Hungersnot in Ostafrika

"So hoch wie in Somalia war die Frustration noch nie"

Interview | Martin Obermayr, 19. September 2011, 06:15
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    foto: reuters/feisal omar

    Eine Frau passiert mit ihrem Kind ein zerstörtes Haus im Bezirk Howlwadaag in Mogadischu, der Hauptstadt von Somalia.

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    foto: reuters/ismail taxta

    Ein Bub schaut auf ein Lager für Hungerflüchtlinge, das in der Stadt Berkulan in der Nähe von Mogadischu liegt, hinunter.

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    foto: msf

    Alan Lefebvre ist seit sechs Jahren für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz, zuletzt im libyschen Misrata.

Mitten in Mogadischu: NGO-Einsatzleiter über täglichen Terror und die Gewissheit, dass Kinder in seinen Händen sterben

Alan Lefebvre arbeitet in der somalischen Hauptstadt Mogadischu als Notfallkoordinator für Ärzte ohne Grenzen (MSF - Médecins Sans Frontieres). Der 35-jährige Franzose war bereits bei Naturkatastrophen wie dem Erdbeben in Haiti oder in Krisenregionen wie dem libyschen Misrata tätig. Kurz vor Ende seines siebenwöchigen Somalia-Einsatzes gibt er derStandard.at ein Telefoninterview, in dem mitten drin ein lautes Knallen zu hören ist. Lefebvre lässt sich dadurch nicht einmal kurz aus der Ruhe bringen: "Haben Sie das gehört im Hintergrund? Das war ein Schuss - das meine ich damit, dass man sich daran gewöhnt".

derStandard.at: Mogadischu gilt als eine der gefährlichsten Städte der Welt. Wie kann man sich Ihren Alltag vorstellen?

Lefebvre: Die Arbeit gestaltet sich zum Teil extrem schwierig. In vielen Bezirken herrscht Ausnahmezustand, man sieht viele Bewaffnete und die Kriminalitätsrate ist dementsprechend hoch. Daher müssen wir als 'westliche Hilfskräfte' eine genaue Sicherheitsroutine einhalten. Salopp gesagt: Nur nicht zur falschen Zeit am falschen Ort sein.

derStandard.at: Ist unter dieser permanenten Anspannung überhaupt an ein angstbefreites Arbeiten zu denken?

Lefebvre: Ich habe bei anderen Einsätzen bereits ähnliche Situationen kennengelernt. Ich bin mir auch jetzt der permanenten Gefahr bewusst, kann mich aber deswegen nicht die ganze Zeit stressen. Mein Kollege und ich wissen ziemlich genau Bescheid über die Risiken, die wir eingehen. Obwohl Somalia schon ein ganz spezieller Fall ist.

derStandard.at: Was unterscheidet die Situation zu anderen Krisenherden, wie etwa dem libyschen Misrata, wo Sie heuer schon tätig waren?

Lefebvre: Ich will zwar nicht vergleichen, aber so hoch wie hier war die Frustration für mich als MSF-Mitarbeiter bisher noch nie. Als Organisation haben wir sehr große Kapazitäten, nur können wir hier nicht einmal annähernd den Bedarf an Notwendigem decken. Und zum Teil fehlt uns einfach der Zugang. Immerhin herrscht in dem Land seit 20 Jahren Krieg.

derStandard.at: Wie gestaltet sich der 'politische Prozess'? Muss man mit dem Regime kooperieren, um helfen zu können?

Lefebvre: Wir sind eine unabhängige Organisation und kümmern uns ausschließlich um die medizinische Versorgung. Wir haben Kontakt mit allen Parteien und Verwaltungsabteilungen, damit wir größere Befugnisse erhalten und dadurch noch mehr Leute erreichen können. Aber wir sind in unserem Einsatzbereich sehr stark limitiert.

derStandard.at: Welchen Umfang haben die direkten Hilfsmaßnahmen?

