Meist im Stau

Chinas Autoboom lässt Mobilität auf der Strecke

Johnny Erling aus Peking , 16. September 2011, 18:20

Vor 20 Jahren waren auf Chinas Straßen deutlich mehr Fahrräder als Autos unterwegs. Inzwischen ersticken viele Städte im Stau

Chinas autofreundlicher Premier machte eine 180-Grad-Wendung: "Wir müssen unbedingt mehr Aufmerksamkeit auf die Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs richten und nicht auf die Produktion von Pkws. (...) Ehrlich gesagt, ich finde es nicht gut, wenn jeder sich einen Pkw kauft."

Welche Stadt könnte es verkraften, wenn jede Familie ein Auto hat. "Das geht nicht. Wo soll das Öl herkommen?" Von den gesundheitlichen Folgen nicht zu reden.

Solche Worte würden die Aktienkurse internationaler Autohersteller zum Absturz bringen, wären sie aktuell. China gilt als weltgrößter Pkw-Zukunftsmarkt. Die Aussagen stammen aber nicht vom derzeitigen Premier Wen Jiabao, sondern von Vorgänger Zhu Rongji, der einst VW in Schanghai zum Durchstarten verhalf.

Kurz vor Ablauf seiner Amtszeit wünschte sich Zhu am 1. Februar 2003 vor der Behörde für öffentlichen Nahverkehr ein Ende der bisherigen Autopolitik. Er brach eine Lanze für mehr Mobilität. Das wurde voriges Wochenende bekannt, als Zhus Reden 1991 bis 2003 erschienen. In Schanghai, so sagte er 2003, sei mit einer Million Pkws der Dauerstau programmiert, ganz zu schweigen von Peking mit 1,9 Millionen Pkws.

Meist im Stau

Acht Jahre später sind in Schanghai fast doppelt so viele Autos unterwegs, in Peking mit fünf Millionen fast dreimal so viele - meist im Stau. Der Ausbau von U-Bahnen oder Bussystemen hat mit dem Tempo des Pkw-Booms nicht Schritt gehalten.

2010 entfielen mit 18 Mio. Pkws und Nutzfahrzeugen rund ein Drittel der weltweit 58 Mio. neu hergestellten Fahrzeuge auf China. Wenn VW-Vorstandschef Martin Winterkorn recht behält, wird der Gesamtmarkt 2018 um 50 Prozent auf gut 28 Mio. Einheiten steigen.

Weil der Bau von Ringautobahnen oder Überführungsstraßen keine Entlastung brachte, reagieren Chinas Metropolen mit Fahrverboten und Einschränkungen. Im 20-Millionen-Ballungszentrum Schanghai sind monatlich nur rund 8000 Pkw-Neuzulassungen erlaubt. Ein Nummernschild kostet 5000 Euro - so viel wie das dortige Pro-Kopf-Jahreseinkommen.

Auch Peking, wo Ende 2010 rund 4,8 Mio. Pkws zugelassen waren, steigt auf die Bremse. Pro Monat werden maximal 20.000 Zulassungslizenzen für Neuwagen verlost. Heuer dürfte der Autobestand deshalb um 240.000 Autos wachsen - statt wie im Vorjahr um 800.000. Das kostet die Stadt ein Prozent Wirtschaftswachstum. Peking hat zudem für jedes fünfte Auto nach der Endzahl seines Nummerschildes unter der Woche einen Tag Fahrverbot angeordnet.

Weitere verkehrsdämpfende Maßnahmen sind teure Parkgebühren, weil die Stadt nur halb so viele Parkplätze hat wie Pkws. Und jetzt plant Pekings Parlament nach dem Vorbild Londons, Stausteuern für die City einzuführen. In allen Millionenstädten Chinas drohen ähnliche Zustände. Die Autokauflust bleibt hoch. Zwar wird der Absatzmarkt 2011 mit erwarteten drei bis fünf Prozent Zuwachs deutlich langsamer steigen als 2010, mit dann 18,6 Mio. Fahrzeugen werden in China 2011 aber erneut die meisten Autos der Welt verkauft werden, sagt Ding Yang, Generalsekretär der Automobilhersteller.

Im Spagat zwischen dem Segen der Autokonjunktur und dem Fluch des Infarkts bleibt die Mobilität auf der Strecke. Experimente wie Carsharing, die auf Schanghais Expo gezeigt wurden, bleiben Gedankenspiele.

Peking lässt E-Cars einführen. Die Regierung will noch diesen Monat einen Förderungskatalog für umweltfreundliche Pkws erlassen. Bis Anfang September stritt sie aber noch darüber, ob sie auf E-Autos, Plug-in-Hybride oder Wasserstoffzellen setzen soll.

Das Öl wird knapp

Wie auch immer: Die Autoreform hilft nur gegen fossilen Ölverbrauch: Forscher des Pekinger Staatsrats rechneten aus, dass Autos beim derzeitigen Zuwachstempo der Motorisierung 2020 etwa 67 Prozent allen chinesischen Öls verbrauchen würden. 2010 verbrauchte China 430 Millionen Tonnen Öl, 240 Mio. Tonnen mussten eingeführt werden.

Da Chinas Strom zu 70 Prozent aus Kohle gewonnen wird, hilft die Umstellung auf E-Cars weder der Umwelt noch der Mobilität. Da würde nur die späte Einsicht eines Zhu Rongji etwas bewirken. Die ist derzeit aber nicht gefragt. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.9.2011)

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Posting 1 bis 25 von 71
1 2
strangerinastrangeland
 
01
18.9.2011, 21:58

Die Chinesen haben mit den Fahrrädern alles richtig gemacht, dass sie dann der Wahnidee Automobil gefolgt sind, läßt mich stark an ihren planerischen Fähigkeiten zweifeln.

