Teilnehmen werden sie nicht an der Reise von Benedikt XVI. nach Berlin, sie packen aber seine Koffer: Loredana, Rosella, Carmela und Cristina führen den Haushalt des Kirchenoberhaupts - mit höchster Diskretion
Über den Papst könnten sie viel erzählen. Sind sie doch die Einzigen,
die sich täglich in seiner Wohnung aufhalten und mit ihm essen. Dass
keine Zeitung jemals versucht hat, ihnen Geheimnisse aus den
damastbespannten Gemächern zu entlocken, liegt an der Aussichtslosigkeit
des Unterfangens. Für Loredana, Rossella, Carmela und Cristina gehört
Diskretion zu den unverzichtbaren Prinzipien.
Die vier verschwiegenen Frauen, die den Haushalt des Papstes im dritten
Stock des Apostolischen Palasts führen, meiden jede Öffentlichkeit. Auf
einem seltenen Foto sieht man sie bei einer Zeremonie schwarz gekleidet
direkt hinter Benedikt XVI. Sie tragen kein Ordensgewand, sondern
gehören der Laienorganisation Memores Domini an. Seit 2005 ersetzen sie
die polnischen Klosterfrauen, die den Haushalt seines Vorgängers
besorgten.
Die rundum erneuerte Küche in der päpstlichen Wohnung ist Loredanas
Reich. Dort bereitet sie die täglichen Nudelgerichte für das
Kirchenoberhaupt zu. Nur ab und zu gibt es Pizza. Das Gemüse kommt aus
dem 55-Hektar-Landbesitz der Sommerresidenz in Castelgandolfo, in deren
abgeschiedener Natur Benedikt XVI. sich zwischendurch auch ein Picknick
gönnt. Den Rest besorgt Loredana im vatikanischen Supermarkt, in dem
Kunden einen eigenen Ausweis benötigen. Carmela ist für den Nachtisch
zuständig, vor allem für den von Ratzinger geliebten Apfelstrudel. Sie
kümmert sich um das Schlaf- und Arbeitszimmer des Heiligen Vaters und um
seine Garderobe.
Cristina erledigt Sekretariatsarbeiten und hält den wichtigsten Raum der
Papstwohnung in Ordnung: die von Paul VI. errichtete Privatkapelle.
Rossella arbeitete bis vor kurzem als Sozialassistentin im kleinen
lombardischen Ort Soresina. Sie wurde in den Vatikan berufen, als ihre
Vorgängerin Emanuela Opfer eines Autounfalls wurde. Sie kümmert sich um
die Vorratsräume und die Zimmer der zwei Sekretäre Georg Gänswein und
Alfred Xuereb.
Dienstbeginn in der Kapelle
Für die vier Frauen, die eine Etage über dem Papst wohnen, beginnt der
Arbeitstag um sieben Uhr mit der Frühmesse Benedikts in der
Privatkapelle. Um 13.15 Uhr trifft sich die famiglia pontificia zum
Mittagessen, nach der Mittagsruhe und einem Rosenkranz in den
vatikanischen Gärten kehrt der Papst an den Schreibtisch zurück. Um 19.
30 Uhr beginnt das gemeinsame Abendessen, anschließend sieht sich
Benedikt meistens die Tagesschau auf RAI 1 an.
In dem Band Licht der Welt erwähnt der Papst, wie viel ihm das
Zusammenleben mit seiner "Familie" bedeutet. Bei den gemeinsamen
Mahlzeiten mit seinen Haushälterinnen und Sekretären könne er sich gut
entspannen. Man feiere persönliche Feste und Weihnachten zusammen,
höre Musik, tausche Geschenke aus und schaue sich zwischendurch
gemeinsam eine DVD an. Joseph Ratzingers Lieblingsfilm: die
Schwarz-Weiß-Version von Don Camillo und Peppone. (Gerhard Mumelter aus Rom, STANDARD-Printausgabe, 19.9.2011)