Wandlung der "Europa-Partei"

Wie sich die ÖVP von der EU entfernt

Kommentar der anderen | 18. September 2011, 19:01

Setzt die angebliche "Europa-Partei" neuerdings auf das "Mein Land zuerst"-Prinzip? - Von Friedhelm Frischenschlager

Als "EU-Größenwahn" bezeichnete vor wenigen Tagen Innenministerin Mikl-Leitner das Ansinnen der EU-Kommission, einseitige Wiedereinführungen von Grenzkontrollen im Schengen-Raum durch ein Mitgliedsland künftig wenigstens an einen vorherigen Mehrheitsbeschluss der EU zu knüpfen. Sie erinnern sich an den Anlassfall: Eine populistisch-nationalistische dänische Partei erpresste dies von ihrer Regierung im Tausch für die Zustimmung zu einer Pensionsreform.

Szenenwechsel: Als dieser Tage das Ungarn Viktor Orbáns sich über jedes Recht hinwegsetzte und den Forint-Wechselkurs zum Schweizer Franken einseitig nach nationalem Belieben festsetzte, da folgte zu Recht der europäische, insbesondere österreichische Aufschrei. Das vermittelt übrigens einen Vorgeschmack auf ein Europa, in dem "Mein Land zuerst"-Parteien das Sagen haben. Und im Finanz- und Währungsbereich erleben wir gerade, was es heißt, wenn zwar eine gemeinsame Währung und gutgemeinte Rahmenbedingungen wie Schulden-Obergrenzen etc. vereinbart werden, die entsprechenden Kontrollen und Sanktionen aber von den Mitgliedsstaaten aus kurzsichtigen Einzelinteressen nicht mitbeschlossen werden!

Was so erschreckend ist, dass Spitzenrepräsentanten einer Partei, die seit Mocks Zeiten zu Recht als "Europa"-Partei gelten konnte, immer öfter ins populistische Anti-EU-Fahrwasser abgleiten. So erwiderte zum Beispiel Innenministerin Fekter auf Kritik an ihren gelegentlich seltsamen Migrations- und Asyl-Aussagen mit dem Hinweis: "Das wollen die Wähler halt hören." Oder Landwirtschaftsminister Berlakovich, der wohl auch hinter der Forderung seiner Partei steht, das EU-Budget drastisch zu kürzen, aber bei der Landwirtschaft, seiner Klientel, "den Bergbauern", darf natürlich nichts eingespart werden, obwohl die "Großzügigkeit" der EU ja weitgehend der Nahrungsmittelindustrie zufließt.

Und jetzt Frau Mikl-Leitner mit dem "Größenwahn" der EU-Kommission. Ich kann gar nicht glauben, dass eine Spitzenpolitikerin der Republik so bar jeglichen Verständnisses für die europäische Integration sein kann. Zu Recht haben sich die anderen "Schengen"-Staaten über die einseitige Wiedereinführung der Grenzkontrollen durch die dänische Regierung empört. Denn das Schengen-Abkommen geht nicht nur die einzelnen Staaten an, es ist ein gemeinsamer Vertrag, ein gemeinsames Anliegen, das eben deshalb alle Vertragspartner betrifft!

Natürlich kann vernünftigerweise in einer Notsituation ein Staat Grenzkontrollen vorübergehend einführen. Aber deshalb kann doch nicht jeder Staat mit dem Vertragsinhalt umgehen, wie es ihm gerade opportun erscheint, (wie im Falle Dänemark aus ganz anderen innen- bzw. parteipolitischen Gründen). Dann hätte man es nämlich gleich lassen können.

Derartiges zu erschweren und wenigstens an einen Mehrheitsbeschluss der anderen Vertragspartner zu binden ist eine völlig korrekte Überlegung und kein "Größenwahn der EU". Denn die Kommission ist - nach dem Willen der auch von Österreich unterzeichneten Abkommen - "die Wahrerin der Verträge".

Fast noch erschreckender aber ist der Entsetzensschrei der Innenministerin, das wäre ja "Souveränitätsverlust". Stimmt, die Europäische Union bedeutet Souveränitätsabgabe und ihre gemeinsame Ausübung durch EU-Institutionen, um so gemeinsame Probleme zu bewältigen, die der Einzelstaat heute nicht mehr bewältigen kann. Das ist der Sinn der europäischen Integration. Jetzt "Souveränitätsverlust" zu beklagen, wenn man der einseitigen Aushebelung des Schengen-Vertrages vorbeugen will, heißt Renationalisierungstendenzen Vorschub zu leisten. - Und das ausgerechnet durch eine Ministerin der "Europapartei" ÖVP?