Allesodanix
10
18.9.2011, 15:52
Lösung:

Öffis ausbauen und E-bikes forcieren. E-Auto hat keine Zukunft, benötigt zuviel Strom.
Sprit empfindlich verteuern - wird aber ohnehin passieren, wenn das Öl rar wird

luke skywalker
00
18.9.2011, 21:05
Seltsam

Ein E-Auto braucht laut div.Angaben rund 15KWh pro 100 km.

Laut eigenen Angaben der ÖBB (und die darf man getrost als gefaktet und geschönt bis zum Abwinken ansehen) braucht die Eisenbahn rund 14KWh pro 100 Passagier-Kilometer.

Was also ist gewonnen wenn man die Eisenbahn anstatt eines E-Autos nimmt ??

Linek Karl
 
00
18.9.2011, 17:39

Ja, die Öffis sind in China wirklich unterentwickelt. Die U-Bahn ist in den Stoßzeiten derart überfüllt, dass Ordnungskräfte die Gliedmaßen, welch noch hervorstehen hineindrücken, um die Tür schließen zu können. Das ist keine Übertreibung, das habe ich mit eigenen Augen gesehen.

Zu den E-Bikes: Nirgendwo habe ich mehr von den Dingern gesehen. Leider ist der Lauf so: Wer es sich leisten kann hat ein Fahrrad. Wer besser begütet ist hat ein E-Bike. Noch Begütetere haben ein Moped. Autobesitzer sind entweder Taxifahrer oder reich. D. h. das Auto ist noch mehr ein Prestigeobjekt als in Europa. Das heizt den Autoboom extrem an und wird auf lange Zeit jede Verkehrspolitik zum verzweifeln bringen.

Jup posts
00
22.9.2011, 16:56
Taxifahrer mieten das Auto in China

Rmb3,000 pro monat

paramenes
11
18.9.2011, 03:06

China war immer das Land der Radfahrer. Zeit, dass dieses als Ergänzung des städtischen Verkehrssystems geniale verkehrsmittel wieder einen größten verkehrsanteil bekommt.

Abernein
41
17.9.2011, 21:43

Bitte auch im Plural Pkw, nicht Pkws. Es heißt schließlich nicht Personenkraftwagens.

Mr.Blue
00
18.9.2011, 10:56

beides ist erlaubt

Abernein
00
20.9.2011, 21:54

Das ist mir sauber wurscht

site:°~+*-||!#.\>
20
17.9.2011, 20:55

„Weil der Bau von Ringautobahnen oder Überführungsstraßen keine Entlastung brachte, reagieren Chinas Metropolen mit Fahrverboten und Einschränkungen.“

Frau Bures sollte dringend eine Bildungsreise nach China buchen, bevor sie Milliarden für neue Ringautobahnen verschwendet.

Jup posts
00
22.9.2011, 16:57
Sie kommt im oktober

Nur kanns leider chinesisch, noch englisch.

joky1
00
18.9.2011, 10:39

geht nicht, sie weiht gerade neue Bus-Linien ein (die leistungsfähige Flächenbahnen ablösen).

der_kleine_pariser
 
20
17.9.2011, 23:24

Sollten vorher die Herren Pühringer, Hiesl und Dobusch.

Stephen Ferrando
910
17.9.2011, 20:01

Ich hoffe China erstickt am eigenen Wachstum und geht genau so schnell unter wie es aufgestiegen ist.

Papa.Geno73
15
18.9.2011, 15:18

Dass irgendein Psycho mit so einem Satz daherkommt, ist ja nicht weiter verwunderlich. Aber unglaublich, dass 7 Leute so einen hasserfuellten Satz gutheissen.

strangerinastrangeland
 
00
18.9.2011, 22:00

Man sollte es China nicht wünschen, aber als Szenario ist so ein Ergebnis nicht unwahrscheinlich.

Johnny Chicago
01
18.9.2011, 04:16

Na mei! Sie wünschen den Leuten vielleicht Sachen...

robert rittersmann
00
18.9.2011, 06:13

Die Mensczen wären wohl glücklicher ohne 12Stunden Schichten in den Fabriken!

lagrangian
00
18.9.2011, 08:31

Ja, vor allem während des Gelsen Sprungs oder der Kulturrevolution. Da war's so richtig super für die Menschen...

wookie0
00
17.9.2011, 23:23

komisch, sie haben mir den satz gestohlen, geben sie ihn mir wieder zurück :)

Gobi Todic
08
17.9.2011, 18:50
Piech Zitat aus der Autorevue

"wir müssen uns überlegen wie wir die Chinesen vom Fahrrad holen"

so oder so ähnlich soll er es gesagt haben. was für ein großartiger geschäftsmann, was für ein gewinn für den planeten!

Posting5514
92
17.9.2011, 13:36
Mein Tipp an die Chinesen:

Mehr Straßen bauen!

Johnny Chicago
01
18.9.2011, 04:19

In chinesischen Metropolen finden sie jetzt schon zum Teil mehrstöckige autobahnen.

peregrines
14
17.9.2011, 21:58

toller tip ... lassen sie mich raten: null ahnung?

Linek Karl
 
26
17.9.2011, 20:32

In Schanghai wurden bereits Autobahnen auf Pfählen über den ursprünglichen Hauptstraßen errichtet. Die Hauptstraßen sind generell breiter als in Österreich.

Außerdem löst das nicht nur nicht die Umwelt- und die Ressourcenfrage, sondern verstärkt beide nur.

Dabei gibt es die Lösung schon. Das Fahrzeug der Zukunft ist schon erfunden: Das Fahrrad.

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