Demenz: Diagnosen erfolgen zu spät

20. September 2011, 16:55
  • In Österreich sind 110.000 Menschen von Demenz betroffen. Die Zahl verdoppelt sich alle 20 Jahre.
    foto: apa/harald schneider

    In Österreich sind 110.000 Menschen von Demenz betroffen. Die Zahl verdoppelt sich alle 20 Jahre.

Weltweit leiden 36 Millionen Menschen an Demenz - Bei nur rund 50 Prozent der Betroffenen in Österreich wird die Krankheit erkannt

Wien - Entscheidend wäre eine möglichst frühe Erkennung. Doch nur bei höchsten 50 Prozent der derzeit in Österreich Betroffenen ist die Diagnose "Morbus Alzheimer" von einem Arzt wirklich gestellt worden.

Das verhindert eine rechtzeitige weitere Lebensplanung, die Vorbereitung der Angehörigen sowie eine Behandlung, die umso besser wirkt, je früher sie einsetzt. Das erklärten am 19. September Fachleute bei einer Pressekonferenz in Wien aus Anlass des bevorstehenden Welt-Alzheimer-Tages am Mittwoch, 21. September. 

"Die Zahl verdoppelt sich alle 20 Jahre"

"Jubelmeldungen haben wir nicht. Wir sind vor zehn Jahren in Österreich von 50.000 bis 60.000 Fällen an Demenz ausgegangen. Morbus Alzheimer macht 70 Prozent der Demenzfälle aus. 36 Millionen Menschen sind weltweit von Demenz betroffen, in Österreich sind es 110.000 Menschen. Die Zahl verdoppelt sich alle 20 Jahre", sagte der Neurologe Andreas Winkler, Vizepräsident der Selbsthilfeorganisation "Alzheimer Angehörige Austria". 

Stress, Leid, Erschöpfung

Hinter der Fassade des österreichischen Familienlebens spielen sich unzählige Fälle von Stress, Leid, psychischer und physischer Erschöpfung aus diesem Grund ab. Antonia Croy, Präsidentin des Vereines: "80 Prozent der Demenzpatienten werden zu Hause betreut, auch 25 Prozent der schweren Fälle. 80 Prozent aller Pflegenden sind Frauen, die Hälfte der Betreuenden ist über 50 Jahre alt. Ihre Mortalität ist um 60 Prozent erhöht, 18 bis 47 Prozent leiden an Depressionen."

Gesundheitspolitische Mankos

Mankos - auch gesundheitspolitische - gibt es offenbar jede Menge. Antonia Croy: "Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan in Sachen Demenz, wie es ihn in Frankreich als sehr gutes Beispiel gibt. Durch Angehörigenschulung kann man die Institutionalisierungsrate (Anm.: Unterbringung in Pflegeheimen) um 33 Prozent nach sechs bis zwölf Monaten senken."

Damit könnten auch Kosten gespart werden: Man hat berechnet, dass ein Jahr Betreuung zu Hause rund 13.000 Euro kosten, ein Alzheimer-Pflegeheimpatient hingegen 26.000 Euro. Und dies bei drastisch reduzierter Lebensqualität der Betroffenen.

Morbus Alzheimer wird ignoriert 

Am wichtigsten wäre aber die frühe Diagnose und die Gewährleistung einer frühen Behandlung. Winkler: "In Österreich erhalten nur 20 bis 50 Prozent eine Diagnose, weil Morbus Alzheimer ignoriert wird. Nur jeder fünfte Patient hat nach einem Jahr noch seine Medikamente."

Auch die Krankenkassen dürften - so der Fachmann - Defizite in der Bezahlung von Therapien akzeptieren: "Erst wenn die Alltagsfunktionen auslassen, kommt man zum Ausschluss anderer Demenzursachen und schließlich zu Morbus Alzheimer. In Österreich müssen die Patienten funktionsunfähig sein, um die Medikamente (Anm.: auf Kassenkosten) zu bekommen." Eine Kombination der beiden derzeit vorhandenen Wirkprinzipien sei auf Kassenrezept nicht möglich. Dabei wäre die Behandlung umso wirkungsvoller, je früher sie einsetze.

Arbeit an Impfstoffen

Das Wiener Biotech-Unternehmen Affiris arbeitet seit Jahren an Impfstoffen gegen Morbus Alzheimer. Eine Kandidat-Vakzine (AD02) befindet sich derzeit in der Phase II der Klinischen Studien mit 420 Probanden aus sechs Staaten. Diese Untersuchung soll noch rund zwei Jahre dauern.

Laut Forschungsleiter Achim Schneeberger zeichnet sich auch hier ab, dass die Impfung, die auf eine Art Immunität gegen die Ablagerung des schädlichen Amyloid-Beta-Proteins bei Morbus Alzheimer im Gehirn abzielt, möglichst früh eingesetzt werden sollte.