Oder sollte der Innenministerin wirklich nicht klar sein, was auf dem Spiel steht: "Schengen" ist nicht nur die Erleichterung des passlosen Grenzübergangs. Es ist Ausdruck des immensen Fortschritts des wechselseitigen Vertrauens der Europäer/innen, "die Ausländer" eben nicht mehr unter den Generalverdacht des "Sicherheitsrisikos" für das jeweilige "Heimatland" zu stellen. Und es realisiert eines der zentralen Anliegen der europäischen Einigung": Dass wir uns unterschiedslos als Europäer verstehen, die sich auf diesem Kontinent frei bewegen können auf Grundlage ausverhandelter Verträge, die dann auch eingehalten und durch gemeinsame Institutionen kontrolliert werden - statt uns wechselseitig auszusperren wie in der Vergangenheit.

Das alles weiß Frau Mikl-Leitner natürlich (hoffentlich). Und wahrscheinlich wollte sie auch nur ein bisschen daherreden, was "der Wähler" so hören will. Ob sie damit aber nicht leichtfertig das Geschäft derer besorgt, denen die offenen Grenzen an sich ein Gräuel sind? Die Freizügigkeit der Menschen in Europa ist ein zu wichtiges Gut für die Menschen, um zuzulassen, dass man sie schrittweise wieder zerstört. (Friedhelm Frischenschlager, DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2011)

FRIEDHELM FRISCHENSCHLAGER, ehemals Mitgründer des Liberalen Forums (LIF), ist seit 2007 Präsident der Europäischen Föderalistischen Bewegung.

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Arbeiterführer Kuhaltinger
 
00
20.9.2011, 05:46
Ihr werdet

noch staunen, was die EU euch bringen wird.

flohimpelz
03
19.9.2011, 14:41
Humor hat er, die Mikl-Leitner als Spitzenpolitikerin zu bezeichnen

ist schon ein witziger Ansatz, wo doch jeder weiß, dass sie bloß eine dem Pröll hörige Parteimitläuferin ohne eigene Meinung bzw. Rückgrat ist. Somit stellt sie nicht mehr als eine dem Konrad-Raiffeisen-Konzern Diktat unterlegene Marionette dar.

Werner Faygmann
93
19.9.2011, 13:50
Nicht viel mehr...

...wie wenn man sich von der Demokratie entfernt, indem man einen Kriegsverbrecher per Handschlag begrüßt... der Autor war/ist ja part of the game und damit zu ignorieren!

cyprian77
72
19.9.2011, 11:38
Also dass ich hier einmal die unsägliche Mikl-Leitner verteidigen muss

ist irgendwie abstrus....
Dennoch: Man hat gesehen wie die EU selbst mit ihren eigenen Vertragsinhalten umgeht (No bailout-Klausel) und man hat gesehen zu welchen abenteuerlich sinnlosen und ärgerlichen Dingen es kommen kann wenn die EU staatsuebergreifend entscheidet (Gluehbirnenverbot). Die "EU" sollte sich einmal selbst zusammenreissen und das tun was ihre Buerger wollen. Sie hat sich nämlich sehr weit, gefährlich weit, vom Willen der Europäer entfernt.

Ggg14
25
19.9.2011, 13:35

Bitte um Genauigkeit! Wer hat sich über Verträge hinweggesetzt? Weder die Kommission noch das Parlament. Das waren die nationalen Regierungschefs und sonst niemand.

cyprian77
11
19.9.2011, 14:17
...

Das Gluehbirnenverbot ging meines Wissens nach von der Kommission aus, bei den Finanzhilfen ist die Sache schwerer zuzuordnen und geht wohl von EU-Einrichtungen und von Einzelstaaten aus .Immerhin mahnt der Kommissionsvorsitzende Barroso immer wieder - gegen den geltenden Vertrag der eigenen Institution - sich dabei zu beeilen. Nicht alles ist also immer die Schuld der Staatschefs.

ruthwinkler
01
19.9.2011, 15:49
Selbstverständlich ging die Glühbirnengeschichte durchs Parlament, sonst wäre sie nicht beschlossen worden

erst informieren, dann schimpfen...

world-citizen
01
19.9.2011, 11:27
Leider ...........

......... sind Verträge ihr Papier nicht wert, wenn es nicht auch eine Exekutive gibt, die sie notfalls auch durchsetzt:

http://the-worldcitizen.blogspot.com/2011/05/e... zahne.html

Und all jenen, die um die Vielfalt Europas besorgt sind, sei folgendes hinter die Ohren geschrieben:

Vielfalt kann sich nur durch fließende Übergänge (wie etwa beim Regenbogen) entfalten, niemals jedoch durch starre Abgrenzungen. Genau diese Erkenntnis ist die Grundlage des europäischen Gedankens, der auch medial besser kommuniziert werden muß.

