Fekters Aussagen

Die Untiefen von Fekters Geschichtsbewusstsein

Leser-Kommentar | 19. September 2011, 10:42

Ein ungeheuerlicher Vergleich, der an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten ist

Beim Treffen der EU-Finanzminister am Freitag, den 16. September 2011, in Breslau warnte der polnische Finanzminister und EU-Ratsvorsitzende Jacek Rostowski vor ernsthaften Gefahren, sollte Europa die Schuldenkrise nicht in den Griff bekommen und hält sogar einen Krieg nicht für ausgeschlossen. Auf diese Warnung angesprochen reagierte die österreichische ÖVP-Finanzministerin Maria Fekter mit einem ungeheuerlichen Vergleich, der an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten ist. Im ORF-Interview erklärte sie, dass in Europa derzeit ein Klima der Ausgrenzung und der Feindbilder geschaffen werde, das zu Spannungen führen könne. Heute werde Stimmung gegen Banker und Reiche gemacht - das habe man in Europa schon einmal gesehen. Unter Hitler subsummierte man das Feindbild unter dem Begriff "Juden", meinte aber "ähnliche Gruppierungen" wie heute, so Fekter.

Schutzmacht der Reichen

Die von Spekulanten, Reichen, Bankern und Finanzmanagern - unter tatkräftiger Mithilfe neoliberaler Regierungen - verursachte Finanz- und Wirtschaftskrise des Jahres 2008 hatte vor allem für jene Menschen dramatische Auswirkungen, die an der Krise gänzlich unschuldig waren. ArbeiterInnen und Angestellte, Familien, StudentInnen, PensionistInnen mussten massive Kürzungen hinnehmen, verloren ihre Jobs oder sehen sich mit verteuerten Krediten konfrontiert. Banken wurden mit Staatshilfen gerettet, auf eine ernstzunehmende Regulierung des Finanzwesens wartet man noch immer. Vor diesem Hintergrund wird die berechtigte Forderung nach einer wirklichen Besteuerung von Vermögen, Finanzkapital und Spekulationsgewinnen laut - jene, die verantwortlich für die Krise waren, sollen ihren Beitrag leisten. Gegen diesen Vorschlag wenden sich vor allem konservative Parteien, wie die ÖVP. Sie argumentieren mit einer seltsam anmutenden Definition von Mittelstand und LeistungsträgerInnen, die zu belasten der falsche Weg sei.

Feindbild ist nicht gleich Feindbild

Es ist schwer zu ertragen, dass die zentralen AkteurInnen des Casinokapitalismus von Fekter mit den Juden während der NS-Zeit verglichen werden, zeichnet aber ein entlarvendes Bild der Finanzministerin, die in ihrer Zeit als Innenministerin regelmäßig mit menschlicher Kälte und einer bewussten Abschottungs- und Ausgrenzungspolitik aufgefallen ist. Flüchtlinge, AsylwerberInnen, AusländerInnen als Feindbilde aufzubauen und eine Politik der irrationalen Angst zu schüren, war für Fekter nie ein Problem. Vielmehr hat sie diese Feindbilder bewusst konstruiert, um ihre menschenverachtende Asyl- und Integrationspolitik zu rechtfertigen. Doch im Gegensatz zu jenen Menschen, die in Österreich oder Europa Zuflucht vor Krieg, Verfolgung, Perspektivenlosigkeit suchen und teils strapaziöse, lebensgefährliche Wege auf sich nehmen, um der Situation in ihren Heimatländern zu entkommen, haben die von Fekter in Schutz genommenen Banker und Vermögenden, aktiv an der Wirtschafts- und Finanzkrise mitgebastelt. Sie sind (mit)verantwortlich für die Talfahrt von Aktienkursen, für Verluste von Arbeitsplätzen und einer Bereicherungspraxis, die vor allem zulasten der "normalen" Bevölkerung ging.

Rücktritt ausgeschlossen

Wenn jetzt - spät, aber doch - Forderungen nach der Besteuerung von Vermögen, nach einer Regulierung und Bändigung der Finanzmärkte, nach Finanztransaktionssteuern laut werden, dann ist das nicht nur zu begrüßen, sondern eine logische Konsequenz. Die Judenverfolgung unter Hitler ist damit nicht zu vergleichen und entbehrt jeglicher Grundlage. Mit ihren Aussagen ist Fekter nicht nur über das Ziel hinausgeschossen, sondern verharmlost die systematische Verfolgung und Ermordung von Menschen im Dritten Reich. In anderen Staaten würden MinisterInnen nach solchen Aussagen zurücktreten - in Österreich ist das leider keine Option und so werden wir PolitikerInnen wie Fekter und CO auch weiter ertragen müssen - egal, wie geschmacklos und unerträglich ihre Aussagen auch sind. (Leser-Kommentar, Stefanie Klamuth, derStandard.at, 19.9.2011)

Autor

Stefanie Klamuth ist 29 Jahre alt, hat in Wien Politikwissenschaft studiert und arbeitet als Medienbeobachterin.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 115
1 2 3
buji2011
 