Lefebvre: Was wir hier machen, ist ein Tropfen im Ozean. Wir betreuen zurzeit drei Spitäler mit ungefähr 200 Betten. Eines davon haben wir von Grund auf errichtet. Zusätzlich haben wir mobile Teams, die zu den Betroffenen hinausfahren, etwa um Kinder gegen Masern zu impfen. Die Masern sind eines der vorrangigsten Probleme im Moment.

derStandard.at: Aber der Kampf gegen die Unterernährung hat weiterhin oberste Priorität?

Lefebvre: Unser Hauptfokus liegt schon darauf, aber das lässt sich nicht isoliert betrachten. Täglich kommen hunderte unterernährte Menschen in Lagern an, in denen bereits Zehntausende unter den schlimmsten Bedingungen leben. Von den Kindern haben mittlerweile etwa 50 Prozent Masern, wodurch ihr Immunsystem geschwächt wird und sie wieder anfälliger auf Mangelernährung reagieren. Wir haben bereits 30.000 Kinder geimpft und schaffen etwa 1000 pro Tag - aber das sind immer noch viel zu wenige.

derStandard.at: Ein anderes gravierendes Problem soll Cholera sein.

Lefebvre: Auch Cholera muss man im Zusammenhang betrachten. Die Sanitär- und Hygienesituation in den Flüchtlingslagern ist so unzureichend, dass sich die Krankheit sehr schnell ausbreitet. Hier sind wir gefordert, denn innerhalb von Stunden kann ein Cholera-Kranker sterben. Genauso kann ich ihn innerhalb weniger Stunden retten.

derStandard.at: Wie gehen die betroffenen Menschen mit der Situation um?

Lefebvre: Diese Stadt, dieses Land befindet sich schon so lange im Kriegszustand, dass die Leute damit in irgendeiner Form einen Umgang gefunden haben. Aber durch diese schwere Hungerkrise ist die Gemeinschaft besonders stark gefährdet. Es gab ja bereits vergangenes Jahr eine Hungersnot, nur heuer kam auch noch eine Dürre dazu.

derStandard.at: Kann sich kurz- und langfristig die Situation verbessern?

Lefebvre: Der Hauptteil der Lösung liegt im politischen Bereich. Davon hängt auch die langfristige Entwicklung ab: Wie begegnet man den Folgen des Klimawandels und solchen Dürreperioden? Wie lässt sich eine wirtschaftliche Basis aufbauen, damit man mit den Bauern und der lokalen Bevölkerung an nachhaltigen Projekten arbeiten kann?

derStandard.at: Wie gehen Sie persönlich mit dem permanenten Leiden und Sterben um?

Lefebvre: In dem ich mir die Grenzen des Helfens bewusst mache. Etwa wenn Kinder zu spät zu uns gebracht werden: Wenn sie bereits an Mangelernährung, Masern und Cholera leiden, werden sie mit Sicherheit sterben - da können wir trotz der bestmöglichen Nahrungsversorgung nicht mehr helfen.

derStandard.at: Welche Erinnerungen brennen sich ins Gedächtnis ein?

Lefebvre: Wenn eine Mutter vom Land mit drei Kindern in eines unserer Spitäler gelangt und erzählt, dass zwei weitere Kinder am Weg gestorben sind, weil sie noch zwölf Kilometer durch die Stadt gehen musste. Oder wenn eine andere Mutter mit einem unterernährten Kind nach ein paar Tagen im Spital zurück ins Camp muss, weil dort ihre anderen Kinder auf sie warten - und wir genau wissen, dass ihr schwer krankes Kind dort nicht die notwendige Ernährung bekommt. (Martin Obermayr, derStandard.at, 16.9.2011)

Alan Lefebvre (35) ist seit sechs Jahren für Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Einsatz. Zuletzt hat er als Notfallkoordinator in Misrata gearbeitet. Der Franzose war zwei Mal in Haiti: nach dem Erdbeben und während der Cholera-Epidemie. Desweiteren half er bei den Überschwemmungen 2010 in Pakistan und nach dem schweren Erdbeben in China, ebenso in afrikanischen Krisengebieten (Liberia, Tschad, Demokratische Republik Kongo). Wenn Lefebvre nicht im Einsatz ist, lebt er in Norwegen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 88
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Erstversuch
00
20.9.2011, 13:11
Tsunami in Thailand

Konnte die firmeninterne Spendenliste einsehen.
"Menschenverachtende Unmenschen" (Fremdefinition) haben tatsächlich mehr gespendet als die empathischen Gutmenschen(ebenfalls Fremddefinition). Einzeln und in Summe.

