Vermögenssteuer

Enteignen? Ja, natürlich!

Kommentar der anderen | Georg Herrnstadt, 16. September 2011, 19:17
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    foto: standard/cremer

    Was haben die Sorgen von Millionären wie Haselsteiner oder Warren Buffett mit Peter-Alexander-Filmen zu tun? Wie kommt es, dass die Argumente vieler linker Kritiker immer noch wie Textfragmente aus der "Proletenpassion" klingen, während sich gleichzeitig konservative Denker zunehmend der Position der "Linken" annähern?

Ein Plädoyer für radikale Umverteilung - Von Georg Herrnstadt

"Vermögenssteuern haben mit Gerechtigkeit nichts zu tun und sind eine Enteignung." (Bernhard Felderer im Standard vom 14. 9.)

Wenn Wirtschaftsforscher nicht ökonomisch sondern kastenpolitisch argumentieren, kommen sie gerne mit Keulen oder "Huchworten" daher. Enteignung ist so ein Schreckenswort und auch Doppelbesteuerung.

Jede Steuer ist prima vista eine Enteignung! Die Verschleuderung von Bundeswohnungen und der Austria Tabakregie unter dem realen Wert war auch eine Enteignung. Die zukünftige Kündigung von 20.000 griechischen Staatsbeamten ist es ebenfalls. Lohn- und Pensionskürzungen, Steuererhöhungen, gesteuerte Inflation gleichfalls. Auch Geldbußen und Strafen. Wohin man blickt: Enteignungen!

Über die vielfältigen Formen der Aneignung - im Wechselspiel mit Enteignung - höre ich in der politisch-philosophischen Debatte wenig. Das daraus entstehende Eigentum und seine Erscheinungsformen und seine Weitergabe werden überhaupt nicht mehr in Frage gestellt. Noch vor 200 Jahren schrieb Hegel, dass es nicht die Aufgabe des Staates sei, das private Eigentum zu schützen. Wie übrigens das lateinische Wort "privat" - auf Deutsch "beraubt" - schon einen Hinweis auf die Entstehung manchen Eigentums gibt.

Wie dumm das auf Steuern bezogene Gerede von Enteignung allerdings ist, kann bei einiger Denkleistung schnell einleuchten. Wenn der Millionär Haselsteiner für sein, wie er selbst sagt "unverschämt hohes Einkommen unverschämt hohe Steuern" zu zahlen bereit ist, und zwar freiwillig, so könnte man seine Steuerleistung als Geschenk bezeichnen. Oder als eine Spende an sozial Schwächere. Keinesfalls ist es dann eine Enteignung im herkömmlichen Sinn - allenfalls eine Umeignung.

Herr Haselsteiner ist aber offensichtlich nicht nur altruistisch gut, er ist auch Utilitarist. Er hofft, so sagt er es auch, sich mit seinen Steuerabgaben sozialen Frieden in Österreich zu erkaufen. Denn dieser ist mehr und mehr gefährdet, je ungleicher die Einkommen und damit die Lebenschancen der Menschen verteilt sind. Nun verwandelt sich seine Steuerleistung flugs von einer Spende in einen Kaufpreis oder in eine Anzahlung und ist dann Teil eines "Geschäftes". Es werden dann Äquivalente getauscht. Für meine Steuern erhalte ich etwa Gesundheit, Bildung, Sicherheit. Gut so.

Es ist ersichtlich, wenn Geld oder Vermögen den Eigentümer wechselt muss man den Willen und die Motive der am Wechsel Beteiligten und das System des Enteignens und Aneignens analysieren. Eingebettet sind diese privaten Wechselbeziehungen in allgemeine gesellschaftliche Verhältnisse, die etwa auch durch Gesetze kodifiziert und (hoffentlich) allgemein akzeptiert sind.

Als ich unlängst (zu) schnell durch Horn fuhr, fiel ich einer Enteignung von 60 Euro durch die Bezirkshauptmannschaft anheim. Herr Felderer, was sagen sie dazu?

Der nächste Kampfbegriff ist die Doppelbesteuerung. Er wird schon bei der leisesten Erwähnung von Erbschaft- und Substanzbesteuerung in Stellung gebracht. Die rechtsphilosophische Frage "Warum nicht doppelt besteuern?" lasse ich beiseite. Auch die wichtige Unterscheidung von Steuersubjekt und Steuerobjekt möchte ich nur andeuten. Es wird bei einer Erbschaft der/die neue Eigentümerin nicht doppelt besteuert.