Ggg14
01
19.9.2011, 13:37

Das ist ja die Krux. Solange die Regierungschefs den Kommissionspräsidenten vorschlagen, kann es nur durch Zufall starke Persönlichkeiten in diesem Amt geben.

Deshalb: Die defacto Staatlichkeit der EU akzeptieren und die Kommission in europaweiten Wahlen festlegen.

alexander lukacs
13
19.9.2011, 11:10
Dafür habe ich 1994 nicht gestimmt

Ich habe mein "Ja" für ein grenzenloses, zollfreies und zusammenwachsendes Europa gegeben. Sicher nicht für einen aufgeblähten bürokratischen Wasserkopf, aus dem sich alle Mitglieder nur die wirtschaftlichen Rosinen herauspicken (oft zum Schaden anderer), um politisch ihr provinzielles Süppchen weiterzukochen.

Es ist ja nicht nur in Österreich so. Bedient werden jene, denen ein Blick über den Gartenzaun Angst einflößt. Und bedient werden die nationalen Politruks, die Angst haben, ihre Pfründe zu verlieren, wenn es denn eine politische europäische Einheit geben sollte.

Johannes99
00
19.9.2011, 18:29
grenzenlos ist sie ja, diese EU, aber noch nicht ganz funktionell

wenn die Dänen gegen Verträge verstoßen, soll man sie klagen. Im Gegenzug sich aufspielen und handstreichartig alle Kompetenzen (bis auf 5 Tage) an sich reißen zu wollen, ist genauso dumm. Die "grenzenlose" Kriminalität ist nicht gelöst, und die EU tut auch nichts dagegen. Da lässt man die Nationalstaaten wieder im Stich. Momentan haben wir wieder eine ordentliche Zunahme, die Schlagzeilen in drei Monaten können Sie sich ausmalen.

Eireamhon
01
19.9.2011, 10:43
ja - aber

Lieber Friedhelm!
Natürlich muss ein Zusammenwachsen Europas Souveränitäten verschieben. Alles andere wäre widersinnig. Dass konservative Parteien auch gerne am populistischen Klavier spielen, um den rechten Rand abzusichern, ist auch nicht verwunderlich. Nur frage ich mich immer mehr, ob wir die Souverinät wirklich an ein Europa der Völker abgeben, oder doch an ein Europa der Banken und Großindustrie.
Jedenfalls freut mich Dein noch immer aufrechtes Bekenntnis zur Europaidee.
Ein ehemaliger Mitstreiter im LIF.

WirSanWirUndNachUnsKommtLangNix!
14
19.9.2011, 10:21
die ÖVP

stellt mittlerweilen HC an Populismus in den Schatten, noch schlimmer: weit weg von verantwortungsvoller Politik! => Unwählbar!

Zweitgeist
02
19.9.2011, 10:11

auf derselben seite die beiden alarmierenden nachrichten, dass sich sowohl die türkei als auch die övp von der eu entfernen. verwunderlich, dass da noch keiner einen zusammenhang entdeckt hat.

Sidlo
08
19.9.2011, 09:32
ÖvP ist selbstverständlich nur solange Europapartei

solange das ÖVP Klientel etwas davon hat, also solange die Exporteure exportieren und diese auf uneinbringlichen Schulden basierenden Exporte von Steuern finanziert werden die das ÖvP Klientel nicht treffen. Eh völlig klar!

zimbo
 
10
19.9.2011, 09:22
Diese Falschheit und Heuchelei zeigt, dass es das Volk begriffen hat.

powerpack
41
19.9.2011, 09:03

wäre zu wünschen, dass auch die sogenannte "europapartei" övp endlich erkennt was diese gemeinschaft gebracht hat und wo sie uns noch hinführen könnte.

immerhin sind in europa keine stimmen zu holen, sondern in österreich, und die österreichischen bürger haben längst überrissen (sowie die meisten anderen in den europäischen ländern), wohin wir steuern.

der grund für den schwenk der vp könnte jedoch sein, dass inzwischen wohl auch gewisse wirtschaftskreise erkannt haben, dass die eu europa in die falsche richtung treibt, und am ende auch die heimische wirtschaft zerstören könnte.

i did it 4 the lulz
65
19.9.2011, 08:50
Na hallo ... wen haben wir denn da? den Hr. Frischenschlager??

