Die Macht der Religion

Glaubenssache

Gastkommentar | 20. September 2011, 09:58

Historisch gesehen ist Atheismus die absolute Ausnahme. Die meisten Menschen sind religiös - auch heute noch. Der Hype um Buddhismus und Spiritualismus wird nichts daran ändern, dass der christliche Glaube hierzulande weiter ein Anker für die Menschen bleibt - Von Andreas Püttmann

Im Verstehen der "Dritten Welt" oder, wie heute politisch korrekt, im "Eine Welt"-Denken ist die politische Linke traditionell ganz groß. Sie plädiert von jeher gegen "Eurozentrik" und die kulturelle Arroganz der westlichen Zivilisation. Sozialistische wie ökopazifistische "Internationalisten" fordern, sich mehr an den ärmeren, naturverbundenen Völkern zu orientieren, statt diesen unseren "entfremdeten" Lebensstil im kapitalistischen Materialismus als Vorbild zu verkaufen.

Unglaube als Ausnahme?

Nur um ein Thema macht ihr Schulterschluss-Pathos einen weiten Bogen: Von der ganz selbstverständlichen Religiosität afrikanischer oder südamerikanischer Völker wollen unsere Linken partout nicht lernen. In Ländern wie Brasilien, Mexiko oder auf dem schwarzen Kontinent liegt die Rate der Nichtgläubigen unter 10 Prozent. Der theoretische und praktische Atheismus grassiert, von wenigen, meist zwangsatheistisch erzeugten Ausnahmen abgesehen, vor allem in den wohlstands- und sicherheitsverwöhnten Gesellschaften des "Westens".

Atheismus ist erklärungsbedürftig

Selbst dort ist der Glaube an Gott aber meistens noch die Regel, dezidierter Unglaube die Ausnahme. Der „Religionsmonitor 2008" der Bertelsmann-Stiftung identifizierte sogar 70 Prozent der Deutschen als "religiös", mehr als ein Viertel davon als "hochreligiös". Selbst wenn man dies dem überdehnten Religionsbegriff der Studie zuschreibt - in Allensbacher Umfragen bezeichnen sich nur 40 bis 50 Prozent der Deutschen als "religiöser Mensch" -, gilt im historischen wie globalen Maßstab: Gottesglaube ist der Normalfall, sein Gegenteil somit erklärungsbedürftig. Im geografischen und kulturgeschichtlichen Weitwinkel erscheint der Atheismus als verwegenes anthropologisches Experiment, der Mensch als "unheilbar religiös".

Zuwachs an Aberglauben

Das Terrain, das die christliche Hochreligion bei uns aufgibt, erobert folglich, nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren, der Aberglaube: Auf ein vierblättriges Kleeblatt "gebe ich immer acht", weil "es vielleicht eine Bedeutung haben könnte", sagten laut Allensbach 1973 nur 26 Prozent, im Jahr 2000 schon 42 Prozent der westdeutschen Bevölkerung; ein Zuwachs an Aberglauben zeigt sich auch bei Sternschnuppen (von 22 auf 41 Prozent), einem Schornsteinfeger (von 23 auf 35 Prozent), einer "schwarzen Katze von links über den Weg" (34 Prozent der Ostdeutschen), der Zahl 13 (von 17 auf 22 Prozent) und bei "ein Hufeisen finden" (von 13 auf 21 Prozent). Ihr Horoskop lasen oft oder "manchmal" 1977 erst 46 Prozent, 2001 dagegen 77 Prozent - wovon fast ein Drittel bekennt, schon "nach dem Horoskop gegangen" zu sein.

Alternativen? Gibt es nicht

Die als Kompensation der Entchristlichung vermutete "Alternativreligiosität" von New Age, Buddhismus oder Spiritismus stellt in Deutschland quantitativ und qualitativ - hinsichtlich der sozialen Relevanz - "keine wirkliche Alternative dar" (D. Pollack). Die kirchlichen Verluste werden bisher nicht durch Zugewinne anderer Religionen ausgeglichen. Dass Religiosität eine anthropologische Konstante ist, heißt nicht, dass sie jederzeit und überall gleich vital bleiben müsste. Zeiten der "Gottesfinsternis" kann es insbesondere bei reduzierten Kontingenzerfahrungen geben, da Religion "Kontingenzbewältigungspraxis" ist (H. Lübbe).

