Am Sonntag empfing das Burgenland die Wiener Austria, die sich dabei quasi in den Spiegel schauen darf
Mattersburg - Der Donnerstagabend war für Franz Lederer in gewisser
Weise erhellend. Da sah er die heimischen Spitzenmannschaften - Sturm
Graz, Salzburg, die Austria - agieren, wie sonst Lederers Mattersburg
agiert: "Tief stehen, gegen den Ball arbeiten." Es sei eben so, dass
Österreich international quasi das Mattersburg Europas ist.
Das meint Lederer klarerweise in einem positiven Sinn. Denn bei all der
durchwachsenen, stets an der Kippe befindlichen Performance habe der SV
Mattersburg eine wichtige Rolle, die sich auch in den Spielberichten
spiegelt.
Tatsächlich ist der SVM ein Verein, der seine Ausbildungsverpflichtung
nicht nur predigt. Das hat dann zuweilen eine schmerzliche
Wankelmütigkeit zur Folge, innerhalb derer ein sehenswertes
Dagegenhalten beim Meister einem ordentlichen Fahrenlassen gegen den
Nachbarn Wiener Neustadt folgt.
Franz Lederer glaubt deshalb, dass seiner Mannschaft bloß noch das eine
fehle, das aber entscheidend. "Ein Erfolgserlebnis!" Genau das habe man
am Sonntag mit der Austria daheim vor.
Lederer ist der längstdienende Trainer in der Bundesliga und überblickt
damit eine lange Reihe von Mattersburger Mannschaften. Seit Dezember
2004 ist der 47-jährige Mattersburger hauptverantwortlich, zuvor war er
Ko-Trainer bei Werner Gregoritsch und Mushin Ertugral, ein alter Hase
also. Die aktuelle Mannschaft würde er historisch "im oberen Drittel"
ansiedeln, was auch bedeutet, dass da noch was fehlt.
Der Trainer weiß klarerweise, was das ist. Sein früherer Paradespieler -
Christian Fuchs - hat das im Zusammenhang mit dem Nationalteam in
folgende Worte gefasst: "Wir müssen die PS endlich auch auf die Straße
bringen."
Freilich ist das leichter gesagt als getan, sagt der Trainer. Hundert
Mal lasse sich üben, den Ball mit kühlem Kopf flach zu halten. Im
Ernstfall sei dann halt die Hose voll, der Ball hoch, der Pass
elendiglich weit nach vorn und solcherart eh schon wieder perdu.
Das ist zwar blöd, kommt aber nicht von ungefähr. Mittlerweile sieht
Lederer seine Arbeit eher in Richtung Pädagogik tendieren. "Früher
hatten wir Spieler wie Kühbauer, Rene Wagner und ähnliche Kaliber. Jetzt
entwickeln wir unsere eigenen Talente, und das geht halt nicht von heute
auf morgen." Jetzt gehe es auch darum, Basics zu trainieren, das
Verhalten dem Ball gegenüber, die Deckung. Im System funktioniere das eh
gut, wie die Punkte gegen die starken Teams belegen. Aber dann kommen
individuelle Schnitzer, die alles zunichte machen und den Buben - das
sind sie ja im Schnitt - den Nipf nehmen.
"Wir steigen nicht ab", sagt Franz Lederer wenig überraschend. Dazu sei
nämlich die Aufstellung des Vereins, dieses zahnradartige
Ineinandergreifen von Nachwuchs und Spitze schon zu ausgefeilt. Fast
gerät er ins Schwärmen, wenn er seine Auswahlspieler aufzählt: Lukas
Rath, Patrick Farkas, Philip Gartner. Und dann gibt's noch den Alois
Höller, den Martin Rodler. Und nicht zuletzt den Will Domoraud, den
ivorischen Franzosen, der balltechnisch limitiert sein mag und dadurch
einen möglichen Auswärtssieg über Rapid vergeigt hat, aber durch alles,
was er auf dem Platz tut, zeigt, dass er ein Mattersburger aus echtem
Schrot und Korn ist, ein Publikumsliebling von der ersten Partie an.
Domoraud, der linke Dauerläufer, lässt den Trainer übrigens wieder ans
alte SVM-System denken, das so viel belächelte, aber sehr erfolgreiche
3-5-2. "Warum nicht?", fragt er.
Weil die Mitte fehlt, die Achse, um die das Spiel des SVM - und in
Wahrheit aller österreichischen Mannschaften - sich drehen müsste. Es
gibt niemanden, an dem die Jungen sich anlehnen könnten. Die wurden und
werden ins kalte Wasser gestoßen.
Und dann redet man mit dem Trainer von früher. Jetzt, am Sonntag um 18.
30 Uhr, kommt die Austria. Am 15. Mai 2004 war sie auch da. Und wurde
mit 1:4 wieder heimgeschickt. Zwei Tore erzielte damals der brave Toni
Köszegi, der alte. (DER STANDARD Printausgabe, 17./18.9.2011)