Demenz: Diagnosen erfolgen zu spät

  • In Österreich sind 110.000 Menschen von Demenz betroffen. Die Zahl verdoppelt sich alle 20 Jahre.
    foto: apa/harald schneider

    In Österreich sind 110.000 Menschen von Demenz betroffen. Die Zahl verdoppelt sich alle 20 Jahre.

Weltweit leiden 36 Millionen Menschen an Demenz - Bei nur rund 50 Prozent der Betroffenen in Österreich wird die Krankheit erkannt

Wien - Entscheidend wäre eine möglichst frühe Erkennung. Doch nur bei höchsten 50 Prozent der derzeit in Österreich Betroffenen ist die Diagnose "Morbus Alzheimer" von einem Arzt wirklich gestellt worden.

Das verhindert eine rechtzeitige weitere Lebensplanung, die Vorbereitung der Angehörigen sowie eine Behandlung, die umso besser wirkt, je früher sie einsetzt. Das erklärten am 19. September Fachleute bei einer Pressekonferenz in Wien aus Anlass des bevorstehenden Welt-Alzheimer-Tages am Mittwoch, 21. September. 

"Die Zahl verdoppelt sich alle 20 Jahre"

"Jubelmeldungen haben wir nicht. Wir sind vor zehn Jahren in Österreich von 50.000 bis 60.000 Fällen an Demenz ausgegangen. Morbus Alzheimer macht 70 Prozent der Demenzfälle aus. 36 Millionen Menschen sind weltweit von Demenz betroffen, in Österreich sind es 110.000 Menschen. Die Zahl verdoppelt sich alle 20 Jahre", sagte der Neurologe Andreas Winkler, Vizepräsident der Selbsthilfeorganisation "Alzheimer Angehörige Austria". 

Stress, Leid, Erschöpfung

Hinter der Fassade des österreichischen Familienlebens spielen sich unzählige Fälle von Stress, Leid, psychischer und physischer Erschöpfung aus diesem Grund ab. Antonia Croy, Präsidentin des Vereines: "80 Prozent der Demenzpatienten werden zu Hause betreut, auch 25 Prozent der schweren Fälle. 80 Prozent aller Pflegenden sind Frauen, die Hälfte der Betreuenden ist über 50 Jahre alt. Ihre Mortalität ist um 60 Prozent erhöht, 18 bis 47 Prozent leiden an Depressionen."

Gesundheitspolitische Mankos

Mankos - auch gesundheitspolitische - gibt es offenbar jede Menge. Antonia Croy: "Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan in Sachen Demenz, wie es ihn in Frankreich als sehr gutes Beispiel gibt. Durch Angehörigenschulung kann man die Institutionalisierungsrate (Anm.: Unterbringung in Pflegeheimen) um 33 Prozent nach sechs bis zwölf Monaten senken."

Damit könnten auch Kosten gespart werden: Man hat berechnet, dass ein Jahr Betreuung zu Hause rund 13.000 Euro kosten, ein Alzheimer-Pflegeheimpatient hingegen 26.000 Euro. Und dies bei drastisch reduzierter Lebensqualität der Betroffenen.

Morbus Alzheimer wird ignoriert 

Am wichtigsten wäre aber die frühe Diagnose und die Gewährleistung einer frühen Behandlung. Winkler: "In Österreich erhalten nur 20 bis 50 Prozent eine Diagnose, weil Morbus Alzheimer ignoriert wird. Nur jeder fünfte Patient hat nach einem Jahr noch seine Medikamente."

Auch die Krankenkassen dürften - so der Fachmann - Defizite in der Bezahlung von Therapien akzeptieren: "Erst wenn die Alltagsfunktionen auslassen, kommt man zum Ausschluss anderer Demenzursachen und schließlich zu Morbus Alzheimer. In Österreich müssen die Patienten funktionsunfähig sein, um die Medikamente (Anm.: auf Kassenkosten) zu bekommen." Eine Kombination der beiden derzeit vorhandenen Wirkprinzipien sei auf Kassenrezept nicht möglich. Dabei wäre die Behandlung umso wirkungsvoller, je früher sie einsetze.

Arbeit an Impfstoffen

Das Wiener Biotech-Unternehmen Affiris arbeitet seit Jahren an Impfstoffen gegen Morbus Alzheimer. Eine Kandidat-Vakzine (AD02) befindet sich derzeit in der Phase II der Klinischen Studien mit 420 Probanden aus sechs Staaten. Diese Untersuchung soll noch rund zwei Jahre dauern.

Laut Forschungsleiter Achim Schneeberger zeichnet sich auch hier ab, dass die Impfung, die auf eine Art Immunität gegen die Ablagerung des schädlichen Amyloid-Beta-Proteins bei Morbus Alzheimer im Gehirn abzielt, möglichst früh eingesetzt werden sollte.

So blieben in einer ersten und sehr kleinen Studie mit zwölf Probanden jene nach der Impfung stabil, welche eine noch vergleichsweise gute Gehirnfunktion aufwiesen. (red/APA)

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