Bei einem Verlust existenzieller Sicherheiten kann sich das Blatt schnell wenden: Harald Schmidt berichtete von seinem Zivildienst, oft sei der Pfarrer "von sogenannten Atheisten schreiend ins Krankenhaus geholt worden, wenn der Tumor im Endstadium war. Ich glaube, ob man Atheist ist, kann man erst auf den letzten Metern sagen." (Andreas Püttmann, derStandard.at, 20.9.2011)

Autor

Andreas Püttmann, The European, ist Politikwissenschaftler und wurde 1991 mit dem Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet, er promovierte 1993 über "Zivilen Ungehorsam und christliche Bürgerloyalität". Danach wirkte er bis 2002 als Referent für Begabtenförderung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und als freier Publizist.

Kommentar posten
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die windfrau
 
03
30.9.2011, 09:16
... da Religion "Kontingenzbewältigungspraxis" ist

"aberglaube" und ritualisierungen auch. selbe dynamik, andere inhalte.

die windfrau
 
03
30.9.2011, 09:14
Allensbacher Umfragen bezeichnen sich nur 40 bis 50 Prozent der Deutschen als "religiöser Mensch" -, gilt im historischen wie globalen Maßstab: Gottesglaube ist der Normalfall, sein Gegenteil somit erklärungsbedürftig.

40-50% als normalfall und 60-50% "seines gegenteils", was immer das heiße, als "erklärungsbedürftig" zu bezeichnen, bezeichne ich (freundlich beschrieben) als rechenschwäche.
die gleichsetzung von spritualität (fragen nach sinn und sein und die suche nach antworten) mit dem bedürfnis nach "religion", bezeichne ich (freundlich beschrieben) als kognitive schwäche hinsichtlich differenzierendem denken.
kompensation von grundlegenden ungewißheiten durch bilder/erklärungen ist eine basale funktion der psyche und des geistes im sinne der psychischen integrität, angstabwehr und sicherheit. welche bilder benutzt werden, ist hochabhängig vom kulturellen "angebot" das in der sozialisierung angeboten wird und kein a-priori-beweis für "religionen".

Himym
00
22.9.2011, 12:31

Irgendwie passend zu dem Thema: http://www.youtube.com/watch?v=pmwBPsB0oaE

chilli p.
02
22.9.2011, 12:19
ad bekehrungen auf dem krankenbett:

was ist eine religion eigentlich wert, die sich erst im zustand grauenhafter schmerzen und tiefer verzweiflung manifestiert?

ich würde denken, kaum das weihwasser für die totensegnung.

dick maverick
13
21.9.2011, 23:44
Der "Seufzer der bedrängten Kreatur"

hat selten einen so dummen Advokaten gefunden.

pox vobiscum
01
22.9.2011, 14:51

Opiumdealer gehören sowieso behandelt oder eingesperrt...

legal eagle
 
13
21.9.2011, 15:48
das abweichen vom normalfall ist erklärungsbedürftig?

ich muss es also rechtfertigen, wenn ich, sagen wir: homosexuell bin, weil heterosexualität der "normalfall" ist?

auch ein politikwissenschaftler könnte eigentlich verstehen, dass eine solche these als unmittelbare begründung für diskriminierungen dienen kann (wobei ich ihm jetzt mal ausreichend guten willen unterstelle, dies nicht intendiert zu haben).

und das g'schichtl vom krankenbett - bitte, fällt ihnen nix besseres ein?

der leider todkranke christopher hitchens musste sogar strikte anweisungen geben, wie sein totenbett überwacht werden soll, damit es genug zeugen gibt, die fromme geschichten über eine bekehrung in letzter sekunde widerlegen können.

her wig
20
21.9.2011, 19:19
Richtig und Falsch

Es kann nur einen richtigen Weg geben, und der muss für alle gleich gelten. Alles andere wäre viel zu kompliziert um es mit dem begrenzten menschlichen Verstand fassen zu können.

die windfrau
 
02
30.9.2011, 09:35
es kann wirklich nur einen richtigen weg geben, ....

sehr richtig!!
die lösung heißt "für jedes einzelne individuum selbst":
es kann wirklich für jeden menschen nur einen, nämlich SEINEN individuellen richtigen weg geben.

und diese regel (jedem individuum SEINEN eigenen richtigen weg) gilt für alle gleich.

legal eagle
 
01
22.9.2011, 12:15

das ist nicht mal als scherz akzeptabel.

bluebeard's 8th wife.
01
21.9.2011, 15:40
du meine güte - als ob solidarität unausweichlich dazu führen müsste,

alle ansichten und werte jener menschen zu übernehmen (noch dazu unkritisch), mit denen ich solidarisch bin.

ich kann massive kritik an ungerechter verteilung und ungleichen chancen und ausbeutung üben und trotzdem der ansicht sein, dass es afrikanischen staaten deutlich besser gehen könnte, wenn sie sich stärker von der missionierung durch evangelikale christengruppen distanzieren würden.