Die Evolution des Mitleids:

Tue gutes
Tue gutes und sprich darüber
Sprich darüber

Don Quixote1
00
20.9.2011, 15:14
?

Ich weiß es nicht genau was sie davon ableiten möchten, aber ein kleiner Hinweis: Die, die Kohle haben, egal woher, können spenden.
Das Ärgste ist, dass es Spenden bedarf um diesen Menschen zu helfen.
Da sitzt irgendwer auf ein Haufen Getreide und wartet bis er genügend Geld kriegt dafür. Und vielleicht spendet er selber, wodurch er auf sympathischen Spenderlisten aufscheinen kann und "Erstversuch" Argumente liefert um über "Gutmenschen" herfallen zu können.

Erstversuch
01
22.9.2011, 15:34
Ganz einfach, Eure behauptete Moral deckt sich nicht mit Eurer gelebten.

Ganz einfach. Deswegen seid ihr nicht gute Menschen sondern Gutmenschen.

Mann40
00
20.9.2011, 10:23

die letzte Aussage von Herrn Lefebvre ist besonders erschütternd, einfach entsetzlich

Don Quixote1
12
19.9.2011, 18:57
Wenn ich das zu Ende denke wird´s mir übel:

Es gibt genügend Nahrung, nur irgendwelche Säcke sitzen drauf und warten bis genügend Spendengelder da sind um etwas herauszurücken.
Die erpressen Leute mit dem Tod von tausenden um an das Geld herauszukommen. Geht´s noch?

Lebensmittel, Energie und Gesundheit von den Märkten entkoppeln! Jetzt!

don juan von heute
52
19.9.2011, 17:41
diese menschen

haben leider in unserem system keine macht, weil sie kein geld haben.

daher sind sie fuer den markt uninteressant.

und da die staerksten marktakteuer schon laengst unsere demokratie untergraben haben, merkt man dies auch bei den entscheidungen der politik: 1000 mrd fuer die banken u. im selben jahr die entwicklungshilfe von 10 auf 5 mrd gekuerzt.

schon adam smith war rassist u. wollte dass die armenkinder verrecken.

und wenn ich mir einige postings durchlese denke ich, das wir immer noch so weit hinten sind und so fern weg von menschlicher empathie.

einfach nur traurig.

Wolfgang Lederbauer1
00
19.9.2011, 16:50
...Was wir hier machen, ist ein Tropfen im Ozean....Täglich kommen hunderte unterernährte Menschen in Lagern an, in denen bereits Zehntausende unter den schlimmsten Bedingungen leben....

... Die Sanitär- und Hygienesituation in den Flüchtlingslagern ist so unzureichend...nur heuer kam auch noch eine Dürre dazu...

Müssen Flüchtlingslager so aussehen?

Warum denkt man nicht an vorgefertigte billige Häuser mit den notwendigen Sanitäreinrichtungen?

Warum hat man noch nicht Lösungen für die rasche und kostengünstige Herstellung von dauerhaften Bunnen eingesetzt?

Wer ist Ansprechpartner für mögliche Lösungen?

http://so-for-humanity.com2000.at

sprungbrett
120
19.9.2011, 16:47
0815-Artikel..

aber ja, wir werden uns erbarmen, und wieder ein paar Euros für die Armen da unten lockermachen, habe ja sonst nichts vor mit der Marie..

rough_rider
00
20.9.2011, 00:00

du bist gegen "die" richtig arm...

mondlein
00
19.9.2011, 18:15

"habe ja sonst nichts vor mit der Marie"
bitte, erklären Sie mir mal, wie Sie das meinen? was sie überhaupt mit ihrem Posting sagen wollen? bei so viel Präpotenz bleibt einem ja die Spucke weg ... ich schließe mich don juan an

don juan von heute
00
19.9.2011, 17:29
uije

da feht wem jegliche menschlichkeit, also empathie.

