Die neuen Jagdreviere bürgerlicher Verkommenheit

Kommentar der anderen | 16. September 2011, 19:29

Der Zustand der ÖVP als Symptom des Verfalls - Von Reinhold Knoll

In seiner parlamentarischen Rede hat Peter Pilz eindrucksvoll den Konkurs politischer Ethik skizziert. Und es wäre nicht Österreich, gäbe es dazu nicht die Groteske: Das Zentrum der Absprachen war/ist die Jägerstube im Keller eines Bankgebäudes in der Wiener Innenstadt. So scheint es zwei Arten von Jagdscheinen zu geben: einen fürs Rotwild und einen für die Pirsch nach Geld.

Mit der Ökonomisierung aller politischen Bereiche sind die damit verbundenen kriminellen Phänomene proportional gestiegen. Der deutsche Strafrechtler Jürgen Albrecht formulierte daher bereits 2002: "Die Folge (sind) endlos lange Ermittlungen, welche die Behörden binden und zermürben und im Ergebnis nicht selten die ihnen zur Verfügung stehenden personellen und sachlichen Kapazitäten schlichtweg überforderten." Das Versäumnis, auf politischer Ebene in Österreich, dennoch nicht rechtzeitig gehandelt zu haben, sieht wie die Beihilfe zu Malversationen aus.

Zur Wirtschaftskrise, die adäquate Delikte begünstigte, gesellt sich die Krise der Politik. Und diese trifft konservative Parteien an jenem Standbein, an dem sie sich mittels Wertkonservativismus regelmäßig aufrichteten. In der politischen Praxis hat diese denkbar schwache Erfindung von "Gesinnung" jeden Inhalt verloren und scheint die individuellen Interessen von ethischen Normen entbunden zu haben. Die Frage ist nicht zu beantworten, wofür etwa die Volkspartei noch einsteht, da all jene konservativen Traditionen auf der Strecke geblieben sind, die in jedem Geschichtsbuch nachzulesen wären: entschieden gegen Kapitalismus, gegen Wirtschaftsliberalismus und weltanschauliche Indifferenz zu sein.

Die ÖVP hat sich Schritt für Schritt von ihrer eigenen Geschichte losgelöst: Die Euphorie für Privatisierung widerspricht dem Konzept der Kommunalpolitik unter Karl Lueger; die Individualisierung als Freiheit zu interpretieren widerspricht dem Entwurf zur Solidarität nach Karl von Vogelsang - ob man "den" wohl in der ÖVP noch kennt? -, und die ohnehin schöngefärbten Kopien christlicher Soziallehre fielen offenbar in die Hände ignoranter "Heiden" .

So sind die politischen Inhalte dieser Partei nicht einmal mehr für Sonntagsreden zu gebrauchen. Sie hat sich über Jahre selbst belogen. Daher ist ihre Selbstabschaffung in Wien nur der konsequente Ablauf eines tiefen Falls. Und was bleibt den verbliebenen Getreuen? Wünschen sie sich einen politischen Transformationsprozess? Und wohin soll sie dieser führen? Zu befürchten ist, dass sich die Summe der Wunschbilder in Richtung eines Systems "Berlusconi-Orbán" bewegt. Da wäre ja dann wieder alles erlaubt, was wir jetzt verbieten wollen ... (Reinhold Knoll, DER STANDARD; Printausgabe, 17./18.9.2011)

 

REINHOLD KNOLL, Jg. 1941, ist Soziologe an der Uni Wien; sein Vater, August Maria Knoll (1900-1963), zählte in den Zwischen- und Nachkriegsjahren zu den führenden geistigen Wegbereitern der katholischen Sozialreform.

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W s
10
17.11.2011, 12:11
Rene Meisel
01
18.9.2011, 16:30
ÖVP vs. Kapitalismus?