Die Verlogenheit aber jener Personen, die gegen die Doppelbesteuerung wettern, erkennt man daran, dass diese gegen die 20 Prozent Mehrwert- oder Umsatzsteuer plus Verbrauchersteuern noch nie ein Wort verloren haben, obwohl hier die Verwendung von bereits versteuertem Einkommen neuerlich besteuert wird. Diese deutlich ungerechte, weil nicht progressive Steuer macht mehr als ein Drittel des gesamten österreichischen Steuer- und Abgabenaufkommens aus. Und wird übrigens von allen bezahlt, auch von jenen, die, weil sie für ein beschämend niedriges Salär schuften müssen, von der Lohnsteuer befreit sind.

Die Umverteilungsdebatte wird von der SPÖ, wenn überhaupt, fast ausschließlich unter dem Gerechtigkeitsaspekt geführt. Im Vordergrund steht manchmal auch die Demokratiegefährdung in Krisenzeiten. Rechte Populisten werden leichtes Spiel haben, die wutgetränkte Apathie breiter, extrem enttäuschter und gedemütigter Schichten in Wahlerfolge umzumünzen. Bedrohlicher politischer Aktionismus kann die Folge sein.

Beide Gesichtpunkte haben ihre Berechtigung, aber über die handfesten ökonomischen Gründe wird zu wenig oder oft in unverständlichen Verklausulierungen gesprochen. Auch ÖGB Chef Foglar sagt: "Kaufkraftverluste müssen wettgemacht werden." Warum fordert er nicht endlich: "Niedrige und mittlere Löhne und Einkommen müssen unbedingt deutlich steigen"?

Die derzeit bestehende, exorbitante Ungleichverteilung bei Einkommen und Vermögen war die wesentliche Ursache für die letzte große Krise und wird zu weiteren ökonomischen Katastrophen führen, weil sie bewirkt, dass der Massenkonsum einbricht und die sehr Reichen ihr Vermögen weder "verkonsumieren" können noch vernünftigerweise in die schrumpfende Realwirtschaft investieren. Die Folgen kennen wir: Ungeheure Geldmengen auf den Banken und in der Finanzspekulation.

Enteignungsmaßnahmen unerhörten Ausmaßes haben übrigens die USA während und nach dem zweiten Weltkrieg zur wirtschaftlichen Großmacht werden lassen und zu einer gerechten Gesellschaft - ein geachteter Status, den sie im Begriffe ist zu verlieren. Diese Enteignungsmaßnahmen gingen unter dem Begriff des New Deal in die Geschichte ein:

Der Spitzensteuersatz stieg von 24 auf 79 Prozent, noch Eisenhower erhöhte sie nach dem Krieg auf 91 Prozent. Die Unternehmensteuer, die im Krisenjahr 1933 noch 14 Prozent betrug, stieg auf 45 Prozent im Jahre 1955. Die Erbschaftssteuer von 20 auf 77 Prozent.

Die, der gesamten US-Wirtschaft und gesellschaftspolitischen Entwicklung so zuträgliche Politik staatlicher Einnahmen - eben nicht nur sparen, müsste heute das leuchtende Vorbild sein. Dazu gehören Löhne, die dem Wirtschaftswachstum angepasst sind. (Georg Herrnstadt, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 17.9.2011)

Autor Georg Herrnstadt, Gründungsmitglied der Polit-Combo "Schmetterlinge", ist Komponist, Regisseur und Organisationsberater in Wien.

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carbonara
33
18.9.2011, 21:05
Der Strom kommt aus der Steckdose...

... und das Geld vom Bankomaten (oder von den Reichen).

So stellen sich die Linkslinken die Wirtschaft vor.

"The problem with socialism is that eventually you run out of other people's money" (M. Thatcher).

Der Mann
20
28.9.2011, 13:42
richtig

geld wird aus luft erzeugt.
ist nur ein buchungssatz auf einem konto.

geld wird schon lange nicht mehr real erarbeitet, aber das wissen sie scheinbar nicht.

sie sind damit relativ ungebildet !!!

Heavyweather
00
21.9.2011, 23:19

Das Geld wird von allen erarbeitet. Die Reichen sind diejenigen die es dann durch Tricks ansammeln.

Natürlich muss man das Geld dann wieder unter die Leute bringen damit es positiv wirken kann.

Fleg
 
00
20.9.2011, 12:42

oh ja - und thatcher ist ja ein strahlendes vorbild .. lol ..

karl may aka nestroy aka valentin
00
19.9.2011, 18:13

ihr wollt's es wirklich wissen weit ihr gehen könnt. bis zum nexten eklat ...

