Es tut gar nicht weh

1. Dezember 2001, 09:28
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Der Kosmetiksalon ist für Männer Neuland. Ein Expeditionsbericht von Thomas Rottenberg.

Männer sind einfacher. Weil man zu ihnen direkter sein kann. Ein Pickel ist ein Pickel und eine Falte eine Falte. "Sie haben da eine Falte." So was kann man einem Mann ohne weiteres ins Gesicht sagen. Oder: "Sie haben da einen Pickel." Männer packen so was. Wie nix. Da ist Frau Dagmar ganz sicher: "Diesen Pickel schau ich mir auch gleich noch an", sagt sie deswegen. Mir. Mir kann man so etwas ja sagen. Ich bin schließlich ein Mann.

Und weil mir Frau Dagmar wenige Minuten vorher gesagt hat, dass man mit Männern viel direkter und ehrlicher und geradeauser über so was reden könnte, und weil ich dazu beifällig gegrunzt habe, kann ich jetzt schwer einen auf "das hat aber gesessen" machen.

Nicht dass ich nicht wüsste, dass ich immer noch Pickel habe (oh nein!). Nicht, dass ich die Falten im Gesicht des Fremden, dem ich in der Früh die Zähne putze, nicht auch immer deutlicher sehen würde. Aber muss mir das eine eigentlich wildfremde Frau so direkt sagen? Nur weil sie mich gerade 90 Minuten unter der Brutkastenlampe gehabt hat, mich wunderfein asiatisch-energetisch durchgeknetet hat und ich mich gerade reichlich entspannt und völlig arbeitsunwillig einer Tasse grünem Tee zuwende?

Ja, weiß Frau Dagmar, sie muss und darf und soll. Schließlich ist sie nicht nur Masseurin, sondern auch Kosmetikerin. Und ich bin ihr Kunde. Im superfeinen, neuen Schönheitssalon - pardon "beauty spa" - des Vorarlberger Kosmetikunternehmens Le Duigou auf der Tuchlauben in der Wiener Innenstadt. ("Pfo. Dort schicken die dich hin?", entfuhr es einer in Schönheitsfragen versierten Kollegin nur fast neidig, als ich beiläufig erwähnte, wo ich den nächsten Vormittag verbringen würde. Stimmlage und Miene sagten mir mehr, als es jeder Hochglanzkatalog hätte tun können.)

Dass ich zum ersten Mal da bin - und das natürlich nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf das Betreiben einer Frau -, macht für Frau Dagmar aber keinen Unterschied. Oder vielleicht doch: Sie gibt sich besondere Mühe. Wegen der Schwellenängste - die ich natürlich nicht habe.

Schließlich ist mittlerweile jeder dritte Kunde von Frau Dagmar und ihren Kolleginnen Mann. Dass ich eine Million Frauen kenne, die kein Problem haben, über Kosmetikerinnenbesuch zu reden, aber kein Mann in meinem Bekanntenkreis das jemals erwähnt hat, liegt ganz bestimmt nur an den Themen, die in meiner Bubenrunde gemeinhin üblich sind: Autozerlegen, Motorsägentuning, Traktorenweitwurf. Solche Dinge halt.

Mode, Körper, Schönheit? Für unsereins ist der Themenkomplex seit Jahren so selbstverständlich, dass er gar kein Thema ist. Bestimmt. Drum schauen meine Freunde zuerst auch nur scheinbar spöttisch. Und fragen nachher lieber unter vier Augen - dafür ohne Ausnahme -, wie "es" denn so war. Nein, es hat nicht wehgetan. Wirklich nicht. Nein, auch nicht ein bisserl. Und es war auch völlig unpeinlich. Gut, das mit dem Sprudelfußbad am Anfang hat mich irgendwie an meine Oma erinnert. Aber unangenehm war das nicht. Und die Wärmelampe, die Frau Dagmar über jene Körperregionen hängte, an denen sie nicht gerade nach den Gesetzen des Qi-Sisheido an irgendwelchen Tsubo-Punkten (angeblich hab' ich davon ein paar Hundert auf meinem Körper - immer gut zu wissen) sanft herumknetete, um Blockaden zu lösen, Energien fließen zu lassen und mich immer tiefer in den weichen, weißen Frotteetüchern versinken zu lassen, nein, die Wärmelampe war gar nicht furchteinflößend. Oh nein: Sonst wäre ich wohl kaum fast eingeschlafen. Mitten am Vormittag. Noch dazu, während Frau Dagmar an mir herumwerkte: kneten, ziehen, klopfen, schütteln. Nicht einfach irgendwie, sondern eben nach den Qi-Sisheido-Regeln.

Die meisten Männer, so Frau Dagmar weiter, während ich widerstandslos daliege, ließen sich zuerst einmal massieren - und würden sich dann langsam weiter vorwagen: ins weite Feld der Masken, Mani- und Pediküre, zum Pickel- und Mitessercombat und schließlich sogar ans Harzen von Brust, Schultern und Rücken. Weil der Mann im Eigenpelz halt wirklich immer weniger angesagt sei. Ob ich mir schon mal die Beine rasiert hätte? O.k., das sei wirklich noch nicht allzu weit verbreitet. In Europa. Hab' ich da den Anflug eines Grinsers in Frau Dagmars Augen aufblitzen sehen? Dann das mit dem Pickel. Mir, dem schon als Pubertel der Kauf von Pickelwegwässerchen Pein und Peinlichkeit bedeutete.

Genutzt haben die übrigens auch nichts. Bis heute nicht. Drum hab' ich resigniert. Vor rund zehn Jahren. Aber Frau Dagmar lässt das nicht gelten. Schmiert. Legt Strom an. "Nein, das kribbelt höchstens." Und strahlt - vor allem - jene Sicherheit aus, die mich tatsächlich daran glauben lässt, irgendwann so was wie "reine Haut" haben zu können: hätte ich Frau Dagmar fünfzehn Jahre früher getroffen. Das hätte mir eine Menge Verzweiflung erspart. Außerdem hätte mir dann irgendwer vor meinem Dreißiger erklärt, wozu all das Zeug gut ist, das man in Drogeriemärkten mittlerweile auch für Männer findet. Peelings. Masken. Pasten. Wässerchen. Und was wie wann angewandt werden kann und soll. "Stimmt, das erklärt euch wirklich keiner. Da gibt es großen Nachholbedarf."

Zurück in der Redaktion: Die Herren Kollegen tun so, als wäre es ihnen egal. Dafür fragen sie per Hausmail. Oder am Gang. Und zwar ganz genau. Die Kollegin mit dem neidigen "Pfo" beäugt mich, umkreist mich und sagt dann: "Du schaust noch so aus wie vorher. Also, ich mein: eh o.k." Ich sollte mich trauen, so etwas zu sagen, wenn sie von Friseur oder Kosmetikerin einrauscht. Aber: Männer sind eben einfacher. Die halten so was aus. Ganz locker. Da hat Frau Dagmar ganz Recht.

derStandard/rondo/23/11/01

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