"...all jene konservativen Traditionen auf der Strecke geblieben sind, die in jedem Geschichtsbuch nachzulesen wären: entschieden gegen Kapitalismus, gegen Wirtschaftsliberalismus ..."

Mit Verlaub Hr. Knoll,das ist mir,der ich das polit. Geschehen in Ö bewußt seit den 70ern beobachte,etwas völlig Neues:die ÖVP "entschieden gegen Kapitalismus"-das können sie doch nicht im ernst behaupten...

Kontra
12
18.9.2011, 15:04
Falsche Kritik an einer allerdings zu kritisierenden OVP

Wahr ist: Die Richtungslosigkeit, wahr ist auch, dass man korrupten Machenschaften wie die vom Strasser und Grasser nicht mit offensiver Aufklärung begegnet ist.
Falsch ist, dass Wirtschaftsliberalismus mit den Postulaten nach Privatisierung und Liberalisierung per se in Opposition zu eine sozialen Gesinnung steht. Sie sind eine Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung um sich auch in Zukunft einen starken Sozialstaat leisten zu können. Griechenland sollte uns hier die beste Lehre sein wohin die Negierung des globalen Umfeldes führt. Also mal sicher nicht zu einem starken Sozialstaat.

Christian Eder
02
18.9.2011, 14:54
"ÖVP"

Öde voller Planlosigkeit.

Hörmen Maia
01
18.9.2011, 14:03
... und unter Schüssel hat die ÖVP das hehre österr. Beamtensystem umgebracht.

Für was steht die ÖVP überhaupt noch?

Otto Motor
14
18.9.2011, 13:18

ein konservativer geht nicht in die politik, weil er beseelt von hehren ideen ist (mehr soziale gerechtigkeit, verbesserung der situation von arbeitern, gegen kriegstreiberei, umweltschutz o.ä.) sondern einzig aus einem motiv: 'wo is mei vurteil?'
dafür wird alles missbraucht: die demokratie, das vertrauen der wähler, das christentum......

Roter Baron
04
18.9.2011, 09:08
>Die ÖVP hat sich Schritt für Schritt von ihrer eigenen Geschichte losgelöst:<

in der tat
nach der wende, die sich um die eigene achse drehte,
vom ursprungbauer schüssel,
bleibt nur mehr der wahre kern
die bürgerliche verkommen- und verlogenheit.

roter baron

Kremser
40
18.9.2011, 11:12

wie meinen?
die wahre verkommenheit der övp besteht darin dass sie linke gesellschaftspolitik betreib t!

Archi
01
18.9.2011, 18:23
linke gesellschaftspolitik?!?!?

hihihihihi, der war echt gut! wohl beim frühschoppen ein bisschen zu stark zugelangt, hmmm???

Rene Meisel
00
18.9.2011, 15:40
1(!)Gläschen Wein...

...ist gesund,mehrere schädigen u.a.das Denkorgan,sie "Kremser"!
(linkslastige ÖVP???gehts noch??!!)

Kremser
00
18.9.2011, 19:07

unter einem övp-finanzminister wurde der alleinverdienerabsetzbetrag abgeschafft. ist das keine linke gesellschaftspolitk?

3ch0
04
18.9.2011, 03:01

Die ÖVP hat sich zum Ziel gesetzt, der Übernahme der Gesellschaft durch mafiös verstrickte Kreise nicht tatenlos beizuwohnen: sie hält die Hände weit auf, um politisch behilflich zu sein, den Bürger aus dem Weg zu räumen, während Verbrecher ihr schmutziges Geld über Börsen und Industrieprivatisierungen waschen, kriminell reinvestieren (Drogen, Menschenhandel, Waffen,..) und nach und nach dem ehemaligen Sozialstaat die Luft rauslassen - soweit können wir das auch beobachten!

Was wir nicht sehen: diese "Verkommenheit" ist nicht neu erfunden; sie wird in den erzkonservativen Familien und Bünden seit jeher tradiert, weshalb die Sache wohl auf einen richtigen "Klassenkampf" hinauslaufen wird... man darf gespannt sein!

