltet. Zwei Analysten besuchen den Emittenten vor Ort, nachdem sie ihm vorab einen Fragekatalog zukommen lassen haben. Dadurch besteht im Meeting bereits eine Diskussionsgrundlage, um eventuelle Neuerungen oder Entwicklungen des abgelaufenen Jahres zu besprechen, aber auch, um ein Update über die beispielsweise mittelfristige Finanzplanung des Emittenten zu bekommen. Darüber hinaus gibt es noch öffentlich zugängliche Informationen - vieles ist heutzutage selbstverständlich auch im Internet verfügbar, daneben existieren eine Reihe von statistischen Informationen, die vom Statistischen Bundesamt oder beispielsweise auch von Eurostat zur Verfügung gestellt werden - ein sehr großer Pool von Informationen.
derStandard.at: Kann man darauf vertrauen, dass diese Informationen der Wahrheit entsprechen? Den Ratingagenturen wird häufig zum Vorwurf gemacht, dass ihre Modelle als Basis zur Bewertung zu intransparent und nicht nachvollziehbar sind.
Bach: Die analytischen Methoden, die wir benutzen, sind seit jeher in so genannten Criteria Reports festgelegt und können auf unserer Website eingesehen werden. Das heißt, Interessierte haben jederzeit die Möglichkeit, sich den Rating-Prozess anzusehen. Hinsichtlich der Informationspolitik ist es in meinem Fall so, dass meine Emittenten öffentliche Emittenten sind, und man ihnen eigentlich "unterstellen" müsste, dass die Informationen der Wahrheit entsprechen. Über einen Jahresbericht haben oftmals unabhängige Wirtschaftsprüfer gelesen und die Zahlen bereits abgesegnet.
Wir als Ratingagentur müssen darauf vertrauen, dass wir vom Emittenten korrekte Informationen erhalten. Ich habe es zwar persönlich noch nicht erlebt, aber ein Emittent, der bewusst falsche Zahlen liefern will, wird es auch tun. Andererseits begutachten wir eine Fünf-Jahres-Historie, normalerweise entwickeln sich Emittenten in bestimmten Bandbreiten - größere Sprünge führen zu Auffälligkeiten, Inkonsistenzen fallen natürlich relativ leicht auf. Eine Rating-Agentur verfügt darüberhinaus auch über Plausibiltäts-Techniken, eine Art Stichproben, um den Wahrheitsgehalt der Angaben zu überprüfen.
derStandard.at: Ein weiterer Vorwurf an die Ratingagenturen sind die "Fehlgriffe" und Warnsignale, die übersehen wurden.
Bach: Beispiele wie Enron und Worldcom haben gezeigt, dass Ratingagenturen kaum Chancen haben, wenn Emittenten sie bewusst täuschen wollen. Davor sind auch ander Marktteilnehmer, wie Wirtschaftprüfer, nicht gefeit.
derStandard.at: Ordentlich daneben gegriffen haben die Ratingagenturen auch während der Immobilienblase in den USA im Jahr 2008.
Bach: Da ich als Analyst für diesen Bereich nicht verantwortlich bin, kann ich mich leider nicht zu Details äußern. Unser weltweiter Chef hat bei einer Anhörung in den USA zum Thema Folgendes gesagt: "Zu viele von unseren Ratings - besonders in einigen der am stärksten betroffenen Verbriefungs-Anlageklassen - haben sich nicht so verhalten wie erwartet. Es gab zu viele Herabstufungen um zu viele Ratingstufen."
derStandard.at: Ratingagenturen hinken mit den Bewertungen hinterher.
Bach: Ratings sind nicht so volatil wie die Kapitalmärkte und das verleitet viele Marktteilnehmer immer wieder zur Aussage, Ratinagenturen würden mit ihrer Analyse hinterherhinken. Ratings bilden jedoch nicht die aktuelle Marktmeinung oder Marktpreise ab, sondern sind eine Meinung darüber, ob ein Emittent seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann. Die Ratings werden nicht auf Basis von Marktgerüchten angepaßt, sondern nur wenn die Agentur der Auffassung ist, dass sich fundamental etwas verändert hat, was die Kreditqualität beinflusst.
derStandard.at: Wie objektiv können Bewertungen überhaupt sein?
Bach: Die Ratingagenturen haben sehr wohl Standards gesetzt. Natürlich will jeder lieber ein besseres als ein schlechteres Rating bekommen; der Analyst muss selbstverständlich, ob es der Geschäftsführung passt oder nicht, seine Analyse nach objektiven Kriterien durchführen und eine Entscheidung fällen. Downgrades sind immer sehr unangenehm zu kommunizieren - nichts desto trotz ist der analytische Bereich bei uns unabhängig.
derStandard.at: Ratingagenturen sind gewinnorientierte Unternehmen. Ein Widerspruch zur Unabhängigkeit? Wie objektiv können also die Bewertungen überhaupt sein?
Bach: Gewinnorient per se ist nichts Schlechtes und auch gewinnoriente Unternehmen können objektive Analysen abgeben. Wir haben eine strenge Trennung zwischen Analyse und den Kollegen, die für kommerziellen Aspekte der Ratingbeziehung verantwortlich sind. Es gibt keine Anreize für die Analysten ein besser Rating zu vergeben als aufgrund der vorgelegten Daten gerechtfertigt wäre. Bei Untersuchungen, die von verschiedenen Behörden durchgeführt werden, durch SEC oder BaFin beispielsweise, hat es nie einen Beleg dafür gegeben, dass es so etwas wie ein "Gefälligkeitsrating" gegeben hätte. Die Objektivität und Unabhängigkeit einer Ratingagentur ist ihr höchstes Gut. Sollten die Nutzer kein Vertrauen mehr in Ratings haben, wäre das Geschäftsmodel der Agenturen ganz schnell tot.
Es ist interessant, ein Teil dieser ganzen Szenarie zu sein, um auch aktiv mitgestalten zu können. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 21.9.2011)
GUIDO BACH, 39, ist studierter Volkswirt und Director und Analyst für
unterstaatliche Einheiten ("Subnationals") im Team Internationale
Öffentliche Finanzen ("International Public Finance") bei Fitch Ratings
in Frankfurt am Main.
Wissen
Fitch Ratings hat weltweit 51 Standorte, die Firmensitze befinden sich in New York und London. Gegründet wurde das Unternehmen am 24. Dezember 1913 von John Knowles Fitch. 1997 fusionierte Fitch mit IBCA Limited. Die Deutschland-Zentrale befindet sich in Frankfurt am Main und ist auch zuständig für Österreich und die Schweiz.