AlliGator
01
18.9.2011, 18:51

Eine sehr idealistische Sorge, die maximale Gerechtigkeit bei der Steuereinhebung. Ist nur leider völlig irrelevant.

Solange unsere Politiker nicht wirtschaften und vor allem sparen können, bleibt es ein Faß ohne Boden. Und das wird mit oder ohne Gerechtigkeit nicht finanzierbar sein.

gh2008
00
18.9.2011, 18:43
Alos gut denn:

WENN denn Vermögenssteuern "Enteignung" sind, dann sind die Steuern auf Arbeit "Sklaverei" und daher sofort abzuschaffen. Oder ist die VP für Sklaverei?
Solch ein Idiotengeschwafel !!

DirtyHarry
64
18.9.2011, 17:52

Enteignen?
Ja, natürlich, weil ja der Kommunismus bzw. Realsozialismus so erfolgreich war.

Cellabe
12
18.9.2011, 18:58
Schon gut, Harry, lass jetzt die Erwachsenen

weiter diskutieren ...

Garfield2
00
18.9.2011, 17:52
Die derzeitige Debatte ist gut und wichtig

Nur von einer Vermoegens- oder Enteignungssteuer zu sprechen, greift sicher zu kurz. Wir brauchen eine generelle Gerechtigkeits- und Umverteilungsdebatte, im Bezug auf alle Steuern. Was ist zB mit landwirtschaftlichen Umwidmungen? Grossen Erbschaften, etc.? Vermoegenssteuern koennen immer nur Teil einer Gesamtloesung sein.

Zur Gerechtigkeitsdebatte gehoert aber nicht nur mehr Geld einzutreiben, sondern auch zu durchforsten was mit den derzeitigen Stuergeldern gemacht wird. Geld, das beide Regierungsparteien fuer Freundalwirtschaft verprassen, zB unnoetiger Postenschacher, Inserate, etc, waere vermutlich bei vielen Armen besser aufgehoben. Auch das ist Gerechtigkeit!

Das Furunkel auf der Rübe
35
18.9.2011, 17:37
Grundbesitz sollte nur dem Staat vorbehalten bleiben!

Es kann nicht sein, dass man auf geerbtem oder abbezahlten Grundbeisitz "gratis" wohnt während die Mieter für eine 50m² Höhle abegezockt werden.
Bin für esatzlose Enteignung all Grundbesitzer und für eine Mietersatzabgabe wie sie schon in der Schweiz eingehoben wird.

Chocoholic
01
18.9.2011, 20:49
ich finde es auch unglaublich, dass ich mir dauernd anschauen muss, wie die Kapitalistenschweine alle in ihren Villen wohnen.

Ich geh jetzt, nehm eine weg und wohn selbst drin. Unverschaemt so etwas. Und Ihre Kuechentoepfe gefallen mir, sowas kann ich mir nicht leisten, her damit.

global_citizen
02
18.9.2011, 18:51
aber dann bitte andere Steuern senken

ich lebe in der Schweiz und zahle bei einem Bruttojahreseinkommen von ca. 150K€ eine EKST
von 11%, da lasse ich mir auch die Vermögenssteuer
gefallen.

kopfsalat
24
18.9.2011, 16:42
Als ich unlängst (zu) schnell durch Horn fuhr, fiel ich einer Enteignung von 60 Euro durch die Bezirkshauptmannschaft anheim. Herr Felderer, was sagen sie dazu?

also ich sage dazu: fahren sie langsamer, begehen sie keine gesetzesbrueche, und sie werden nicht enteignet werden.
das als rechtfertigung und parallele zu substanzsteuern darzustellen ist wohl mehr als laecherlich.

Thinking_Citizen
 
23
18.9.2011, 16:35

Ich finde diesen Artikel einen inhaltlich exzellenten Diskussionsbeitrag zum Thema Besteuerung generell.

Es ist auch m. E. ein sehr nuetzlicher Beitrag zu zeigen wie geladene Worte wie "Doppelbesteuerung" und "Enteigunung" gezielt von bestimmten ideologischen Positionen verwendet werden um inhaltliche Diskussion zu vereiteln.

Letztlich ist, wie der Autor beschreibt, ein solides Mass an "Umverteilung" durch Besteuerung langfristig sowohl fuer die Realwirtschaft als auch fuer sozialen Frienden unumgaenglich.

