Für immer gestern

19. August 2003, 16:04
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Wer oder was sind Berufsjugendliche? Über den wechselvollen Wandel eines Lebensstils, der lang anhaltende Frische verheißt

Für alle, die in der DDR groß geworden sind, ist die Sache sonnenklar: Berufsjugendliche, das sind ehemalige FDJ-Funktionäre, die auch im fortgeschrittenen Alter nicht alt wirken durften. Schließlich mussten die hauptamtlichen Blauhemden am Puls der sozialistischen Jugend bleiben. Auch wenn sie altersmäßig schon beinahe in Pension gehen konnten.

Für alle, die nicht in der DDR groß geworden sind, schaut die Sache etwas anders aus: Berufsjugendliche, das sind landläufig Leute wie Arabella Kiesbauer oder Dieter Bohlen, wie Campino von den Toten Hosen oder die Rolling Stones. Also Menschen, an denen Turnschuhe oder gefärbte Haare signalisieren, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören. "Berufsjugendliche", sagt Andreas Steinle vom Hamburger Trendbüro, "haben Jugendlichkeit zum Stil erhoben. Für sie ist das die wichtigste Voraussetzung, um in ihrem Job Erfolg zu haben."

Im Showbusiness war das schon immer so. Außerhalb davon ist das Phänomen der Berufsjugendlichen aber ziemlich neu. Genauer gesagt: Es ist ein Phänomen der Neunzigerjahre, als sich die Berufswelt mit einem Mal grundlegend veränderte, als der "flexible Mensch" geboren wurde, als ein Wort wie "Seriosität" einem Wort wie "Kreativität" weichen musste und die Berufsjugendliche Madonna sich ein Remodeling nach dem anderen verpasste. Mit dem Aufkommen der neuen Medien, mit dem Boom der Werbewirtschaft, mit dem Überhandnehmen der Popkultur traf man plötzlich auf Menschen, die in ihrer Arbeit vor allem eines waren: jugendlich, auch wenn sie ihre Pubertät schon längst hinter sich hatten. "Sie sind ständig unterwegs mit ihren Kindermoden und Kindermodems, man trifft sie an zwischen den Städten in ICE-Zügen", schrieb damals die Schriftstellerin Kathrin Röggla in einem scharfzüngigen Text, den sie "Die Berufsjugendlichen" übertitelte. In der Boomstadt Berlin, in der die junge österreichische Autorin auch selbst lebt, machte sie eines der Zentren der organisierten Berufsjugend aus. "Die neue Berufswelt in Berlin", erklärt Trendforscher Steinle, "ist Ende der Neunziger zum Synonym für die so genannten Spaßberufe geworden. Die regelmäßigen Partys nach der Arbeit etwa dienten weniger der Zerstreuung als der Einübung in eine ,corporate identity', die jugendliche Hippness auf ihre Fahnen schrieb."

Anzug und Krawatte im Büro waren plötzlich out, dafür dominierte Kleidung, die auch dem Außenstehenden signalisierte, dass man wisse, was draußen auf der Straße vor sich ging. Man arbeitete und tanzte, tanzte und arbeitete. Man besuchte Flohmärkte und die neueste Cocktail-Lounge. Generation Berlin, Yettie oder Generation Golf waren die Bezeichnungen, die im deutschsprachigen Raum für die Nicht-erwachsen-werden-Wollenden in Umlauf kamen.

Von Amerika schwappte ein anderer Begriff auf den Kontinent über, der das Phänomen Berufsjugendliche noch etwas genauer trifft: David Brooks gab der neuen Elite des Informationszeitalters den Namen Bobos, eine Zusammensetzung der Begriffe "bourgeois" und "Bohemien": "Der Lebensstil der Bobos führt zusammen, was bisher als unvereinbar galt: Reichtum und Rebellion, beruflicher Erfolg und eine nonkonformistische Haltung, das Denken der Hippies und der unternehmerische Geist der Yuppies."

Gemeinsam ist den Begriffen Bobo und Berufsjugendlicher im deutschsprachigen Raum mittlerweile dabei eines: ihre zumeist negative Verwendung. Der zehnbändige Duden bestätigt sogar ausdrücklich die abwertende Konnotation des Begriffs. Auch wenn das nicht immer so war. Anfang der Achtziger registrierte etwa das Lexikon der deutschen Umgangssprache von Heinz Küppers die eher wertfreie Verwendung des Wortes "Berufsjugendlicher": Seit 1965 - seit damals ist der Begriff belegt - bezeichne es einen Mann, "der sich in jedem Lebensalter zur Jugend rechnet". Frauen waren in der damaligen Definition offenbar davon ausgenommen.

Die Erfolgsgeschichte des Wortes verzeichnet eine ständige Ausweitung derjenigen Personengruppen, die als Berufsjugendliche infrage kommen. War es im Küppers in erster Linie noch ein "Funktionär in der Jugendarbeit", stellt der Duisburger Sprachwissenschafter Ulrich Ammon mittlerweile die Verwendung des Wortes auch außerhalb des unmittelbaren Arbeitsbereiches fest: "Das Wort Berufsjugendlicher wird auch verwendet, wenn man gar keine Beziehung zur Arbeit des so Bezeichneten herstellen will."

Ob Dodo Roscic, Joschka Fischer oder der deutsche FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle: Sie alle eint das Verdikt, Berufsjugendliche zu sein. Eine mittlerweile aus mehrfachen Gründen in Verruf geratene Bezeichnung. Seit die wirtschaftliche Entwicklung stagniert bzw. rückläufig ist und es vor allem in den neuen Berufen massive Einbrüche gibt, sind harte Zeiten für Berufsjugendliche angebrochen. "Wie viel Spaß kann man bei der Arbeit haben, wenn meine Kollegen nach der Reihe gekündigt werden und ich vielleicht selbst als nächstes dran bin?", fragt sich Trendforscher Steinle.

Das Vertrauen in die Jugend ist dahin, der Nimbus der Jugendlichkeit in beruflicher Hinsicht mittlerweile mehr Bürde als Hilfe. In wirtschaftlich schlechten Zeiten setzt man in den Vorstandsetagen bei der Auswahl der Mitarbeiter lieber auf Erfahrung und Seriosität. Die schonungslose Abrechnung mit den Berufsjugendlichen grassiert, in erster Linie natürlich mit den Vertretern der Werbebranche. Hier hat der Bestseller "39,90" des französischen Schriftstellers Frédéric Beigbeder - um nur ein literarisches Beispiel zu nennen - wie eine Bombe eingeschlagen. "Ich bin Ihnen immer drei Wellen voraus und enttäusche Sie zuverlässig", lässt die abschreckende Hauptfigur in Beigbeders Roman die Leser wissen: "Mein Amt ist es, Ihnen den Mund wässrig zu machen. In meinem Metier will keiner Ihr Glück, denn glückliche Menschen konsumieren nicht."

Die Beschreibungen "offen, kommunikativ, humorvoll", die die Trendforschung dem typischen Berufsjugendlichen zuordnet, ersetzte die allgemeine Meinung mittlerweile durch weniger schmeichelhafte Adjektive. Trotzdem sollte man sich nicht täuschen lassen, beruhigt Steinle: "Kommt Jugendlichkeit authentisch rüber, ist das auf jeden Fall ein Pluspunkt." (DER STANDARD/rondo/St. Hilpold/30/05/03)

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