Erwin Wolfram
00
19.9.2011, 15:52

auch interessant wie ngos wie das rote kreuz und die politiker konflikte in europa verschleiern um dann in den entwicklungslaendern nichts davon zu wissen: in youtube gute beitraege zu kosovo, auch zu den kzs in bosnien sind die berichte bisher geheim...

rough_rider
00
19.9.2011, 15:03
Doku-Tipp:

http://www.youtube.com/watch?v=J... re=related

Soll sich doch bitte jeder seine eigene Meinung bilden...

Timagoras
 
113
19.9.2011, 12:12

auch wenn die arbeit bisweilen fruchtlos erscheint oder frustrierend ist (oder gerade deshalb) sollte man menschen wie Alan Lefebvre (bzw. die menschen, für die er dort ist) unterstützen:

http://www.aerzte-ohne-grenzen.at/spenden/s... rt-helfen/

(ich finde, zu so einem artikel könnte die redaktion schon einen link beisteuern)

Karli Marxi
113
19.9.2011, 10:43

Beeindruckend was dieser Mensch leistet. Schade das Treichl das Millionengehalt bekommt und nicht solche Leute...

goldschmied van halen
723
19.9.2011, 10:35
wenn in klimatisch schwierigem gebiet...

...ohne know-how landwirtschaft betrieben wird, lieber handies als dünger gekauft werden, die bevölkerung rasant wächst und tradition und religion das einzig wahre sind, dann ist es völlig egal wieviel geld fließt oder wieviele kinder geimpft und kurzzeitig ernährt werden.

das grundproblem wird bleiben und die geschichte wird sich wiederholen...

Salz Burger
84
19.9.2011, 14:36

Stimmt. Leider sind diese Menschen dort ziemlich lernresistent.

Frau Trude
105
19.9.2011, 14:19

sie posten immer den gleichen haltlosen stammtischmüll.

wird das nicht irgendwann fad?

rough_rider
34
19.9.2011, 13:50

Und wer verkauft ihnen die ganzen wertlosen "needs"? Wir aus dem Westen. Rotstrichler waren meines Erachtens
a.) noch nicht in diesen Regionen Afrikas
bzw. wollen's
b.) nicht wahrhaben

Salz Burger
94
19.9.2011, 14:37

würden sich die Menschen dort an westlichem Lebensstil orientieren, hätten sie nicht so viele Kinder, häufig gar keine und folglich auch keine Hungersnot.

marmux
 
53
19.9.2011, 15:12
Ein bisserl Imperdinent

sind wir aber schon, gell. Dass Kinder in der dritten Welt einen Nutzenfaktor darstellen, bei uns eher einen Kostenfaktor lassen wir mal außen vor. Am westlichen Lebensstil orientieren? Stimmt, sind eigentlich selber schuld, warum gehen die nicht einfach wie wir zum Billa oder Merkur und kaufen sich was was zum Mampfen? Und warum gehen die nicht einfach in Kindergarten, Volkschule, Gymnasium und Uni und lernen was G´scheits? Eigentlich sinds selber schuld....

Salz Burger
01
20.9.2011, 11:56

Tja, warum haben wir hier den Billa, Hofer und Spar und auch genug Geld, um uns das zu kaufen, was wir brauchen?

Das wurde von unseren Vorfahren und uns erarbeitet. Die sich großteils von dem religiösen Unsinn, der unter anderem viele Kinder als gut bewertet, abgewandt haben. Wenn die Afrikaner dort stehen bleiben, werden sie sich nicht weiter entwickeln können.

rough_rider
22
19.9.2011, 14:39

Na dafür bräuchtens mal die Pille bzw. Kondome - oder sind Menschen von ihren Grundtrieben her unterschiedlich?

Salz Burger
00
20.9.2011, 11:54

Etwas Bildung wäre schon ein guter Anfang.

rough_rider
00
20.9.2011, 11:58

bitte diese Doku ansehen... 20 Jahre Bürgerkrieg, Chaos, Anarchie. Wer kümmert sich schon um Bildung, wenns ums nackte Überleben geht?

http://www.youtube.com/watch?v=J... re=related

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