Lectrice
02
18.9.2011, 16:47

Ich würde noch einen Schritt weiter gehen und mal überdenken wie wir Dinge bewerten und somit bezahlen. Wird schon mal Arbeit gerechter entlohnt, dann muss weniger umverteilt werden. Die Relationen der verschiedenen Einkommensgruppen stimmen einfach nicht mehr.

Thinking_Citizen
 
00
18.9.2011, 17:55

Sie haben recht.
Allerdings wird die Bewertung von verschiedenen Beitraegen zu wirtschaftlichen Aktivitaeten (insbesondere Kapitalbereitstellung versus Arbeitskraft) ohne leitende Steuern ueberwiegend von den Menschen gepraegt die Kapital bereitstellen, weil sie meist mehr Macht und Einfluss haben als die Menschen die ihre Arbeitskraft bereitstellen (starket und gut organisierte Gewerkschaften koennen diese Balanz zugunsten von Arbeitnehmern verschieben, weshalb Kapitalisten Gewerkschaften so wenig moegen).

Wegen eines solchen Machtungleichgewichtes ist es oftmals noetig von Seiten des Staates lenkend einzugreifen um die Bewertung von Produktionsfaktoren zu beeinflussen.

Ergo die Bedeutung der Steuerdiskussion zur "Umverteilung".

Lectrice
11
18.9.2011, 18:47

Es gab immer schon die 3 Einkommensquellen: Erwerb durch körperlichen Einsatz, durch geistigen Einsatz, Privatier (d.h. vom Kapital zu leben).

Werden jetzt die Wertigkeiten zu sehr zu Gunsten einer Seite verschoben, dann kann das nicht gutgehen. Schön langsam sollte das auch den verstocktesten klar werden.
Auch gut situierte Menschen können frei und unbeschwert nur in einem stabilen System geniessen und leben. Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben erheben sich zu Recht.

gunkeldibunkel
01
18.9.2011, 17:32

Das trifft den Kern der Sache. Wenn die Verteilung gerechter wäre, dann bräuchte man sich nicht so polemisch wie Herr Herrnstadt um die Umverteilung sorgen. Dazu kommt noch, dass er sich von Herrn Haselsteiner so leicht hinters Licht führen lässt. Leute wie Haselsteiner denken doch in Kategorien wie z.B.Stiftungen und Gruppenbesteuerung, jedenfalls jenseits von Einkommenssteuer. Also mit anderen Worten - und etwas zugespitzt formuliert -Haselsteiner zahlt genauso so viel (Einkommen)steuer in Österreich wie er gerade Lust hat (oder seine Steuerberater ausgetüftelt haben). Also könnte er jetzt schon mehr zahlen, wenn er nur wollte.

Lectrice
00
18.9.2011, 17:54

Wenn ein Haselsteiner schreit mehr zahlen zu dürfen, dann sollte wirklich allen klar sein WIE ungerecht Erwerbs- und erwerbsloses Einkommen besteuert werden bzw. wie hoch die Unterschiede durch ein absurdes Bewertungssystem sind.

Nant
00
18.9.2011, 20:18

Ich glaube Haselsteiner meinte aber, dass nicht die Einkommensteuer erhöht werden sollte, sondern seine Äusserungen zu diesem Thema zielten auf höhere Steuern für Vermögenswerte insbesondere Stiftungen, Grundsteuern und eine Einführung der Erbschaftssteuer etc.

Lectrice
00
18.9.2011, 22:36

Das ist schon klar - eben wenn einmal ein "Reicher" schreit, dann soll einem eigentlich klar sein WIE arg die Unterschiede sind.

verinus
10
18.9.2011, 17:13

man kann über verschiedene realtionen sicher streiten.

aber bitte nicht durch staatlichen eingriffe regulieren, sondern durch demokratische mittel wie gewerkschaften- wir brauchen eine repolitisierung der bevölkerung.

Lectrice
00
18.9.2011, 17:17

Es gibt auch durchaus solche Projekte die gut funktionieren. War vor kurzen hier sogar ein Bericht über eine Firma die seit 20 Jahren so funktioniert u. gibt einige andere Beispiele.

Trevor Goodchild
11
18.9.2011, 16:34
Finanztransaktionssteuer zweckgebunden für BGE jetzt!

Nur wenn ein halbwegs gerecht umverteilender Kapitalismus light erhalten/ geschaffen wird, bleiben erhalten:

- der soziale Frieden
- die Demokratie und mit Ihr eine gewisse Freiheit
- das Vermögen der Reichen

alles andere führt in eine dauerhaften Abwärtsspirale, deren Grund wir alle nicht unbedingt erleben wollen.

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