Ankara erneuert Drohung: Wir frieren die Beziehungen zur EU ein
Istanbul/Nikosia - Es trägt den Namen "Aphrodite", doch das Gasfeld von
Block 12 vor der Küste Zyperns ist alles andere als eine Botschaft der
Liebe. Seit dem Wochenende steht die Bohrinsel des US-Konzerns Noble
bereit, ebenso aber auch die türkische Kriegsmarine.
Aus der Entfernung beobachteten die Türken, wie die Bohrinsel von einem
benachbarten Gasfeld in israelischen Gewässern zu "Aphrodite" bugsiert
wurde. 17 türkische Kriegsschiffe hatte das zypriotische Staatsfernsehen
zuvor gezählt - darunter Fregatten und Torpedoboote -, die länger
geplante Manöver zwischen Rhodos und der weit vor der türkischen Küste
vorgelagerten Insel Kastelorizo abgehalten hatten.
Außenminister Ahmet Davutoglu nannte vergangenen Samstag Bohrungen ohne
Beteiligung der nur von der Türkei anerkannten Türkischen Republik
Nordzypern eine "Provokation". Die Türkei werden keine "vollendeten
Tatsachen" akzeptieren.
Offene Drohungen mit militärischer Gewalt gegen Zypern wie in den
vergangenen zwei Wochen vermied die türkische Führung aber. Davutoglu
bekräftigte dafür in seiner Heimatprovinz Konya, die türkische Regierung
werde als Antwort auf die Gasbohrungen ihrerseits gemeinsam mit der
türkisch-zyprischen Seite Gasfelder vor der Küste untersuchen und ein
Abkommen über den Verlauf der Seegrenze und des türkischen
Kontinentalsockels bei Zypern schließen.
Politische Beobachter sehen in der Konfrontation um die Ausbeutung des
Erdgases einen weiteren Schritt hin zum endgültigen Aus der
innerzyprischen Verhandlungen über ein Ende der Teilung auf der Insel.
Die Vereinten Nationen, die auf ein Verhandlungsergebnis zwischen
Griechen und Türken auf Zypern drängen, stellten sich dieses Mal auf die
Seite Ankaras: Energievorkommen - sofern sie entdeckt würden - sollten
allen Zyprern zugutekommen, Griechen wie Türken, im Rahmen eines
vereinten föderalen Staates, erklärte Lisa Buttenheim, die
Sondergesandte des UN-Generalsekretärs für Zypern.
Der Streit um "Aphrodite" belastet auch das Verhältnis der EU zum
Beitrittskandidaten Türkei. Der türkische Vizepremier Besir Atalas
wiederholte am Wochenende nach seiner Rückkehr von Nordzypern eine
frühere Ankündigung von Regierungschef Tayyip Erdogan und Außenminister
Davutoglu, der zufolge Ankara seine Beziehungen zur EU "einfriert",
sollte die Republik Zypern wie geplant in der zweiten Hälfte 2012 die
EU-Ratspräsidentschaft übernehmen, ohne dass es Ergebnisse bei den
Verhandlungen mit den türkischen Zyprern gäbe.
2008 hatten türkische Kriegsschiffe bereits einmal den Abbruch von
Untersuchungen des Gasfelds im Block 12 erzwungen. Jetzt soll der
Noble-Konzern gemeinsam mit zwei israelischen Gesellschaften bohren.
Zehn Billionen Kubikmeter Gas werden dort vermutet, so gab Solon
Kassinis an, Energie-Direktor im Handelsministerium in Nikosia. Zyperns
Finanzprobleme wären wohl mit einem Mal erledigt. (Markus Bernath, STANDARD-Printausgabe, 19.9.2011)