So blieben in einer ersten und sehr kleinen Studie mit zwölf Probanden jene nach der Impfung stabil, welche eine noch vergleichsweise gute Gehirnfunktion aufwiesen. (red/APA)

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13 Postings

Eine frühzeitige Diagnose bringt gar nichts, ausser dass die Krankheitsdauer dadurch verlängert wird, und die Medikamente gegen Alzheimer basieren auf umstrittenen Therapieprinzipien.
Die Aufgabe des Arztes sollte nicht nur sein den Kranken zu therapieren, sondern auch ihn vor Übertherapie zu bewahren!

..weil der patient dann net in der nacht auf die strasse rennt und zamgführt wird, oder wie äussert sich das verlängern der krankheitsdauer?

Medikamente gegen Alzheimer basieren auf umstrittenen Therapieprinzipien.

...die da wären?

Medikamentenverschreibung

Bei meiner Mutter,jetzt in Pflegestufe 7,rund um die Uhr Betreuung,wurden um Laufe der Untersuchungen und Therapien bis zu 18 verschiedene Medikamente zum gleichen Zeitpunkt verordnet,nach dem System..schau ma amol wies und obs wirkt!!
Seit ca 3 Jahre haben meine Frau und ich im zusammenwirken mit dem Hausarzt die Medikamentenanzahl auf 4 ! gesenkt davon ist eines nicht der Alzheimerdemenz zugehoerig.
Das Krankenbild hat sich nicht verschlechtert,wir sind sogar der Meinung,dass sich der Wachzustand und die wirklichkeitskonforme Reaktion meiner Mutter verbesserte!
Wir sind der Meinung,dass neben reichlicher persoenlicher und gefuehlsmassiger Zuneigung unbedingt genug Fluessigkeitszufuhr sowie gesunde angepasste Ernaehrung sehr wichtig ist

Dass bei einigen Leuten leider ohne Rücksicht auf Lebensumstände und Notwendigkeit kiloweise Medikamente verschrieben werden, ist ein anderes, nicht minder störendes Kapitel.
Es ist klar, dass nichtmedikamentöse Interventionen wie ein geordneter Tagesablauf ohne viele Überraschungen mit bekannten Menschen bei Alzheimerkranken einen großen Beitrag zur Stabilisierung liefert, aber hat mit den Therapieprinzipien der Medikamentengabe relativ wenig zu tun. Aber es ist erfreulich, zu lesen, dass es auch Familien gibt, in denen Demenzkranke nicht mitsamt der Verantwortung für die Krankheit in das nächst gelegene Altersheim abgeschoben werden - das ist eine ordentliche Leistung von Ihnen.

"Aber es ist erfreulich, zu lesen, dass es auch Familien gibt, in denen Demenzkranke nicht mitsamt der Verantwortung für die Krankheit in das nächst gelegene Altersheim abgeschoben werden"

Reichlich präpotent.
Schon jemals mit Demenzkranken zu tun gehabt - von echter Pflege rede ich hier gar nicht?
überhaupt eine Ahnung, wie viele Demente von Angehörigen gepflegt werden und wie es denen geht?
Außerdem, bis 65 sollen ja auch alle Vollzeit arbeiten - wie geht das dann?!
Denkst du eigentlich bevor du tippselst oder suchst du nur Bestätigung für deine Selbstgefälligkeit?

Anhand Ihrer beiden Kommentare (oben frei übersetzt: "Du bist arrogant und blöd", unten "Naja") erkenne ich, dass Sie wohl Opinion Leader bei diesem Thema sind...
Es tut mir wirklich außerordentlich leid, dass meine ausformulierten Ansichten zu diesem Thema nicht in einen 750-Zeichen-Beitrag zu pressen sind. Andererseits sollten Sie den Stock aus Ihrem Hintern rauszuholen und aufhören, Kritik zu sehen wo keine ist. Scheint, als wärs egal, was man schreibt, irgendein Kasperl ist immer tödlich beleidigt...

Warum wird die Krankheitsdauer durch die Diagnose verlängert?

Wenn ich eine Krankheit habe, habe ich diese auch dann, wenn sie nicht diagnostiziert wird.

nicht nur das. in diesem fall ist ja gut, wenn man die krankheit länger hat, weil das bedeutet, dass man länger lebt.

Uebersetzung

Wenn man zu oft mit Beamten redet wird man dement. Das ist so gewollt, auch alle Missbrauchsopfer werden als dement erklaert, wenn nicht gleich unzurechnungsfaehig. In Diktaturen ist das so. Ich lehne das ab, es ist auch rechtswidrig, weshalb es gerne gemacht wird, es erregt die Straftaeter der Staaten sexuell.

Solange praktische Ärzte

so tun als sei "Vergesslichkeit" im Alter völliv normal, müssen sich die Betroffenen alleine weitergfrettn. Ernst nehmen nicht bagatellisieren wär schon ein erster Schritt.

Was würde es denn helfen wenn man jeden Menschen, der über Vergesslichkeit klagt gleich mal auf Demenz prüft? Wir hätten Unmengen an Screeningkosten, einen Haufen falsch-positiver Diagnosen und viele Leute, die mit einer "Diagnose" umherlaufen müssen, gegen die man kaum was tun kann. Was fehlt, sind ganz klare Richtlinien, wann man wen auf Alzheimer zu testen hat und welche Vorteile das bringt.

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