Produktionsstart des jo-Mobils für 2012 geplant - mangelndes Umweltbewusstsein der Bevölkerung
Ganz geheuer war dem Autofan Wladimir Putin das bunte Gefährt nicht. Ob man denn damit auch wirklich ans Ziel komme, fragte der mächtigste Mann Russlands skeptisch, bevor er sich hinter das Steuer des E-Mobils (russisch: jo-Mobil) setzte. Der Grund für die Skepsis des russischen Premierministers: Der Kleinwagen wird auch mit einem Elektromotor betrieben.
Putin erreichte sein Ziel, die Residenz des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew, und versprach den Initiatoren des ersten russischen Hybridautos seine Unterstützung. Das Hybridauto ist ein Projekt von Michail Prochorow, der mit einem geschätzten Vermögen von 18 Milliarden US-Dollar der drittreichste Russe ist.
Der 46-jährige Oligarch verfügt bisher über keine Erfahrung im Automobilbau. Sein Mischkonzern Onexim engagierte sich bis dato nur in den Bereichen Bergbau, Strom, Immobilien, Banken und Versicherungen, Medien sowie Nanotechnologie.
In Russland sind Fahrzeuge mit alternativen Antrieben noch Exoten. Während in europäischen Großstädten schon vielerorts Erdgasbusse im Nahverkehr eingesetzt werden, ist die Autobusflotte in der russischen Metropole gut 30 Jahre alt und alles andere als umweltfreundlich. 90 Prozent der Luftverschmutzung in Moskau entfallen auf den Straßenverkehr.
60 Prozent aller Autos auf den russischen Straßen erfüllen keine einzige in der EU übliche Abgasnorm. Das Verbot von Treibstoffen nach der Euro-2-Norm wurde bereits mehrmals verschoben.
Ein großes Problem stellt das mangelnde Umweltbewusstsein der Bevölkerung dar. Der internationale autofreie Tag, der seit drei Jahren auch in Russland zelebriert wird, wird von den Autofahrern regelmäßig ignoriert.
Vor diesem Hintergrund scheint ein Erfolg des ersten russischen Hybridautos zweifelhaft. Der angepeilte Verkaufspreis von rund 10.000 Euro dürfte aber selbst für russische Umweltmuffel attraktiv sein.
Bei seinem Autoprojekt greift Unternehmer Prochorow auf ein Konzept des Sankt Petersburger Lkw-Produzenten Jarowit zurück. Das Unternehmen hatte bereits einen Entwurf für ein Hybridauto entwickelt, das bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi eingesetzt werden soll. Nachdem es Jarowit nicht gelang, eine staatliche Finanzierung heranzuziehen, wandte sich der Eigentümer Andrej Birjukow an den Oligarchen. Am Joint-Venture-e-Auto ist Jarowit zu 51 Prozent beteiligt. Prochorows Onexim-Gruppe hält 49 Prozent.
Prochorow will in der Entwicklungsphase rund 150 Millionen Euro investieren. Westliche Brancheninsider witzeln, dass man mit dieser Summe gerade einmal eine neue Hinterachse entwickeln könne. Auch Elena Sachnowa, Analystin der Investmentbank VTB Capital, schätzt die Entwicklungskosten eines Hybridautos auf rund eine Milliarde US-Dollar.
Das jo-Mobil soll von einem 60 PS starken Einkammerwankelmotor, der entweder mit Benzin oder Gas betrieben werden kann, und einem Elektromotor ausgestattet sein. Laut den Herstellern verbraucht das Fahrzeug rund 3,5 Liter Treibstoff auf 100 Kilometern und kann maximal eine Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern erreichen. Das jo-Mobil wird es in drei Varianten geben: als Minivan, Cross-Coupé und Lieferwagen.
Als Produktionsbeginn wurde die zweite Jahreshälfte 2012 anvisiert. Derzeit befindet sich das erste Werk in der Nähe Sankt Petersburgs im Bau. Die Kapazität des Werkes liegt zunächst bei 10.000 Autos im Jahr, mit der Option, die Kapazitäten später auf 40.000-50.000 zu erhöhen. In Zukunft sollen fünf weitere Werke in ganz Russland entstehen. (Verena Diethelm, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 17./18.9.2011)