Sarah L.
 
123
17.9.2011, 22:14

die övp hat ihre werte nicht verloren. sie sind heute noch so, wie sie immer waren. was sie verloren hat, ist die dazu passende staatsform.

jacques05
04
18.9.2011, 13:09
ha, ha, sehr gut...

aber ich glaube auch, dass bis vor gar ned allzulanger zeit schon noch halbwegs ehrenhafte bürger in dieser partei eine heimat fanden.
aus diesen und jenen gründen.
aber es stimmt schon, in der grundstruktur und in den ansichten, vor allem der bünde, hat sich diese partei seit dem austrofaschismus nicht geändert.
das haben aber viele vp wähler verdrängt.
heute kommt der wahre kern dieser partei aber ungeschminkt zu tage.

Karl Heiden1
01
17.9.2011, 21:59
Ob den ignoranten "Heiden" Leo XIII heute noch etwas zu sagen hat?

Pierre d´Aubusson
13
18.9.2011, 00:16
120 Jahre danach?

Der elfte Pius wird der ÖVP auch nix sagen. Da sinds nur 80 Jahre.
Mir würds ja schon genügen, a bissl mehr "Ständestaat mit Gewerkschaftsbeteiligung" zu haben. Man wird bescheiden.

Karl Heiden1
01
18.9.2011, 12:23

Stimmt! Mit "Quadragesimo anno" kann die ÖVP auch nix anfangen. Verwechselt es wahrscheinlich mit dem "Annus horribilis" der Queen ...

Titus Petronius
00
18.9.2011, 18:38

Obwohl eine Entproletarisierung so dringend notwendig wär...

systemfehler1
09
17.9.2011, 21:30
Die ÖVP ist eine

reine Bünde- und Lobbyistenpartei und von christlichen Grundsätzen soweit entfern wie der Südpol vom Äquator. Mit dem Schuß Neoaustr0fashixxmus den sie sich in den letzten jahren verpaßt hat, wird´s auch Zeit, dass sie auf die Größe schrumpft, die ihr zusteht: 8-10%.
Aber ob´s dass hier spielt und wem´s nützt?
Ich hoffe und appeliere an die Vernunft der Wähler.

Benjamin Klein
12
17.9.2011, 21:15
#dank, Herr Knoll, Danke,

dass Sie die
CHRISTLICHE-SOZIALLEHRE wieder in die Diskussion einbringen !

Wie kann eine ÖVP, deren Funktionäre gar nicht mehr CHRISTEN sind,
solche Werte vertreten und solche Ziele verfolgen ?

Danke

jacques05
11
18.9.2011, 13:13
lieber benjamin...

ein wahrer christ, oder einer der einer sein wollte, hätte niemals die övp wählen können.
ein christ kennt nur eine partei und die heißt gott.
und von gott war und ist die övp so weit entfernt wie satan himself.

Curd Hombre
05
17.9.2011, 18:04
Die Zukunft der ÖVP.....

...steht offensichtlich diametral zur Zukunft von Gesamtösterreich!

Für irgendjemand reicht das Geld nicht!

Fekter bitte schleich dich aber nachhaltig
26
17.9.2011, 17:25
Vielen Dank Herr Knoll

für diese Klare Analyse!

didi111
01
17.9.2011, 15:25
Herrlich zu lesen....

http://www.profil.at/articles/... tungsschau

Aus dem prallen Leben der Leistungsträger....

Pierre d´Aubusson
00
18.9.2011, 00:22
Bei sowas fällt mir immer ein,

daß man zur Überprüfung der Leistung mancher Leistungsträger vielleicht deren Erblasser exhumieren sollte? Die neuen Methoden der Gerichtsmedizin könnten vielleicht frischen Wind in so manche Umvertheilungsdebatte bringen?

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