Bürgermeister Klaus Wowereit vor der Wahl: Grüne haben sich verspekuliert, kein Mitleid
Gelassen erwartet Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Wahl. Die Grünen, die ihn aus dem Amt drängen wollen, hätten sich verspekuliert, sagt er und erklärt Birgit Baumann auch, warum er mit ihnen kein Mitleid hat.
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STANDARD: Sie sind seit zehn Jahren Berliner Bürgermeister. Warum herrscht in der Stadt nach so langer Zeit keine Wechselstimmung?
Wowereit: Ganz einfach, weil die Stadt gut regiert wird. Berlin ist da vielleicht auch anders als andere Städte. Ich freue mich natürlich, dass unsere Arbeit von den Bürgern so honoriert wird.
STANDARD: Die Arbeitslosigkeit ist mit 13,3 Prozent doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.
Wowereit: Es ist schon viel Positives passiert. Wir haben 120.000 sozialversicherungspflichtige Jobs geschaffen. Der neue Flughafen Berlin Brandenburg International, der 2012 den Betrieb aufnimmt, bringt auch 40.000 neue Arbeitsplätze. Mit ihm wird Berlin auch zum internationalen Drehkreuz.
STANDARD: Viele Berliner klagen über steigende Mieten. Was wollen Sie dagegen tun?
Wowereit: Keine Partei kann versprechen, dass in Berlin die Mieten nicht mehr steigen werden. Aber es stimmt: Wir brauchen dringend mehr Ein- und Zweizimmerwohnungen, daher wollen wir 30.000 neue Wohnungen schaffen – und zwar mit den Wohnbaugesellschaften, nicht mit privaten Investoren, wie es die CDU vorschlägt.
STANDARD: Apropos CDU – Sie regierten in Berlin schon mit den Grünen und derzeit mit den Linken. Wäre die CDU auch eine Option?
Wowereit: Es gibt in Berlin eine klare Mehrheit für linke Politik. Die Schnittmengen mit der CDU sind sehr gering.
STANDARD: Können Sie sich eine Zusammenarbeit mit der Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast vorstellen?
Wowereit: Da dürfen Sie nicht mich fragen. Renate Künast hat ja angekündigt, sie wolle nur Bürgermeisterin werden und – wenn das nicht klappt – wieder in die Bundespolitik zurückgehen.
STANDARD: Haben Sie Mitleid mir ihr? Das mit der grünen Bürgermeisterin wird wohl nichts?
Wowereit: Nein, hab ich nicht, weil Mitleid in der Politik oft die tiefste Form der Verachtung ist. Renate Künast ist angetreten, um mich aus dem Amt zu drängen, und sie sieht mittlerweile ein, dass sie sich verspekuliert hat. Anders ist nicht zu erklären, dass sie sich faktisch aus dem Spiel nimmt. Denn sie hat ja gesagt, sie wolle keine Koalition mehr mit der CDU, und die Grünen würden auch als kleinerer Partner in eine rot-grüne Koalition gehen. Mal sehen, ob das nach der Wahl auch noch gilt.
STANDARD: Was kann die Bundes-SPD, die nicht recht Tritt fasst, von der Berliner SPD lernen?
Wowereit: Auch die SPD im Bund hat in Umfragen gerade zwei Prozent zugelegt. Wir in Berlin freuen uns natürlich, wenn wir auch über die Länder und über den Bundesrat Vertrauen zurückgewinnen können. Die nächste Wahl nach Berlin findet im Mai 2012 in Schleswig-Holstein statt. Da hat die SPD gute Chancen, den CDU-Ministerpräsidenten abzulösen.
STANDARD: Sie werden auch als SPD-Kanzlerkandidat gehandelt ...
Wowereit: ... und ich kann nur immer wieder sagen: Mein Platz ist in Berlin im Roten Rathaus. Die Frage der Kanzlerkandidatur entscheidet die SPD 2012. Aber es ist schön zu hören, dass der SPD zugetraut wird, dass sie den nächsten Kanzler stellen wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.9.2011)