"Lesern der Kronen Zeitung ist Faymann ziemlich egal"

  • Roman Hummel: "Für viele Politiker ist es eine Instinktreaktion mit der Krone zu kooperieren".
    foto: harald schneider/apa

    Roman Hummel: "Für viele Politiker ist es eine Instinktreaktion mit der Krone zu kooperieren".

Kommunikationswissenschafter Hausjell kritisiert fehlende Medienkompetenz der Politiker - Einfluss der Krone ist umstritten

Inserate gegen freundliche Berichterstattung. Dass es so eine Abmachung gibt, wird der Kronen Zeitung und Bundeskanzler Werner Faymann in Zusammenhang mit der ÖBB-Inseratenaffäre vorgeworfen. Von Seiten der Politik und der Medien wird ein solcher Deal natürlich vehement bestritten. derStandard.at hat bei Kommunikationswissenschaftern nachgefragt, ob solche "Kooperationen" durch wissenschaftliche Untersuchungen nachweisbar sind und ob sie überhaupt Sinn machen.

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Sowohl Roman Hummel, Professor am Salzburger "Fachbereich Kommunikationswissenschaft", als auch Fritz Hausjell, Professor am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, räumen ein, dass solche Zusammenhänge wissenschaftlich schwer nachweisbar sind. Selbst dann, wenn ein Medium in seiner Berichterstattung einer bestimmten Partei gewogen ist, ließe sich schwer ausmachen, ob diese Meinung erkauft wurde oder ob das Medium von sich aus die jeweilige Position bezieht. Auch der Deutsche Presserat sagt gegenüber derStandard.at: "Gekaufte" Berichterstattung lässt sich schwer nachweisen.

Dank Redaktionsbefragungen und Medienanalysen wisse man, dass JournalistInnen nicht immer frei arbeiten können, sagt Rudi Renger, Professor am Salzburger "Fachbereich Kommunikationswissenschaft". Journalismus, der sich auf die Wahrheit gründet und frei von Einflussnahmen ist, sei das Wunschdenken von einer schönen Welt. In der Realität müssten Journalisten zielgruppenorientiert arbeiten. Ein Medium bedürfe einer guten ökonomischen Planung. Renger glaubt, dass es wenig Medien ohne Einflussnahmen durch Inseratekunden gebe. "Marketingjournalismus" werde von manchen Medien wie der Kronen Zeitung besonders plump betrieben, "andere Medien wiederrum machen das sehr verdeckt".

Freundliche Winke von der Geschäftsführung

Aufgrund seiner jüngst fertig gestellten Studie über journalistische Karrieren in Österreich kann Hummel resümieren: "Es nimmt zu, dass man einen freundlichen Wink aus der Geschäftsführung bekommt, über bestimmte Firmen oder politische Institutionen gut oder gar nicht zu berichten". Vor allem journalistisch Tätige im Privatradiobereich seien damit verstärkt konfrontiert. In Sonderbeilagen sowie in Lifestylemagazinen dränge sich öfters der Verdacht auf, dass Inseratekunden Einfluss auf die Berichterstattung haben.

Faymann ist Krone-Lesern egal

Dass die Kronen Zeitung in diesem Land eine derart gewichtige Rolle hat, gründe sich einerseits auf ihrer großen Reichweite, diese liegt bei etwa 40 Prozent. Andererseits seien es die Politiker selbst, die die Kronen Zeitung stärken, indem sie ihr eben diese Macht auch zuschreiben, so Hummel. Für viele Politiker sei es mittlerweile eine Instinktreaktion, mit ihr zu kooperieren, sagt Hummel.

Dabei bezweifeln viele Kommunikationswissenschafter, dass die Kronen Zeitung einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung hat. Renger: "Den Lesern der Kronen Zeitung ist Faymann ziemlich egal. Sie wollen in ihrer Zeitung einfach nur regelmäßig etwas vorfinden, worüber sie sich empören können". Dass über Krone-Inserate letztendlich mehr WählerInnen gewonnen werden können, glaubt Renger nicht.

Hans-Peter Martin und die Krone

Hausjell bringt ein Beispiel, wo die Krone ihre vermeintliche Wirkung verfehlt hat: "Wenn man betrachtet, dass zum Beispiel Hans-Peter Martin bei den EU-Wahlen eine eigene regelmäßige Kolumne in der Kronen Zeitung hatte und die Berichterstattung über ihn sehr gut war, ist sein Wahlergebnis vergleichsweise schlecht ausgefallen."

Dass sich die SPÖ die positive Publizität der Kronen Zeitung erkaufen wolle, sei aber eine "verkürzte Kritik", die unter anderem auch von jenen Medien komme, die für sich mehr Inserate wünschen. Viele große Unternehmen würden ebenfalls in der Kronen Zeitung inserieren, weil sie dort für verhältnismäßig wenig Geld viele Leser erreichen. Außerdem gibt er zu bedenken: "Die wenigen Prozentpunkte, die eine Partei durch die wohlwollende Berichterstattung eines Mediums dank großzügiger Inserate gewinnt, kann sie auch schnell wieder verspielen, weil sie durch diese Vorgehensweise andere Medien gegen sich aufbringen kann". Ob das auch den Politikern bewusst sei? "Bis auf einige Ausnahmen ist auch ihre Medienkompetenz nicht genügend". Politiker hielten Boulevardmedien für besonders wichtig, in Wahrheit sei ihre Wirkungskraft in Vergleich zu "qualitätsorientierten Medien" gering.

Gesellschaftlicher Nutzen

Renger kann hinter den Image-Inseraten keinen gesellschaftlichen Nutzen sehen. "Der Politiker bekommt die Öffentlichkeit und das Medienunternehmen die Euros. Es geht überhaupt nicht um die Bedürfnisse, Sorgen oder Wünsche der Menschen. Das ist besonders zynisch." Auf die hohe Bedeutung der finanziellen Dimension verweist Andy Kaltenbrunner vom Medienhaus Wien: "Öffentliche Aufträge haben Österreichs Medien ab 2008 über die Krise gerettet. Insbesondere die Boulevardmedien, die Inserateneinbußen in zweistelliger Millionenhöhe hatten. Das hat noch schlimmere gegenseitige Abhängigkeiten geschaffen." Und das sei aus demokratiepolitischer Sicht bedenklich.

Medienkompetenz als eigenes Schulfach

Dass ein großer Teil der Mediennutzer keine oder wenige Medienkompetenz habe, sei ein Teil des Problems, sagt Hausjell. "Würden die Leute die Eigentümerstrukturen hinter den Medien kennen und auch Medien aus unterschiedlichen Verlagen parallel konsumieren, könnten sie sich selbst ein besseres Urteil bilden". Mit dem fehlenden Hintergrundwissen seien die diversen Botschaften der Medien jedoch eher verwirrend. Hausjell plädiert deshalb dafür, dass Medienkompetenz als eigenes Unterrichtsfach in den Schulen eingeführt werde. (burg/derStandard.at, 21. September 2011)

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