"194 - die Zahl von Palästina"

Reportage18. September 2011, 18:41
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Im Westjordanland fiebern die Palästinenser dem Moment entgegen, in dem die Staatengemeinschaft über ihre Mitgliedschaft bei der Uno entscheidet. Die Warnungen vor neuer Gewalt seien reine Panikmache.

In Ramallah ist 194 jetzt eine magische Zahl, die ständig und überall beschworen wird: auf kleinen Wimpeln und riesigen Plakaten, in Interviews und in den Parolen, die man auf Demonstrationen ruft. Gemeint ist damit, dass Palästina der 194. Staat in der Uno werden soll. "Wir wenden uns an den Sicherheitsrat", hat Präsident Mahmud Abbas in einer Rede am Freitag erklärt und damit offiziell bestätigt, dass die Palästinenser tatsächlich die Vollmitgliedschaft anstreben wollen.

194 ist zudem auch die Nummer einer UN-Resolution aus dem Jahr 1948, aus der die Palästinenser das Rückkehrrecht ihrer Flüchtlinge ableiten. "Ich hoffe, die Staaten der Welt werden Abbas helfen und sagen, wir brauchen Palästina als 194. Staat", sagt der Taxifahrer Karim Romene, der beim El-Manara-Platz an seinem weißen Toyota lehnt.

"Eine andere Welt"

Im Zentrum von Ramallah hat man durchaus das Gefühl, in einem normalen Staat zu sein. Das friedliche Chaos auf den Fahrbahnen scheint die paar verschlafenen palästinensischen Polizisten zwar kaum zu kümmern, aber Telefonieren am Steuer werde jetzt streng bestraft, erzählen die Einheimischen mit einem gewissen Stolz: "Die ganze Verwaltung läuft jetzt - vor fünf Jahren war das noch eine andere Welt."

Zu verdanken sei das Premierminister Salem Fayad, der still, aber systematisch die Institutionen des künftigen Staats aufgebaut hat. Überall wird auch physisch gebaut, fast fertig ist zum Beispiel der rund 20-stöckige "Palestine Tower" - "dort oben wird das erste sich drehende Restaurant in Palästina sein". Unten in der Geschäftsstraße el-Ersal schmücken jetzt grüne Sträucher den Mittelstreifen, und beim Optiker finden sich auch Luxusmarken wie Prada, Ray Ban und Swarovski.

Keine Spur von Luxus gibt es weiter südlich an der Straße zum Checkpoint Kalandia, der Ramallah von Jerusalem trennt. Über die zerklüftete Fahrbahn an den Müllhaufen vorbei ziehen einige hundert Demonstranten auf ein Spalier von rund 40 israelischen Soldaten zu, die ihnen den Weg versperren. "194 - die Zahl von Palästina", skandiert der Sprechchor.

"Wir ändern jetzt unsere Strategie, und das wird Israel isolieren", sagt die Frauenaktivistin Amal Hreische. "Wir übergeben die palästinensische Sache der internationalen Gemeinschaft nach 18 Jahren von unsinnigen Verhandlungen, die zu mehr Unterdrückung und mehr Siedlungen geführt haben."

Zuletzt hatte es geheißen, die palästinensische Polizei würde Aufmärsche nur in den Stadtzentren zulassen, um Reibereien zu vermeiden, aber jetzt stehen die schreienden Demonstranten über lange Minuten Nase an Nase mit den Israelis, die sich nicht bewegen und auch nicht reagieren, als später ein paar Steine fliegen.

Trotzdem glaubt Mustafa Barghouti, dass "die israelische Seite uns in die Gewalt hineinziehen will". Die Vorbereitungen für den Fall, dass Massendemonstrationen sich zu blutigen Zusammenstößen aufschaukeln, seien bloß Panikmache, sagt der unabhängige Abgeordnete, ein früherer Präsidentschaftskandidat, "wir bestehen darauf, dass jede palästinensische Bewegung gewaltfrei ist".

Den UN-Vorstoß von Abbas unterstützt Barghouti als "letzte Chance für die Zwei-Staaten-Lösung". Sofortige konkrete Ergebnisse erwartet aber auch er nicht, und manche Palästinenser befürchten sogar einen Rückschlag. Abbas "wird von der UNO gar nichts bekommen, und es wird bloß Probleme geben, eine dritte Intifada", sagt der Schmuckhändler Mohammed Abu Sakr, "also wir sollten dort gar nicht hingehen".

Um ein steiniges Gelände bei der Mukataa, dem Präsidentensitz, sind indessen auf etwas schäbigen braunen Holzlatten die Flaggen jener Länder aufgezogen, die den Staat Palästina schon anerkannt haben - 123 sollen es bisher sein. Unordentlich auf dem Boden aufgestapelt sind weitere Latten und Flaggen vorbereitet, auch die österreichische lugt hervor. Und daneben gibt ein Schild die politische Marschrichtung vor: "Jerusalem 14,63 km". (DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2011)

  • "Frauen fordern: Ein unabhängiges Palästina" prangt auf dem Plakat 
dieser 
Palästinenserin, die am Checkpoint Kalandia demonstriert. Im Hintergrund
 
beobachten israelische Soldaten die Demo.
    foto: reuters/ammar awad

    "Frauen fordern: Ein unabhängiges Palästina" prangt auf dem Plakat dieser Palästinenserin, die am Checkpoint Kalandia demonstriert. Im Hintergrund beobachten israelische Soldaten die Demo.

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    foto: reuters/ammar awad
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