00
9.10.2011, 01:54
Fekter und der Krieg

Also Eines ist wohl sicher! Wenn die EU wegen dem Euro auseinander fällt, dann ist auch ein Krieg unter Europäern nicht mehr ausgeschlossen. Schließlich zerfällt mit dem Weltwirtschaftssystem dann auch das Sozialsystem. Um von Problemen im eigenen Land abzulenken, ist es Regierungen noch nie schwer gefallen, einen Bürgerkrieg zu verhindern, indem man den Krieg nach außen trägt. Es gibt immer und überall genügend Vollidioten, die da mitmachen. Und jedes Land hat heute genügend Computerspielefreaks, die mit ihrem Rechten Zeigefinger eine Drohne steuern können! Joystick-Killerkids gibt es weltweit heute zum Saufüttern!
Doch Eines ist ebenso sicher! Der 4. WK wird auch ein weltweiter Bürgerkrieg sein, also Weltrevolution! Ich habe Angst!

URKNALL
62
21.9.2011, 15:24
fekters aussage war blöd. ja. aber, frau klamuth, ihre empörung ist übertrieben. fast möchte ich sagen, an hysterie nicht zu überbieten.

PierNick
 
05
22.9.2011, 09:48
bei ihrem nick können sie das ur- ruhig weglassen.

sie haben einen ganz normalen, alltäglichen österreichischen knall.

omar chamra
10
20.9.2011, 20:23
Also den SPÖ Funktionären, die Kreisky zugejubelt haben

kann man Heuchelei bestätigen, denn als Kreisky von den Juden als "mieses Volk" sprach gab es keinen Aufschrei und keine Proteste in seiner Partei.
Und als Omar al Rawi (SPÖ) eine Demonstration anführte, in der Posters sichtbar waren wie "Israel Kindermörder" gab es auch keine Proteste in der SPÖ.
Wenn alle die Beschuldigungen gegen Frau Fekter stimmen sollten, dann ist es ein Rätsel weshalb der ORF-Journalist sie das hat sagen lassen und nicht gefragt hat, ihre Aussage zu präzisieren.

Otto Ottinger
 
23
20.9.2011, 12:05
"Wir sind Deutsch Kommunisten" J. Göbbels

wenn man NS KampfbegriffeBegriffe wie "Juden", "Weltjudenverschwörung", "Finanzjudentum", durch die heute populären Worthülsen wie "Spekulanten", "Globalisierung", "Neoliberalismus" u.dgl. und die Deutschnationale durch das Standardgewäsch vom "Geeinten Europa" ersetzt kann man jede von Göbbles Vorkriegsreden auf jedem beliebigen Gewerkschaftskongress halten.

supermike
64
20.9.2011, 08:15
Frau Fekter hat mit Ihrer Aussage aber genau den Punkt getroffen

Hätte der Adolf nicht 6 Millionen Juden getötet und würden diese heute, wie früher, die wohlhabende und gebildete Schicht bilden, wären diese auch heute Angriffsziel #1 für Rassismus und Enteignung durch den Staat.
Nachdems keine Juden mehr gibt, muss man sich andere Feindbilder / Opfer suchen und wie Frau Fekter das treffend bemerkt hat, werden es die Banken, die Reichen, die EU und vor allem das korrupte Politikergesindel sein.
Kriege halte ich zwar für ausgeschlossen aber Bürgerdemos und ggf eine Art Revolution nach Vorbild des arabischen Frühling wäre denkbar.

Frau Fekter hat erkannt, dass Österreichs Staatsschulden (ca. 100% vom BIP) die innere Sicherheit gefährden können - Sie dafür zu verurteilen ist dumm.

hel3
00
21.9.2011, 15:52

selten so ein schwachsinniges gebrabbel gehört

trollvottel
13
20.9.2011, 10:39

Es ist ein Vorurteil, dass "die Juden" die "reiche Schicht" gewesen seien. Einige jüdische Österreicher waren wohlhabend, ja, aber bei Weitem nicht alle. Die Masse der europäischen Juden, die den Großteil der Ermordeten stellten, waren bettelarme "Ostjuden" in den "Shtetln".

Zur Illustration: 1934 gab es ca 190.000 jüdische Österreicher, davon 175.000 in Wien; die NS-Rassengesetze betrafen etwa 225.000 Österreicher. In KZs starben rund 66.000 jüdische Österreicher, 120.000 flohen. Heute gibt es noch rund 8000 jüdische Österreicher.
... von den verarmten Juden im Osten, oder der bettelarmen Roma, konnte sich aber fast keiner die Flucht erkaufen; diese großen Minderheiten wurden weitestgehend ausgerottet.

supermike
00
20.9.2011, 13:58
Danke - wieder etwas dazugelernt !!!

Nicht Immer
62
20.9.2011, 00:42
Naja ...

... "ungeheuerlich"
... "dramatisch""
... "gänzlich unschuldig"
... "massiv"
... "wirklichen Besteuerung"
... "seltsam anmutenden"
... "schwer zu ertragen"
... "Casinokapitalismus"
... "entlarvendes Bild"

und so weiter und so fort ... inhaltlich leider nix.

