BLK River Festival

Palast und Spielräume für Urban Art

Anne Katrin Feßler, 20. September 2011, 17:54
  • Artikelbild
    vergrößern 700x433
    foto: peter paltinger

    Die reduzierten Arbeiten des französischen Street-Artists Ox nehmen starken Bezug auf ihre Umgebung: Donaukanal, 2011

Wien ist acht Tage lang der Nabel der Urban Art - Das zum dritten Mal stattfindende "BLK River"-Festival stellt internationale Street-Art-Künstler vor

Von einigen ihrer Projekte weiß aber selbst der Festivalleiter nichts.

Wien - Künstler oder Verbrecher? Bei der Gruppe Wojna ("Krieg") gehen die Meinungen auseinander: "Für das russische Kulturministerium sind wir Künstler, für das Innenministerium nicht", sagt Wojna-Mitglied Yana Sarna. Für ihre Aktion Dick captured by KGB (2010) sprach man ihnen einen wichtigen Kunstpreis zu, was Kontroversen verursachte: Sie hatten einen 65 Meter hohen Penis auf die Litejny-Zugbrücke in St. Petersburg gemalt - der Standard berichtete. Beim Hochklappen der Brücke signalisierte sie dem gegenüberliegenden Gebäude des Inlandsgeheimdiensts FSB ein riesiges "Fuck you".

Nach iher Aktion Palace Revolution, bei der als Protest gegen Korruption sieben Polizeiautos umgekippt wurden, inhaftierte man zwei Mitglieder. Nach Monaten kamen sie, auch dank der Unterstützung des international erfolgreichen Street-Art-Künstlers Banksy, wieder frei. Er spendete umgerechnet 90.000 Euro.

Nun ist das streitbare Kollektiv Gast des BLK River, dem heuer zum dritten Mal stattfindenden Festival für Urban Art. Nachdem sich Wojnas Aktionen auf russische Verhältnisse beziehen, sind ähnlich heftige Aktionen wie in St. Petersburg in Wien allerdings nicht zu erwarten. In der Festival-Ausstellung, die ein leerstehendes Gebäude in der Führichgasse 10 bespielt, zeigen sie mehrere Videos, die ihre Aktionen im öffentlichen Raum dokumentieren.

Urban Art, Street-Art oder Kunst im öffentlichen Raum? Festivalleiter Sydney Ogedan zieht keine fixen Grenzen zwischen den Disziplinen. Ein Graffito auf Leinwand oder einen von der Mauer gekratzten Banksy würde er allerdings niemals ausstellen. Letzteres sei "fürchterlich", eine Zweckentfremdung ortsgebundener Werke. Eine antikonsumistische, antikommerzielle Einstellung, die manchen als gemeinsamer Nenner der sprühend, klebend und installativ in den Stadtraum eingreifenden Street-Art-Künstler gilt, ist für ihn kein Kriterium. "Wojna könnte man aber ganz sicher nicht für ein Kunst-am-Bau-Projekt gewinnen".

Fast alle teilnehmenden Künstler haben Wurzeln in Graffiti, also jenen Markierungen öffentlicher Flächen mittels sogenannter Tags, die im American Graffiti Writing wurzeln. Das entstand Ende der 1960er-Jahren als Zeichen individueller Selbstbehauptung von "Underdogs" in den New Yorker Ghettos. Wandmalerei ist, abgesehen von den Projekten am Donaukanal und am Alberner Hafen, heuer jedoch kein Schwerpunkt.

Urban-Art-Residenz im Ersten

Wesentlich ist für Ogedan, welche Rolle der öffentliche Raum in der Arbeit der Künstler einnimmt. So würde sich Festivalteilnehmer Erwin Wurm sicher entschieden gegen den Begriff "Street-Artist" wehren, dennoch würden viele von dessen Arbeiten eher außerhalb des Ausstellungsraum funktionieren. Und so ist es für Ogedan kein Widerspruch, wenn deklarierte Street-Artists wie etwa der in Berlin lebende Amerikaner Brad Downey auch in institutionellen Räumen präsentieren. So wie Aram Barthall, dessen Offline-File-Sharing Projekt Dead Drops aktuell im New Yorker Moma zu sehen ist; oder Ivan Argote, der von der renommierten Pariser Galerie Perrotin vertreten wird. Aktuell präsentieren sie sich im "BLK River Art House", einem von einer Immobilienfirma unbürokratisch zur Verfügung gestellten Innenstadt-Gebäude, gleich neben der Albertina. War der Fokus bisher international, sind heuer neben Wurm auch die beiden in Wien lebenden Künstler Marlene Hausegger und Leopold Kessler mit von der Partie.

Ganz so revolutionär wie die unerlaubte Aneignung öffentlichen Raums ist so ein Sponsoring durch privat freilich nicht. Aber die Frage nach den Eigentumverhältnissen in der Stadt (Wem gehört der erste Bezirk? Wessen Kultur ist hier sichtbar?) lässt sich trotzdem stellen. Dass sich Modelabels und Getränkehersteller wegen der jungen Zielgruppe regelrecht um Sponsoring reißen, sogar Street-Artists für ihre Kampagnen engagieren, stört Ogedan nicht. Letztes Jahr hat er eine Förderung der Stadt Wien erhalten und heuer darauf verzichtet; mit den Privaten verlaufe es angenehmer.

Welche Aktionen im öffentlichen Raum man erwarten kann? Ogedan: "Ich weiß selbst nur die Hälfte von dem, was gemacht wird." Freudvoll unberechenbar.  (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 21. September 2011)

Bis 27. 9.

Eröffnung: Dienstag, 20. 9., 19-22 Uhr

Antialles
40
22.9.2011, 13:52
street art...

...ist wie der name schon sagt auf der straße.

das lässt sich nicht in irgendwelche räume zwängen...abgesehen davon ist diese veranstaltung ein abklatsch des almdudler "8 rooms" (2007), wo die alten almdudler büroräumlichkeiten (acht räume) im 19ten von graffiti- und street artists gestaltet wurden.

schade...weil sydney kopiert was es schon lägst gibt....keinerlei ahnung bzw background in dieser kunstform hat und es leider nur des geldes und des ruhmes wegen macht...und alle machen mit...na bravo!

kerning
00
21.9.2011, 21:34
gelungen

Es hätte vielleicht ein bisschen mehr sein können, aber wenn man bedenkt, dass die Ausstellung auf 7 ganze Stockwerke verteilt war und es auch so sicher keine einfache Aufgabe ist Straßenkunst "einfach so" nach Innen zu verfrachten, war das Angebot wirklich ausreichend und vor allem Abwechslungsreich präsentiert.

Die Stimmung generell am Eröffnungsabend war gelassen, es wurde viel gelacht und gestaunt :-)
Also nichts war da sicher nicht! Man darf halt das Wort Vernissage nicht wortwörtlich nehmen und Gott sei Dank geht es nicht so elitär zu wie in "richtigen" Museen... wo jede/r einfach für sich von Bild zu Bild rennt. Denn genau hier liegt der Charm dieser Ausstellung, eine tolle Plattform um sich mit anderen auszutauschen.

hulkjr
00
21.9.2011, 09:30
nur gab es einfach keine ausstellung

das war ein beinahe leeres abbruchhaus mit ab und an einem video oder ein paar kleinen fotos. ein zwei angesprühte wände. wo war die street art ? viele künstler selbst waren auch sehr enttäuscht. so eine anämische sache ist schon schlimm genug in der sezession. dass die street art mit "nichts" in erscheinung tritt war doch sehr überraschend.

gießhübl!
00
22.9.2011, 00:48

wo warst du?!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.