[als beispiel dafür empfehle ich dem herrn politikwissenschaftler, sich die debatten um den ugandischen entwurf eines verbotsgesetzes für homosexualität anzuschauen.]

weisungsgebunden
03
21.9.2011, 13:27
Irgendwie wird mir schlecht, wenn ich das lese

Keine Spur einer Rede davon, dass die hier gepriesene "selbstverständliche" Religiosität in Lateinamerika und Afrika von ihrem Ursprung her keineswegs monotheistisch und schon gar nicht christlich war-sondern dass Monotheismus/ Christentum den Menschen im Zuge brutalster Kolonialisierung und Versklavung aufgezwungen wurden.
Religiosität/Spiritualität wird vom Autor ganz selbstversändlich mit "Gottglaube" gleichgesetzt, bzw nur dieser ist "Hochreligion, alles andere fällt unter "Aberglaube" bzw wird als bedeutungslos abgetan.
Ich stimme mit dem Autor insofern überein, als es bisher keine menschliche Gesellschaft ohne irgendeine Form von Religion/Kult/Rtual/Spiritualität gab-und die deklariert "atheistischen" haben ihre Ersatzkulte.

youtroll
01
21.9.2011, 13:16
Ausgehend von der Annahme

dass ein allmächtiges Wesen für die Schöpfung der Welt verantwortlich ist, ergibt sich, dass dieses Wesen Anteile seiner Macht verliehen hat, an Könige, Landesfürsten und andere Lehensnehmer. Siehe Mittelalter. Streng genommen müssten alle Menschen gleich viel Macht verliehen bekommen haben, auch Frauen, aber dagegen lassen sich Ausreden finden. Interessant ist, dass manche Lehensnehmer ihre Macht dazu verwenden, das Allmächtige in Frage zu stellen. Das ist witzig, denn sie können dies ja erst durch die ihnen verliehene Macht. Dem Allmächtigen scheint also eine gewisse Selbstironie nicht fremd zu sein, ebenso gewisse Selbstzweifel, denn sonst bräuchte kein Untertan seine Existenz verteidigen müssen...

Timagoras
 
00
21.9.2011, 12:34

mir scheint, relgion wird wieder immer wichtiger in unseren breiten.

und das macht mir angst ....

übrigens wird man besonders im standard bzw. auf ö1 ständig damit traktiert.
wieso eigentlich?

pox vobiscum
01
22.9.2011, 14:53

Ist auch mir ein Rätsel -
sind die Bilderberger eigentlich religiös?

Christoph Steiner2
14
21.9.2011, 11:39

Mit dieser Ansicht und dieser einfachen Sprache gewinnt man Journalistenpreise (auch wenn es "katholische" sind)?

Unfassbar.

Pareidolic
05
21.9.2011, 10:37
Traurige Argumentation

Argument 1: Dort (zeitlich und geographisch) wo die Menschen ungebildeter sind, weniger von den Naturwissenschaften wissen und verstehen, dort sind die Menschen religiöser.

Argument 2: Wo sich Menschen von der organisierten Religion abwenden gehen sie stattdessen zu anderen, vergleichbaren Dingen wie "Aberglauben".

Argument 3: Menschen die Angst haben klammern sich an jede Hoffnung, egal wie irreal.

Ja, Menschen sind von Natur aus "religiös", sie haben gerne Geschichten die (für sie) unerklärlichem eine Begründung verleihen, und die Angst machendem (sei es nur die Unvorhersehbarkeit der Zukunft) den Schrecken nehmen. Das macht diese Geschichten allerdings nicht real, und den obigen Kommentar nicht zu einer Argumentation für Religion.