Egal, wer braucht Inhalte, wenn er eine Überzeugung hat ... und zwar

... "Uhr voll echt - wirklich!"

Jürgen Rembremerding
00
20.9.2011, 00:56
ist ein guter Text mit Inahlt!

Helmut Hromadnik21
 
33
19.9.2011, 23:25
Excellenter kommentar !

FEKTER ist untragbar!
Man hat es, wie könnte es im lander der sesselkleber anders sein, mit ihrer entschuldigung bewenden lassen.
Schande über diese herzlose und offensichtlich ungebildete frau.

antonowitsch
16
19.9.2011, 23:22
Als Schodda Miatz war sie schon vorher bekannt

und die Leute im Werk haben aufgeatmet, als sie in die Politik ging. Denn sie war der Schrecken der Belegschaft, der Tyrann im Schotterwerk, wie mir ein OÖ.- Bauunternehmer erzählte.

Helmut Hromadnik21
 
01
21.9.2011, 10:50
Interessant zu hören !

Also, wohin mit dieser "schreckschraube" ?

Sie ist weder der belegschaft noch der politik zumutbar !

Muss die ÖVP einen mangel an qualifiziertem personal haben, wenn sie mit einer solchen frau ministerämter besetzt !!!

Trevor Goodchild
16
19.9.2011, 22:44
Nun, eigentlich wollte Sie...

... - wie perfide! - das Nazi Totschlagargument gegen die berechtigte Forderung einer Beteiligung der Vermögenden anwenden.

Sie denkt halt zu kurz, sonst hätte Sie wissen müssen, dass das nach hinten losgeht.

Bitte Mizzi tritt zurück, und befrei uns von Deiner Anwesenheit in irgenwelchen politischen Ämtern.

karlheinz marilyn, supersauber
15
19.9.2011, 23:00

und zwar without von delay

karlheinz marilyn, supersauber
01
19.9.2011, 23:10
Zweitgeist
02
19.9.2011, 22:19

als kind dachte ich immer, untiefen seien wahnsinnig tiefe stellen, genauso wie mit unmengen eine wahnsinnig große anzahl bezeichnet wird. aber spätestens seit der begriff in zusammenhang mit frau fekter gebraucht wird, weiß ich, dass genau das gegenteil gemeint ist.

sergius leon
25
19.9.2011, 22:11
Antisemitismus in Österreich

Eine klare Ansage aus Berlin > http://bit.ly/qHeU3a

Timagoras
 
00
20.9.2011, 09:18
"Eine klare Ansage aus Berlin"

.
etwas überspitzt, aber im kern wahr.

und:
der verweis auf Friedrich Heers "Gottes Erste Liebe" freut mich ganz besonders, denn dieses werk ist - völlig zu unrecht (aber für Österreich typisch) - aus dem öffentlichen bewusstsein verschwunden.

Joruus CBaoth
15
19.9.2011, 21:43

Dem Ganzen möchte ich noch hinzufügen, dass Fekters Vergleich nicht nur jeglicher ernst zu nehmenden Grundlage entbehrt, sondern, dass es ebenfalls höchst bedenklich ist, wie der Holocaust und der zweite Weltkrieg immer wieder vermengt und gleichgesetzt werden.
Ließe man zweifelhafterweise noch durchgehen, dass beides etwa gleichzeitig geschehen ist, so hat das Eine aber mit dem jeweils Anderen nur bedingt zu tun- was, meiner Meinung nach, Fekters Aussagen, die je nach Belieben eines der Ereignisse beinhalten, nur umso absuder macht.

alexander lukacs
23
19.9.2011, 22:10

Sorry, aber das ist kompletter Unsinn.

Ohne den zweiten Weltkrieg hätte es den Holocaust nicht gegeben und nicht geben können. Der Krieg ermöglichte erst das Abbrechen sämtlicher zivilisatorischer Brücken und schuf sowohl Zugriffsmöglichkeiten auf eine große Zahl an Opfern als auch die Infrastruktur zu ihrer Vernichtung.

Joruus CBaoth
00
21.9.2011, 12:58

Der Krieg ermöglichte aber nicht den Holocaust. Dieser hat schon vor Kriegsbeginn begonnen. Dass der Holocaust nicht derartige Ausmaße erreichen hätte können ohne Wk stimmt allerdings. (Daher auch "bedingt zu tun").

Trotzdem ist hier eins nicht notwendig oder hinreichend für das andere.

DreadCat
02
19.9.2011, 22:58

Pardon, das stimmt sooo aber auch nicht.
Die Deportation - asap, ab 1933 - der polit Feinde, Religiösen, Homosexuellen etc zählt mW durchaus auch schon zum Holocaust (vgl http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust ). Die Maschinerie funktionierte auch ohne Krieg hervorragend.
Daß das Ausmaß erst durch WKII erreicht werden konnte, sehe ich genauso.

soupi
06
19.9.2011, 21:22
Ausgezeichnete Rekapitulation.

Danke Frau Klamuth!

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 115
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.