Für alle, die nicht mit dem Segen einer frühen Geburt belegt sind ... zum nachlesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Frie... enschlager

IMHO: einer der ganz liberalen Händeschüttler ... egal wer da kam Mitte der 1980er Jahre - die Hand wurde mal geschüttelt und erst im Nachhinein überlegt, warum das nun ne gute Sache war.

Auch wenn es sich um ehemaligen NS Verbrecher handelte - in diesem Falle 1985 Walter Reder: verantwortlich für eines der schlimmsten Massaker der Nazis in Italien.

Und nun - 2011 - dürfen wir uns von ihm weise Worte anhören ... im Standard *muahahaha*.

ganzsichernicht
 
13
19.9.2011, 07:59
...die idee, europas länder ohne gemeinsamer steuerpolitik und finanzregeln, den euro "überzustülpen"....

...war von anfang an unfug, das kann auf "dauer" nicht gutgehen...die völker einer "zwangsanpassung " an die leitwölfe deutschland und frankreich anzupassen, k a n n nicht funktionieren. davor haben auch seinerzeit sehr schlaue beobachter gewarnt, der "social crash" ist eine frage der zeit. meiner meinung nach alles(!!) kalkül um der "neuen weltordnung" vortrieb zu leisten... der ausdruck "new world order" wird oft verrückten weltverschwörungtheoretikern zugerechnet, jedoch: der ist im politischen tagesgeschäft üblich. gestern wieder gehört bei " im zentrum" aus dem mund eines deutschen cdu-europaparlamentsabgeordneten....

Keyser
110
19.9.2011, 07:56

Nein, die ÖVP setzt garantiert nicht auf "Mein Land Zuerst," da fehlt der Vorsatz für diese Gesinnung. Es geht denen einzig um "Meine Geldbörse, mein Bankkonto, meine Privilegien Zuerst." Am Land selbst, und den Menschen - die diesen unerträglichen Mist ertragen müssen, liegt denen so wenig wie allen anderen Parteien.

Selbständiger
33
19.9.2011, 07:39
Nur die ÖVP.

Griechenland betrügt alle anderen EU-Staaten
Ungarn enteignet EU-Partner
Finnland handelt sich Sonderkonditionen aus
Großbritannien zahlt weniger ein
Deutschland und Frankreich lassen sich ihre Bankster retten
Alle brechen die Maastricht- und Lissabon-Verträge
Alle pfeifen auf die vertragliche Unabhängigkeit der EZB

Eine Europäische Union der größten Vertrags- und Gesetzesbrecher. Auch diese hirnlosen Vertreter kennen nur eine einzige Lösung für alles, Schulden machen und Steuern erfinden

Je weiter man sich von solch einer Union entfernt, desto besser. Man wacht mit Flöhen auf, wenn man sich mit räudigen Kötern ins Bett legt.

le chat botté
13
19.9.2011, 10:07

Sie haben ganz richtig erkannt, dass das Problem nicht "die EU" ist sondern die EU-Mitgliedsstaaten und deren Haltung.

Jepedaia Springfield
34
19.9.2011, 07:32
Wie sich die ÖVP von der EU entfernt

es ist eher umgekehrt die EU entfernt sich von den Bürgern!

Titus Petronius
12
19.9.2011, 04:20
Danke, dass sich das mal wer sagen traut!

Diese Kritik ist berechtigt und die Angesprochenen sollten sie sich zu Herzen nehmen.

Die ÖVP ist die Europa-Partei in Österreich und das ist auch gut so. Nicht, dass es nichts an der EU zu kritisieren gäbe, aber ein Europa der Nationalisten wäre viel viel schlimmer.

site:°~+*-||!#.\>
510
19.9.2011, 01:21

Frischenschlager, FPÖ-Verteidigungsminister von 1983 bis 1986 trug mit seinem Empfang eines NS-Kriegsverbrechers am Flughafen mit Handschlag im Jahr 1985 zu einem der größten innenpolitischen Skandale der 1980er Jahre bei, der letztlich mit zum Aufstieg von Jörg Haider zum Parteichef der FPÖ im Jahr 86 führte.

Als ehemals liberaler FPÖler diente dann Frischenschlager seinem neuen deutschnationalen Chef Jörg Haider von 86-96 brav als FPÖ-Klubobmann, und trug damit erneut wesentlich zum Aufstieg von Deutschnationalen und Rechtsextremen bei.

Unfassbar, dass so einem charakterlosen Opportunisten, der die Rechtsextremen salonfähig machte, und der heute Lobbying für die EU betreibt, im Standard eine Plattform geboten wird.

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