Lord Chaos
01
21.9.2011, 11:31

Ich würde eher sagen Menschen sind von Natur aus neugierig. Bei Fragen auf die die Wissenschaft noch keine Antwort geben kann, müssen sie dann auf Religionen und Parawissenschaften zurückgreifen.

Anticitizen1
04
21.9.2011, 10:27

Ich sehe mich selbst als gläubiger Mensch, aber bei dem Satz war die Galle am Kochen:

"Gottesglaube ist der Normalfall, sein Gegenteil somit erklärungsbedürftig".

Das ist so ziemlich einer der intolerantesten Sätze, die ich je gelesen habe. Wenn etwas nicht der Norm entspricht, so muss ich es (zumindest verbal?) bekämpfen?

pox vobiscum
04
21.9.2011, 10:13

Das ist alles sehr unterhaltsam, vor allem bei Schlechtwetter.
Lieber Standard, als nächstes wäre eine wissenschaftliche Untersuchung zum Thema Glaube und Aberglaube und warum Menschen so anfällig dafür sind ganz amüsant, denn Herr Püttmann stellte zwar ganz richtig fest, dass (Aber)glaube weit verbreitet ist, aber eine plausible Erklärung dafür wurde dem geneigten Leser vorenthalten und ich denke, diese für den vielgerühmen menschlichen Verstand doch recht peinliche Tatsache als Gottesbeweis zu sehen, käme doch einer intellektuellen und theologischen Bankrotterklärung sehr nahe.
Vielleicht können Sie diese dann dem European mit besten Empfehlungen zum Abdruck zukommen lassen, damit der auch einmal zu einem Qualitätsartikel kommt.

Daerion
09
21.9.2011, 10:05

"Ich glaube, ob man Atheist ist, kann man erst auf den letzten Metern sagen."

Falsch. Das schlägt in die "No atheists in foxholes" Kerbe. Dass sich Menschen allerdings in Todesangst an jede auch noch so unsinnige Hoffnung klammern ist zu erwarten und insofern wenig aussagekräftig.

ursus maritimus
01
21.9.2011, 13:11
"No atheists in foxholes"

bezog sich aber nicht auf den Umstand, dass auch Atheisten sich in Bedrängnis an Gott wenden (was sicher dann und wann vorkommen mag), sondern auf die mangelnde Begeisterung der Atheisten für den Kriegsdienst im WW.

zhang sanfeng
03
21.9.2011, 11:04

auf den schlachtfeldern wird von den sterbenden häufig nach der mutter geschrien.
deren tatsächliches eingreifen wurde zwar kaum je beobachtet - aber die existenz von müttern muss ja auch nicht mit einem peinlichen rückgriff auf psychische notfallprogramme für ausweglose situationen "bewiesen" werden.

- seit mir, als ich einmal in kritischem zustand im krankenhaus lag ungefragt ein pfarrer auf den hals gehetzt wurde, und der dann erwartungsvoll in seinem schwarzen kleid am bettrand gehockt ist, bin ich übrigens unfähig, einen geistlichen zu sehen, ohne sofort "geier" zu assoziieren...

Lolek
 
02
21.9.2011, 10:01
Wer nicht weiß,muss glauben.

Glauben ist nicht hinterfragtes hinnehmen von Dingen, die ich (mir) nicht erklären kann. Dieser Zugang war sinnvoll in einer Zeit, in der z.B. Naturgewalten sehr gefährlich und unerklärbar waren. Heute müsste es jeder/jedem klar sein, dass das Aufsagen von ritualisierten Worthülsen (Beten) vor getrockneten Pflanzen (Palmbüschel) nicht vor Blitzschlag schützt.
Die Wissenschaft und die Aufklärung haben uns glücklicherweise aus der Umklammerung der Religion befreit. "Denken statt glauben" sollte die Devise einer modernen Gesellschaft sein. Glauben, an wen oder was auch immer, ist bestenfalls für den Privatgebrauch und hat in der Öffentlichkeit nichts verloren.

GevatterTod
03
21.9.2011, 09:59
bis zum Erlernen der Schrift

und am Besten beim Erlernen der Schrift - indoktriniert man junge Menschen so tief, sodaß sie gar nicht mehr das Eingetrichterte in Frage stellen können.
Karl Popper müsste eigentlich mit seinem Aufruf zum 'Falsifizierungsversuch' von so ziemlich allen Religionen zum Gottseibeiuns erklärt werden!

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