Spaniens Basketballteam lief wie eine sehr gut geölte Maschine und krönte sich erneut zum Europameister gegen bemitleidenswerte Franzosen - Ein Spielbericht
Das Traumfinale im europäischen Basketball war also perfekt. Spanien gegen Frankreich, das ist wie Beluga-Kaviar gegen Alba-Trüffel. Nur das Feinste vom Feinen. Ähnlich wie ein EM-Endspiel im Fußball. Und eine Analogie zur Kickerei ist durchaus angebracht: Mit Ausnahme der USA sind die Spanier eine Weltmacht im Basketball. Und die Franzosen? Ein Team mit allerhöchster Qualität, das trotzdem noch nie reüssieren konnte. Und wie es sich für ein Traumfinale gehört, wurde auch traumhafter Basketball geboten.
Die Franzosen begannen ohne allzu viel Respekt vor den Spaniern, Joakim Noah ließ nach 20 Sekunden das erste Mal die Anzeigentafel aufleuchten, stopfte den Ball nach einem Pass von Boris Diaw mit Nachdruck in den Korb. 2:0 für Frankreich. Spaniens erste Fünf: Pau Gasol, sein Bruder Marc, Juan Carlos Navarro, Rudy Fernandez und Jose Calderon. Für Frankreich gingen fünf NBA-Spieler auf Korbjagd: Noah, Diaw, Pietrus, Batum, Parker.
Ehrfuchtsvoller Name: "La Bomba"
Die ersten fünf Minuten verliefen ausgeglichen wobei vor allem bei der "Seleccion" die Gasol-Brüder erste Ausrufezeichen setzten. Sie gaben ihrem Team eine mächtige Präsenz unter den Körben, waren schier unüberwindbar. Mitte des ersten Viertels lief Jose Calderon heiß, verwandelt zwei Dreier und klebte in der Verteidigung wie eine Klette an Tony Parker - die beiden lieferten sich ein intensives Duell auf der Spielmacher-Position. Parker, der französische General, war der schnellste Spieler am Feld, ließ sich nicht einfangen und antwortete mit neun Punkten in den ersten zehn Minuten. Sein Wille war unbändig, er wollte diesen Sieg gegen den Favoriten so unbedingt. Und es sollte ein erstklassiges Finale sein, das war schon nach dem ersten Viertel klar: 25:20 für Spanien.
Im zweiten Abschnitt folgte die Flugshow von Serge Ibaka, einem Athleten aus dem Bilderbuch. Er nutze seine gewaltige Sprungkraft und blockte fünf Würfe des Gegners. Darunter einen Lay-up von Nando de Colo, bei dem er in der Luft hängend den Kopf einziehen musste, um sich diesen nicht am Brett anzuschlagen. Die Spanier verschärften den Druck in der Verteidigung, bestraften jeden Ballverlust der Franzosen beinhart mit Punkten. Der Mann des Abends zeichnete sich schon ab: Juan Carlos Navarro, den sie in seiner Heimat "la bomba" nennen, hat ein gottgegebenes Basketball-Talent und zeigte dies auch erneut: 15 Punkte erzielte er allein in der ersten Halbzeit. Von der Dreierlinie gnadenlos sicher, beim Zug zum Korb furchtlos und von der Freiwurflinie ohne Nerven. So automatisch wie Menschen Zähne putzen, so wirft Navarro den Ball aus sieben, acht Metern Entfernung den Ball in den Korb. Am Ende kam er auf 27 Punkte und wurde zum Spieler des Turniers gewählt.
Kein Fair-Play
Bei Frankreich scheiterten dann serienweise Nicolas Batum und Tony Parker aus guten Wurfpositionen, Spanien spielte erstmals einen 10-Punkte-Vorsprung heraus - und plötzlich wurde es unschön. Zwei Minuten vor der Halbzeit-Pause riss Rudy Fernandenz Frankreichs Speedy Gonzales (Parker) beim Wurfversuch mit beiden Armen zu Boden. Parker knallte mit dem Kopf auf den Parkettboden, blieb benommen liegen und musste danach kurzzeitig mit einer Platzwunde vom Feld. Eine einfach nur überharte und unfaire Aktion. Mann kann den besten Mann des Gegners mit guter Verteidigung aus dem Spiel nehmen, aber nicht mit brutalen Fouls. Fernandez spielte daraufhin das Unschuldslamm, sehr unsympathisch. Parker konnte gottseidank weitermachen. In die Pause ging es mit 50:41. Der Stand sprach für die Offensivkraft beider Teams.
In der zweiten Hälfte war kurz die Hoffnung für die Equipe zurückgekehrt, Noah und Diaw verkürzten auf 56:49, doch die Spanier waren einfach abgezockt und exekutierten präzise. Navarro lief das Pick n' Roll formidabel, passte auf den abrollenden Marc Gasol in der Mitte und dieser beförderte den Ball wiederum per Bodenpass weiter zum in die Zone schneidenden Pau Gasol, der per krachendem Dunking abschloss. Eins, zwei, drei oder so einfach kann Basketball sein. Drei schnelle Pässe, und die Verteidiung ist ausgehebelt.
Gasol und der Deckel
Ausgerechnet jetzt hatte Frankreich seine größte Schwächephase, in der ersten Hälfte wurden noch 60 Prozent aller Dreier versenkt, im dritten Viertel waren es nur 1/6. Navarro packte hingegen die scharfen Handwechsel aus, dribbelte den Gegner schwindlig und traf aus allen Lagen. Er war aber kein Egomane, bei den Spaniern hatten bis zum Viertelende bereits alle Spieler aus der ersten Fünf zehn oder mehr Punkte erzielt. Ohne Worte, eine Offensiv-Armada die selbst eine sehr starke französische Verteidung einfach überrollte. Gegen einen anderen Gegner hätte es für Frankreich wohl für den Titel gereicht. Stand: 75:62.
Der Schlussakt geriet dann fast zu einer Formalie, der lange Mann Pau Gasol traf aus dem Eck einen Dreier zum 84:68. Das tut ungefähr so weh, wie wenn im Fußball ein Verteidiger sich den Ball schnappt und von hinten bis zum 16er durchdribbelt und das Tor macht. "Der Deckel ist nun also drauf", vermeldete Frank Buschmann, Deutschlands großartiger Basketball-Kommentator auf Sport1. Die Franzosen schmießen leichtfertig Bälle weg, die Spanier waren aber auch hellwach und liefen blitzschnelle Gegenangriffe die zu leichten Punkten in Überzahl führten. Frankreichs langer Lackel Traore wurde nach zwei Minuten zuerst geblockt und dann gestealt, Sada und Fernandez münzten dies in Punkte um. Die letzten Minuten gehörten dann noch einmal Navarro, der nach einer erfolgreichen Freiwurf-Orgie unter großem Applaus eine Minute vor Schluss ausgewechselt wurde.
Spanien krönte sich mit einem 98:85-Sieg erneut verdient zum Europameister, so spielt man Basketball und nicht anders. Frankreich war kein Jausengegner, hätte aber auch mit einer Top-Leistung nicht gewonnen. Es war wohl eine heiße Schlacht am kalten Buffet, die nur einen logischen Sieger haben konnte. (Florian Vetter, 19.9.2011, derStandard.at)